Bad Saarow - Was hat er nicht schon mitgefiebert. Am Fernseher versteht sich. Denn als Union sich mit dem VfB Stuttgart um die Eliteliga duellierte, wusste Keven Schlotterbeck schon genau, wohin ihn sein Weg führen sollte. „Was man da mitbekommen hat, das fühlte sich toll an“, meinte der 22-Jährige, den die Eisernen für ein Jahr vom Ligakonkurrenten SC Freiburg ausgeliehen haben.

Der Kontakt zu den Köpenickern hatte schon länger bestanden. Denn nachdem er im Breisgau als Innenverteidiger an den etablierten Stammkräften nicht vorbeikam, meist in der Reserve sein Dasein fristete, wollte er Spielpraxis suchen. „Ich brauchte das für den nächsten Schritt“, meinte der 1,89 m große Abwehrrecke, der in Freiburg mit seinem Bruder Nico, 19, und einem weiteren Nachwuchsspieler in einer WG gewohnt hatte. Liga zwei wäre für den – wie er selbst sagt – Spätentwickler der logische Schritt gewesen.

Doch dann wendete sich durch das Verletzungspech der Arrivierten in der zweiten Saisonhälfte das Blatt. Keven, der bei seinem Vornamen oft drauf hinweisen muss, dass da kein i drin ist, fand sich in der Bundesligaelf wieder. Drei Mal sogar zusammen mit seinem jüngeren Bruder, der im Gegensatz zu ihm schon früh den Weg in das Nachwuchszentrum der Badener gefunden hatte. Der ist ebenso ein Linksfuß. Und auch weil Keven kein Bruderduell führen wollte, stand für ihn früh fest, dass er sein Glück woanders suchen wollte.

„Er hat eine gute Spieleröffnung, besitzt ein gutes Kopfballspiel und ist stark im Eins gegen Eins“, beschrieb Manager Oliver Ruhnert die Vorzüge des Zugangs. Stark im Nehmen ist er auch. Zwar musste er sich nach dem Vormittagstraining den Fuß tapen lassen, aber er tat das als nebensächlich ab. „Das ist nur ein Schlag. Am Nachmittag geht es weiter“, meinte der Abiturient, der sich hätte vorstellen können, Polizist zu werden, wenn es mit der Profikarriere nicht geklappt hätte.

Aufstieg erschwerte den Wechsel

Die scheint mit bisher neun Erstligaspielen auf dem Weg zu sein. Und so kurios es klingt, diese unerwartet eingetretene Erfolgsgeschichte erschwerte das angedachte Leihgeschäft. „Die Freiburger hatten schon ein paar Bauchschmerzen, dass ich zu einem Ligakonkurrenten wechseln wollte“, gibt Schlotterbeck zu. Doch mit der Rückkehr der Platzhirsche ins Team von Christian Streich sah das aus Weinstadt stammende Mitglied einer fußballverrückten Familie – sein Onkel Niels kickte für Freiburg und Hannover, sein Cousin Marvin Zimmermann kickt für die Reserve von Hannover 96, Papa Marc und Mama Susanne fiebern mit ihren Kindern immer im Stadion mit – seine Chancen auf Spielpraxis schwinden. Union erschien ihm als die bessere Option. Zumindest für die nächsten zwölf Monate. „Danach muss man weiter schauen“, gibt der in der Jugend bei den Stuttgarter Kickers ausgebildet Defensivmann zu.

Für Trainer Urs Fischer, der nach dem Abgang von Marvin Friedrich Ersatz brauchte, eröffnen sich neue Perspektiven in der Hintermannschaft. Mit Schlotterbeck als Partner von Florian Hübner kann der frühere Hannoveraner von der ungewohnten linken Stopperposition der letzten Spielzeit wieder auf seine bevorzugte rechte Seite wechseln. Was er gestern im Training auch gleich machte. Nun soll für ihn ein Traum in Erfüllung gehen. „Als ich in Backnang erstmals im Herrenbereich spielen musste, dauerte es etwas bis ich damit zurechtkam. Ich war a bissle zu fescht gebaut gewesen“, berichtete er im schönsten Schwäbisch. Feschter im Sinne von etwas übergewichtig. Etwas, das er durch eine veränderte Ernährungsweise, Krafttraining und Disziplin in den Griff bekam. Auch wenn er dadurch auf einiges verzichten musste. „Das stört mich aber nicht. Im Fußball hat man vielleicht zwölf Jahre. Danach kann man immer noch leben.“