Jens Lehmann, 50, soll sportliche Expertise bei Hertha BSC einbringen.
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BerlinEin Hertha-Anhänger fragt auf Twitter: „War man mit Rune Jarstein und Thomas Kraft nicht mehr zufrieden?“ Eine ironische Anspielung ist das auf die Berufung des ehemaligen Nationaltorwarts Jens Lehmann in den Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA. Viele andere Bemerkungen der Fans des Bundesligisten fallen weitaus kritischer aus. „Sorry, da geht mir die Hutschnur hoch. Lehmann ist ein rotes Tuch“, schreibt einer. Ein anderer meint: „Die Bundesliga wird im Minutentakt unsympathischer.“

Herthas Großinvestor Lars Windhorst hat mit seiner Tennor-Holding Jens Lehmann, 50, und Marc Kosicke, 49, Gründer und Geschäftsführer der Agentur Projekt b und Berater prominenter Trainer, in den Aufsichtsrat bestellt. Dort gibt es neun Plätze, von denen Windhorst vier Positionen zustehen. Zur Berufung des 61-maligen deutschen Nationalspielers Lehmann teilte Herthas Manager Michael Preetz nun mit: „Wir pflegen selbstverständlich einen regelmäßigen Austausch mit Lars Windhorst und sind über den Vorgang informiert worden. Wir begrüßen beide herzlich in ihrer neuen Funktion bei Hertha BSC.“

Ein Mitglied im anderen Aufsichtsrat, dem des Hertha BSC e.V., der als Kontrollorgan größeren Einfluss besitzt als der Aufsichtsrat der KGaA, kommentierte zurückhaltend: „Unser Investor braucht eben immer große Namen. Das ist gut fürs Prestige.“ Rechtsanwalt Ingmar Pering, langjähriges Präsidiumsmitglied, sagte dieser Zeitung in Sachen Lehmann: „Das ist eine reine Windhorst-Entscheidung. Wir waren vorher nicht involviert, müssen das aber in diesem Fall auch gar nicht.“ Pering weiter: „In der Öffentlichkeit besitzt der Aufsichtsrat der Kommanditgesellschaft eine zu hohe Bedeutung.“

Jens Lehmann nimmt die seit Februar verwaiste Stelle von Jürgen Klinsmann ein. Windhorst will sportliche Fachkompetenz auf dem Posten. Lehmann ist ein ähnlich unbequemer Typ wie Klinsmann und kommentiert gern entgegen der öffentlichen Meinung. Als Torwart war er erfolgreich: Bei der WM 2006 etwa hielt Lehmann im Viertelfinale gegen Argentinien zwei Elfmeter, 5:3 nach Elfmeterschießen endete die Partie. 394 Bundesligaspiele und 148 Einsätze in der Premier League bei Arsenal London kann er aufweisen. Später arbeitete er als Assistenztrainer bei Arsenal unter Arsène Wenger und als Assistent unter Manuel Baum beim FC Augsburg.

Im Gegensatz zum ehemaligen Bundestrainer Klinsmann hat Lehmann keine bekannten persönlichen Verbindungen oder eine besondere Affinität zum Hauptstadtklub. Klinsmann war ja seit 2003 Ehrenmitglied des Vereins, sein Vater einst ein glühender Anhänger der Hertha. Windhorst sieht in den beiden Neuen als Plus die Kenntnis des Metiers: Lehmann und Kosicke „bringen ein hohes Maß an Erfahrung und Professionalität mit. Sie werden beitragen, die hohen Ziele von Tennor und Hertha zu erreichen und den Verein gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.“

Spannend erscheint die Personalie Kosicke. Der 49-Jährige berät seit vielen Jahren Fußballtrainer, darunter Ralf Rangnick, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Julian Nagels-mann. Welchen Einfluss Lehmann und Kosicke in Zukunft auf die Ausrichtung des Klubs nehmen werden, ist abzuwarten. Es heißt, Lehmann soll seine sportliche Kompetenz einbringen, Kosicke sich mit um die strategische Ausrichtung kümmern.

Klaus Brüggemann, Mitglied im Aufsichtsrat des e.V., sagte dieser Zeitung: „Ich kann nur für mich persönlich und nicht für den Aufsichtsrat sprechen. Zu Jens Lehmann kann ich wenig sagen, aber es ist natürlich immer gut, wenn weitere sportliche Kompetenz hinzukommt. Bei Marc Kosicke spricht schon die erfolgreiche Klientel, die er berät, für sich.“ Entscheidend aber in allen Fragen ist bei Hertha BSC weder der Aufsichtsrat der KGaA, noch der des e.V., sondern das Präsidium um Werner Gegenbauer. Und das tägliche Geschäft verantworten die Geschäftsführer Preetz und Ingo Schiller. Die Neuwahl des Präsidiums ist wegen der Corona-Krise auf den November verschoben worden. Die Mitgliederversammlung am 24. Mai wird nur eine virtuelle sein.

Erfreulich für Hertha aber ist, das Lars Windhorst, der nun zwei Vertraute installiert hat, auch in schweren Corona-Zeiten zu seinem Engagement steht und weitere Investitionen angekündigt hat. So kommt der Klub bislang besser durch die Krise als viele andere Bundesligisten.