Erik Lesser konzentriert sich in diesem Jahr ganz auf die zweite WM-Woche
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BerlinAn diesem Donnerstag startet in Antholz/Italien die Biathlon-WM offiziell. Für Erik Lesser, 31, beginnen die Wettkämpfe, wenn überhaupt, allerdings erst in der kommenden Woche. Denn der Weltmeister und Olympia-Zweite früherer Jahre hat die deutsche Qualifikationsnorm nicht geschafft. Dennoch haben die Trainer den Thüringer als Ersatzmann nominiert. Im Interview spricht er über eine schwierige Saison und Tage im Wartestand.

Herr Lesser, wie fühlt sich diese WM im Vergleich zu vergangenen Großevents für Sie an?

Ich könnte jetzt sagen: ziemlich bescheiden, dass ich total am Boden bin und nicht weiß, wie es weitergehen soll, das klingt so dramatisch. Aber ich habe mich mit der Situation eigentlich abgefunden, dass ich kein fester Bestandteil der WM-Mannschaft bin und dass jemand krank werden muss, damit es mit einem Einzelstart etwas wird.

Aber dennoch müssen Sie jederzeit bereit für einen Einsatz sein.

Im Sprint und in der Verfolgung weiß ich ja schon, dass ich so gut wie sicher nicht dabei bin. Und wenn im Einzel jemand krank wird, bin ich der Erste, der nachrückt. Ich werde nicht jeden Tag darauf hoffen, dass jemand krank wird, aber auf diese Situation bereite ich mich vor. Ich habe meine Wettkampfplanung entsprechend angepasst.

Zur Person

Anfänge: Erik Lesser wechselte 1999 im Alter von elf Jahren vom Langlauf zum Biathlon. 2008   startete er in Ruhpolding bei seiner ersten Junioren-Weltmeisterschaft, am 12. März 2010 gab er sein Debüt im Weltcup. Zweimal war es bis heute im Einzel erfolgreich, die weiteren Siege feierte er in der Staffel und im Mixed.
Erfolge: Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte der gebürtige Suhler in den Jahren 2015 und 2016. Bei der Weltmeisterschaft in Kontiolahti gewann er Gold in der Einzelverfolgung und in der Staffel.   Bei den Olympischen Spielen in Sotschi holte er Silber im Einzel und in der Staffel. Sein bestes Weltcupergebnis in diesem Jahr war ein 14. Platz.

Das heißt konkret?

Ich bin die erste Woche in Antholz nicht dabei, sondern beim IBU-Cup (die sogenannte Zweite Liga im Biathlon; d. Red.). Ich reise dann erst am Sonntag nach dem Verfolger nach Antholz und bin dann Ersatzmann für das Einzel und die Staffel. Wenn ich also erst ab der zweiten Woche vor Ort bin, komme ich ganz gut damit klar, wenn ich gefragt werde, warum ich trotz verpasster Norm zum Team gehöre.

Lesser muss sich rechtfertigen

Sie müssen sich also dafür rechtfertigen zum WM-Team zu gehören?

Das spielt in meinen Gedanken schon immer mal wieder eine kleine Rolle. Für Roman Rees ist es echt doof gelaufen, der ja zuletzt zwei echt gute Rennen abgeliefert hat, aber trotzdem hat es nicht für die halbe WM-Norm gereicht. Bei mir hat es im letzten Rennen mit ganz viel Glück immerhin zu Platz 14 und der halben Norm gereicht. Aber keine Frage: Er hätte genauso den Ersatzmann machen können. Aber ich freue mich natürlich, dass ich das Vertrauen der Trainer bekomme.

Sie haben bislang eine erfolgreiche Karriere hinter sich. Wie geht man damit um, plötzlich im zweitklassigen IBU-Cup zu starten?

Klar, man denkt am Anfang schon mal: So einen Quatsch musst du dir jetzt nicht mehr antun und du beendest einfach deine Karriere. Aber so will ich natürlich auch nicht aufhören, denn ich weiß, dass ich noch mehr kann. Ob es noch reicht, um eine Medaille bei einer WM zu gewinnen, weiß ich nicht.   Dieses Jahr ist es jetzt einfach so. Ich habe damit null Probleme. Ich bin ja nicht der Erste, der aus dem Weltcup dorthin wechselt, weil er eine schlechte Phase hat.

Welche Rolle spielt diese Saison für die weitere Karriereplanung?

Die Frage habe ich mir selbst noch nicht ganz beantwortet. Aber mein erstes Ziel ist es, nächste Saison verletzungsfrei durchzukommen, das habe ich letztes Jahr nicht geschafft. Im Sommer hatte ich wegen meines Schlüsselbeinbruchs viele Einheiten nicht mitmachen können, ich bin deshalb erst spät in die Saisonvorbereitung gestartet.

Leistungsträger mit Problemen

Einige Leistungsträger früherer Jahre wie Simon Schempp oder Franziska Hildebrand konnten sich ebenfalls nicht für die WM qualifizieren. Gibt es da einen Zusammenhang?

Jeder hat ja individuelle Probleme und muss für sich eine Lösung finden. Es gibt ja auch in anderen Nationen Sportler in diesem Alter, die irgendwann mal eine schwächere Phase hatten.   Auch Ole Einar Björndalen (früher ein dominanter Biathlet aus Norwegen; d. Red.) musste irgendwann sein Training umstellen, um mithalten zu können. Jeder muss sehen, dass er vielleicht was Neues oder Anderes einbaut, ohne alles in Frage zu stellen, was früher mal zu Erfolgen geführt hat.

Dass nun ein Benedikt Doll zu den aussichtsreichsten deutschen WM-Teilnehmern zählt, spricht zugleich für einen Generationswechsel.

Ein Generationswechsel ist gut für unseren Sport und unsere Mannschaft. Jetzt haben die Jüngeren eine Chance und können sich zeigen. Da müssen wir Älteren auch einfach einsehen, dass es Bessere gibt.