Niels Giffey (r.) und Alba Berlin waren zuletzt im Aufwind, wurden aber am Sonntag von einem Coronafall im Team ausgebremst.
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BerlinEinen größeren Wechsel der Gefühlswelt hätte es kaum geben können. Als die Basketballer von Alba Berlin am Sonnabend nach langer Anreise mit einem Euroleague-Sieg im Reisegepäck aus Moskau in Bonn ankamen, schien ihre Welt noch gänzlich in Ordnung, war die Vorfreude auf das erste Saisonspiel auf nationaler Ebene sehr groß. Ein positiver Corona-Test in der Mannschaft aber brachte alles ins Wanken. Wenige Stunden nach der Rückkehr aus Moskau und vor dem angesetzten Pokalspiel gegen die Basketball Löwen Braunschweig herrschte große Ungewissheit.

Schnell war klar, dass das Spiel abgesagt werden muss. Aber: Um welchen Alba-Spieler es sich handelt, wurde nicht bekanntgegeben. Und auch die Frage danach, wie es für den Rest der Mannschaft nun weitergeht, blieb unbeantwortet. Die zuständige Gesundheitsbehörde wurde laut Alba und der Liga schnellstmöglich informiert, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen stand am Sonntag allerdings noch aus. Fest steht hingegen, dass der positive Corona-Test den Berlinern vorerst die Chance genommen hat, ihre guten Leistungen aus Moskau zu bestätigen und sich als Team weiter einzuspielen.

Sieben Spieler haben den Verein verlassen

Mit drei Niederlagen waren die Berliner in die Euroleague-Saison gestartet. Auf eine knappe Auswärtsniederlage in Tel Aviv folgten zwei deutliche Heimniederlagen gegen den FC Bayern München und Titel-Mitfavoriten Anadolu Efes Istanbul. Dabei machte sich nach zuletzt zwei überaus erfolgreichen Jahren der Umbruch bemerkbar, den Alba in diesem Sommer vollziehen musste. Sieben Spieler verließen den Verein, fünf neue galt und gilt es zu integrieren. „Wir haben ein paar wichtige neue Leute auf wichtigen Positionen“, sagte Alba-Kapitän Niels Giffey am Sonnabend nach der Ankunft in Bonn, „das hat es anfangs schwer gemacht, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden.“

Was in der neuen Teamzusammensetzung möglich ist, zeigte die Partie in Moskau. Zum ersten Mal in dieser Saison gelang es, die individuellen Qualitäten 40 Minuten lang zu einem starken Kollektiv zusammenzufügen. Nach jeweils 72 eigenen Punkten gegen Bayern und Istanbul erzielte Alba gegen CSKA 93 Zähler und verzeichnete erstmals mehr Assists (20) als Ballverluste (12). Zahlen, die an den Alba-Spielstil der vergangenen Jahre erinnern. Dass es kein leichtes Unterfangen ist, diesen Stil zu verinnerlichen, ist bekannt: Statt Angriff für Angriff die immer gleichen Systeme zu laufen, muss jeder einzelne Schützling von Coach Aito das Spiel und seine Mitspieler lesen lernen.

Besonders gilt dies für die neuen Aufbauspieler Maodo Lo und Jayson Granger. Mehr als alle anderen müssen sie verinnerlichen, welcher Mitspieler von wo am gefährlichsten abschließt, wer wann und wohin Cuts läuft und wie man das Pick and Roll mit wem am gewinnbringendsten spielt. „Man merkt, dass die Skillsets da sind. Das Selbstverständnis in den Systemen hingegen noch nicht immer“, sagt Giffey, „dass vielleicht noch nicht jeder immer alle Optionen kennt.“

Offensichtlich eine sehr gute Option für Alba war in den ersten Spielen Simone Fontecchio. Nach 16 Punkten bei seinem Alba-Debüt überzeugte der Italiener auch gegen Moskau mit 20 Zählern. Gleich sieben von ihnen erzielte er im zweiten Viertel in Serie – per Korbleger, einem Mitteldistanzwurf nach Laufweg um einen Sikma-Block herum und abschließend per Dreier vom Flügel. Fontecchio hat sich im System Aito schnell zurechtgefunden, erkennt die Lücken in der Verteidigung gut und nimmt die richtigen Laufwege zur richtigen Zeit.

Glaubt man Niels Giffey, wird es noch ein bisschen dauern, bis dieses mühelose Zurechtfinden im eigenen System für alle Akteure zur Normalität wird. „Das ist eine Art von Verständnis, das man in Spielen erst einmal entwickeln muss“, sagt Giffey. Wie es aussieht, wenn dies gelingt, hat der in den vergangenen Spielzeiten am eigenen Leib erlebt: „Am Ende der vergangenen Saison mussten wir über vieles nicht mehr sprechen. Da war klar, welche Entscheidungen in welchen Systemen für welche Spieler getroffen wurden. Du liest im Spiel etwas und dein Körper reagiert. Ohne, dass du darüber nachdenken musst.“ Bis sich ein solcher Zustand einstelle, brauche es natürlich Zeit, so Giffey. „Aber den ersten Schritt machen wir jetzt gerade.“

Dadurch, dass Giffey nicht nur Kapitän, sondern auch dienstältester Berliner ist, kommt ihm in diesem Prozess eine besondere Rolle zu: Zusammen mit Spielern wie Luke Sikma und Peyton Siva muss er Systeme erklären, Ansprechpartner sein und in puncto Einsatz und Intensität den Standard vorgeben. Giffey agiert dabei als eine Art stiller Anführer, als Vermittler von Philosophie und Spielsystem: Statt Lautsprecher zu sein, strahlt er Ruhe und Souveränität aus. Er spielt zwar offensiv wie defensiv mit hoher Intensität, aber dabei stets unaufgeregt.

Dazu gehört auch, nach einem schwierigen Saisonstart nicht in Panik zu verfallen. Er sei angesichts der drei Niederlagen zum Auftakt weder schockiert noch überrascht gewesen, versichert Giffey. Auch, weil die Berliner eben nicht mit Spielen gegen vermeintlich schwächere Gegner in die Saison gestartet sind, sondern es gleich mit europäischen Top-Teams zu tun hatten. Den ersten Saisonsieg in Moskau mache dies umso wertvoller, sagt Giffey und erklärt: „Er gibt uns eine gewisse Selbstsicherheit zurück.“ Bleibt aus Berliner Sicht nur zu hoffen, dass auch ein positiver Corona-Test dieser wiedergewonnenen Selbstsicherheit nicht allzu viel anhaben kann.