Rekordmann: Valentino Lazaro trägt bei der „Nerazzurri“, den Schwarz-Blauen von Inter, die Trikotnummer 19. 
Foto: imago images

MailandFür 22 Millionen Euro (plus etwaige Bonuszahlungen) wechselte Valentino Lazaro im Sommer von Hertha BSC zu Inter Mailand. „Ein Weltverein“, wie der 23 Jahre alte Flügelspieler mit großer Begeisterung im exklusiven Interview mit der Berliner Zeitung sagt.

Ciao Tino, wie geht es Ihnen (auf Italienisch)?

Bene, bene. Grazie.

Wir waren überrascht: Kürzlich haben Sie nach dem Spiel gegen Hellas Verona ein Interview in fließendem Italienisch gegeben.

Es wird immer besser. Ich kann mich schon ganz ordentlich unterhalten. Auf dem Platz und in der Kabine verstehe ich fast alles. Das lernt man aber schnell. Anfangs habe ich noch viel Zeit mit den englischsprachigen Spielern wie Romelu Lukaku, Kwadwo Asamoah oder Alexis Sánchez verbracht. Mittlerweile unterhalte ich mich auch mit den Italienern. Ich glaube, dass mir Sprachen ganz gut liegen.  

Die EM-Qualifikation mit Österreich ist geglückt. Wie war die Stimmung auf der Länderspielreise?

Sagen wir es so: ausgelassen. Das ist ein riesiger Erfolg für uns. Wir sind ja anfangs nicht so gut gestartet. Es gab einen Moment, nach der zweiten Niederlage, wo die Stimmung im Land sogar fast gekippt ist. Aber davon hat sich die Mannschaft glücklicherweise nicht beirren lassen. Wir haben hintenraus zum Teil überragende Leistungen gezeigt.  

Wie schätzen Sie das Team ein? Was ist mit Blick auf die EM 2020 möglich?

Jeder Einzelne hat sich enorm weiterentwickelt. Fast jeder in unserem Nationalteam spielt bei einem großen Verein eine Rolle. Das Potenzial ist auf jeden Fall da. Für uns ist klar, dass wir in jedem Fall besser performen wollen als 2016.  

Mit Christopher Trimmel ist ein Spieler vom 1. FC Union dabei. Er musste neuneinhalb Jahre auf seine erneute Nominierung warten.

Das ist tatsächlich eine lustige Geschichte. Neuneinhalb Jahre, das ist wirklich eine verdammt lange Zeit. Mit seinen Leistungen in der Bundesliga ist Trimbo völlig zurecht dabei. Er geht voran, ist ein super Spieler und auch menschlich top. Er hat gute Chancen, auch im Sommer dabei zu sein.  

Mit Inter spielen Sie am Sonnabend beim FC Turin. Wie bewerten Sie Ihre Anfangszeit bei den Nerazzurri?

Es war schon vieles sehr neu für mich. Ein größerer Klub mit noch größeren Ambitionen, die Mitspieler, die Sprache. Aber alle haben mich gut aufgenommen. Ich habe mich vor der Saison gut gefühlt – bis mich eine Oberschenkelverletzung in der Vorbereitung zurückgeworfen hat. Das war ärgerlich. Ich hatte Einzeltraining, während die Jungs zusammen auf dem Platz standen. Das war hart. Das Team ist dann überragend in die Saison gestartet, hat alles gewonnen. Es gab keinen großen Grund für den Trainer zu wechseln. Der Trainer war in der Zeit aber total wichtig für mich, weil er mir Mut zugesprochen hat und meinte, dass ich auf meine Chance warten soll. Sie würde schon bald kommen.  

Und sie kam dann auch: Nach sieben Ligaspielen auf der Bank durften Sie beim 4:3 in Sassuolo auf dem rechten Flügel endlich ran. Sie haben Trainer Antonio Conte angesprochen. Wie ist Ihr Verhältnis?

Er ist der Mann, der mich letztlich überzeugt hat, nach Mailand zu kommen. Er wollte mich haben und hat das im Vorfeld in vielen Telefonaten deutlich gemacht. Antonio Conte ist ein Weltklassetrainer. Nicht nur, dass er etliche Titel geholt hat, seine tagtägliche Arbeit ist beeindruckend. Er arbeitet akribisch, legt großen Wert auf Taktik. Die Videoanalysen können bei ihm schon mal länger dauern. Er kann Spieler besser machen und eine ganze Mannschaft auf ein anderes Niveau bringen.

Zur Person

Valentino Lazaro wurde am 24. März 1996 in Graz geboren. Schon im Alter von 16 Jahren und 224 Tagen wurde er bei RB Salzburg in der Bundesliga eingesetzt. Der Flügelspieler wurde zwischen 2012 und 2017 fünfmal Österreichischer Meister und Pokalsieger. 2017 wechselte der Nationalspielers zu Hertha BSC. Für die Blau-Weißen machte er 65 Pflichtspiele. Im Sommer ging er zu Inter Mailand und unterschrieb einen Vertrag bis 2023. Lazaro ist Sohn eines angolanischen Vaters und einer Österreicherin mit griechischen Wurzeln.

Wie groß war der Sprung für Sie von Hertha BSC aus der Bundesliga zu Inter in die Serie A?

Das war schon eine Veränderung, klar. Die Ambitionen sind hier sehr, sehr hoch. Inter ist ein Weltverein. Überlegen Sie mal, wer hier alles gespielt hat: Figo, Ronaldo, Zanetti. Inter hat eine große Geschichte. Den Mythos spürt man.  

Gegen Bologna und Verona (beide 2:1) standen Sie zuletzt zweimal in der Startelf. Bei Ihrer Auswechslung gegen Verona, da legten Sie zuvor das 1:1 vor, wurden Sie im San Siro mit stehenden Ovationen gefeiert.

Ein besonderer Moment. Dafür arbeitet man tagtäglich hart. Es ist schön, dass ich jetzt endlich auch am Wochenende spielen kann. Auch in der Champions League gegen Prag und in Dortmund durfte ich ran. Das waren tolle Momente. Auf Instagram habe ich hinterher viele Videos gesehen von Fans, die aufstehen und mich feiern. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass das nicht guttut.  

22 Millionen Euro zahlte Inter im Sommer als Sockelbetrag für Sie. Sie sind damit Herthas Rekord-Abgang. Eine große Bürde?

Das ist ein stolzer Preis. Ich sehe es als große Wertschätzung, dass ein Verein wie Inter so viel Geld für mich ausgegeben hat. Das macht mich stolz. Aber im Hinterkopf muss man diese Zahl verdrängen. Das darf dich nicht beeinflussen. Ich bin selbstbewusst und will zeigen, dass ich zurecht für diese Summe geholt wurde.  

Inter feierte vor acht Jahren die letzten großen Erfolge: Meister und Champions League-Sieger 2010, Pokalsieger 2011. Ist in diesem Jahr endlich wieder ein Titel drin?

Inter will erfolgreich sein, immer! Man merkt schon im Umfeld, in der Stadt und bei den Fans, dass eine gewisse Aufbruchsstimmung zu spüren ist. Der Verein hat viel investiert und sich im Sommer verändert. Die Fans sehnen sich nach Titeln. Das ist natürlich auch von jedem Spieler ein Traum. Wir hängen uns in jedem Spiel voll rein und wollen uns täglich verbessern.  

Herr Lazaro, hatten Sie eigentlich Vorbilder?

Aber ja doch. Mein größtes Idol war Ronaldinho. Ich hatte als Kind ein Trikot von ihm. Als er bei AC Milan gespielt hat, habe ich sehr viel Serie A geschaut. Die Liga war großartig. Juve, Inter, Milan – die Vereine haben die Königsklasse aufgemischt. Es ist irgendwie verrückt, dass ich jetzt ein Teil davon bin.  

Schwelgen wir weiter in Erinnerung: Das altehrwürdige Stadion San Siro wird abgerissen.  

Das Stadion ist ganz besonders. Es hängt unfassbar viel Geschichte dran. Als ich das erste Mal durch die Gänge gelaufen bin, hatte ich Gänsehaut. Als ich erstmals in der Kabine saß, habe ich kurz nachgedacht, wer hier alles schon gesessen hat und was für bedeutende Spiele hier schon ausgetragen wurden – Wahnsinn! Ich habe aber auch die Pläne vom neuen Stadion gesehen. Das wird schon schön.  

Big City Club? Mir gefällt es, dass Hertha höhere Ambitionen hat.

Valentino Lazaro, 23

Blicken wir auf Hertha. Ihr früherer Verein hat mit Lars Windhorst einen neuen Investor, der schon 225 Millionen Euro reingesteckt hat. Wie finden Sie das?

Ich finde das gut. Ich habe damals schon gesagt, dass Hertha ein Riesenverein ist, der unglaubliches Potenzial hat und sich nicht verstecken muss. Aus dem Ausland schaut man neidisch nach Berlin. Es ist gut, dass man diesen Schritt eingeleitet hat. Big City Club? Mir gefällt es, dass der Klub höhere Ambitionen hat.  

Hertha steckt allerdings in einer sportlichen Krise, hat zuletzt drei Spiele in Folge, darunter das Derby gegen Union (0:1), nicht gewinnen können. Trauen Sie Trainer Ante Covic die Kehrtwende zu?

Ich bin immer noch mit vielen Spielern in Kontakt. Wie ich höre, hat Ante das Team im Griff. Es ist nicht einfach, wenn du eine Mannschaft neu übernimmst und die Erfolge ausbleiben. Ein Derby zu verlieren, ist immer unschön. Das Team braucht jetzt einfach Erfolgserlebnisse. Das Potenzial ist enorm. Ich glaube weiterhin, dass Ante der richtige Mann ist.  

Niklas Stark durfte endlich sein Debüt im DFB-Trikot feiern – nach zehn Anläufen. Auf Instagram gratulierten Sie mit den Worten „Dass ich das noch mal erleben darf“.

Das ist doch eine Wahnsinns-Geschichte, oder finden Sie nicht? Wer verletzt sich schon nachts an einem Tisch? Nik ist ein Kämpfer. Ich hoffe, dass er irgendwann lachend darauf zurückblicken kann. Ich bin froh, dass es geklappt hat.  

Zum Abschluss ein ernstes Thema: Die Serie A wird immer wieder von fremdenfeindlichen Vorfällen überschattet. Zuletzt wurde Ihr Freund und Teamkollege Romelu Lukaku vor einem Elfmeter in Cagliari mit Affenlauten beleidigt. Hat der italienische Fußball ein Rassismusproblem?

Es ist traurig, dass wir im Jahr 2019 immer noch darüber reden müssen. Und es ist natürlich gut zugleich, dass wir immer wieder darüber sprechen. Rassismus ist generell ein riesiges Problem. Wir alle müssen dagegen etwas tun. Das hat in unserer Welt nichts zu suchen. Es ist gut, dass wir zusammenhalten und ein Zeichen setzen. Wir müssen dagegen vorgehen. Wir sind stärker!