Pal Dardai ist stolzer Ungar, bekennender Berliner und seit über zwanzig Jahren praktizierender Herthaner. Er hat in der Champions League gespielt, als Trainer ist ihm im zweiten Anlauf immerhin die Qualifikation zur Europa League gelungen. Donnerstagabend um 21.05 Uhr im Olympiastadion trifft sein Team auf Athletic Bilbao. Im Interview spricht Dardai über Heimat, Urlaub, wahre Freundschaft – und Westsüßigkeiten.

Herr Dardai, wann haben Sie zum ersten Mal Ungarn verlassen?

Ich hatte Riesenglück. Du weißt bestimmt, wenn du dich ein bisschen mit Geschichte auskennst, die Welt war damals anders. In Ungarn war es so, dass du alle vier Jahre in den Westen reisen konntest. Du hast deine Papiere gezeigt und dann ein Visum gekriegt. Ich war schon mit vier Jahren in Westdeutschland, in Rohrbach, das liegt zwischen Ingolstadt und Pfaffenhofen, da wohnte eine Tante von mir. Wir waren immer zwei, drei Wochen da. Meine Mutter hat schwäbische Vorfahren.

Westreisen waren ein Privileg.

Ich durfte auch durch den Fußball früh ins Ausland fahren. Als ich zehn Jahre alt war, war ich mit meinem Jugendklub in Rom, da war ein Riesenturnier, Großfeld, wir sind Dritter von sechzig Mannschaften geworden. Mein erster Flug mit der Jugendnationalmannschaft ging nach Moskau.

Hatten Sie eine glückliche Kindheit?

Es war ein schönes Leben. Es ging uns besser als vielen anderen. Ich war das einzige Kind in der Schule mit Jeans, mit Puma- und Adidas-Schuhen. Ich hatte Haribo, Donald-Duck-Kaugummis, einen Commodore 64 – was gab’s damals noch? Diese After Eight, kennst du die? Ich sehe das alles immer noch vor mir. Es gab damals in Ungarn solche Dollarshops, da konntest du alles kaufen, wenn du Geld gehabt hast. Wir hatten an Weihnachten und auch davor schon Bananen, Orangen. Viele im Land hatten so etwas niemals gesehen. Und mein Vater hatte als erster in unserer Stadt ein Westauto – das durfte man eigentlich nicht haben.

Haben Sie auch den Ostblock bereist?

Wir Ungarn haben nicht so viel auf die Slowakei geschaut, in die Ukraine oder nach Rumänien, sondern, wenn schon Osten, dann nach Jugoslawien. Es war damals ein Land, wo man gut leben konnte. Dort gab es alle Sportartikel und Markenklamotten. Wir waren oft an der Adria, Dubrovnik, diese Richtung.

So frei war die Welt damals nicht.

Als Kind habe ich das nicht so empfunden, keinen Druck gespürt. Die ältere Generation, die musste schauen, wer wen wo bespitzelt. Ein Spieler hat den anderen beobachtet, und dann hat er alles aufgeschrieben, was der gesagt hat, wo der war. Weißt du, in meiner Zeit gab es so etwas nicht mehr.

Wo machen Sie heute Urlaub?

Es gab eine Zeit, da sind wir nach Griechenland gefahren, auch nach Italien, wir haben Städtereisen gemacht, Disneyland in Paris zum Beispiel. Aber vor ein paar Jahren haben wir als Familie die Entscheidung getroffen, dass wir nur noch nach Ungarn fahren, an den Plattensee, die Kinder wollen auch da hin. Meine Söhne spielen Fußball und dadurch, dass sie bei Hertha spielen, kommen sie schon viel rum. Wenn du dann genug hast von Reisen, bist du froh, wenn du zu Hause bist. Und Ungarn, das ist immer noch ein Zuhause für uns. Der Plattensee ist so sauber, ich gehe sogar soweit, zu sagen, es ist der sauberste Süßwassersee Europas. Da können wir baden oder mit dem Boot hinausfahren. In Ungarn ist die Tradition, das gute Essen.

Wann waren Sie zuletzt dort?

In der Länderspielpause. Ich habe Freunde eingeladen: zwölf Menschen, ein Haus, drei Tage lang. Wir haben uns gefühlt wie damals, als wir 16, 17 waren. Es war so lustig. Ich habe meinen Körper so vollgeladen mit Kraft, dass ich die nächsten Wochen locker überstehe.

Haben Sie viele Freunde?

Also, ich bin vielleicht ein komischer Mensch, ich habe nur wenige – aber die habe ich immer noch. Wenn du ins Ausland gehst, werden es normalerweise weniger Freunde, bei mir nicht. Weißt du, vielleicht redet man drei oder vier Wochen nicht miteinander. Aber dann sieht man sich wieder, und man kann sofort dort weitermachen, wo man aufgehört hat. Das ist Freundschaft.

Reden Sie auch über Politik?

Nein, weil ich sowieso ein Mensch bin, der sich derzeit nicht so sehr dafür interessiert, weil ich keine Zeit habe dafür. Sport ist mein Leben. Natürlich schaue ich ins Internet, lese die wichtigsten Nachrichten. Ich versuche, einfach vernünftig zu leben, keine schlimmen Sachen zu machen, ein Vorbild zu sein.

Vielleicht ein Wort zu Viktor Orban?

Ich kann nur sagen, was er für den Sport gemacht hat in Ungarn, das ist einfach Hammer. Da können viele Sportler Danke sagen. Überall gibt es neue Stadien, neue Hallen, auch für Leichtathleten, nicht nur für den Fußball. Wenn du das mit anderen Ostländern vergleichst, hat Ungarn bei der Infrastruktur im Sport große Schritte nach vorne gemacht. Ohne Orbans Unterstützung hättest du das nie geschafft. Alles andere kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Europapokalreise mit Hertha erinnern?

Ja, das war auf Zypern, gegen Anorthosis Famagusta. Das Hinspiel dort war ein 0:0. Ich bin von der Mittellinie losgelaufen und hatte eine Eins-gegen-eins-Situation, aber ich habe ihn nicht reingemacht. Ich glaube, der Trainer war sauer. Aber daheim haben wir gewonnen. Ali Daei hat ihn reingeköpft und dann hat Micha noch getroffen, dann haben wir uns qualifiziert für die Champions League. Mein erstes Europapokalspiel hatte ich mit Budapesti VSC. Ich weiß nicht mehr gegen wen – musst du mal nachschauen.

Flughafen, Hotel, Stadion und zurück – ist das eine typische Fußballreise?

Mit Hertha war es immer so, wie du sagst. Mit der Nationalmannschaft nicht. Weil du da zwei Tage früher anreist. Du hattest immer einen Extratag, und da haben wir immer eine kurze Stadtbesichtigung gemacht. Aber wichtig ist letztlich immer nur das Spiel und der Sieg. Du bist Fußballer. Du bist Sportler. Du beschäftigst dich nicht damit, wie schön ein Museum ist. Das machst du im Sommer mit deiner Frau oder deinem Kumpel.

Ist es also egal, ob man in Borissow oder Barcelona spielt?

Nein, und das spürst du auch als Spieler. Gegen große Gegner hast du plötzlich Reserven, mehr Adrenalin, diesen Extrakick. An diesem Tag gibst du gefühlt noch mehr als dein Bestes. Deswegen ist es eine gefährliche Konstellation für uns. Wir spielen in Schweden, in der Ukraine, die werden genau mit dieser Einstellung gegen uns auftreten. Da kommt ja ein Bundesligist, das ist auch für die Fans anders. Bilbao, das ist normaler für die und für uns auch.

Haben Sie als Spieler eigentlich Trikots gesammelt?

Ich war kein großer Sammler, ich habe die meisten verschenkt. Ich habe eine große Familie, es gibt immer noch Menschen, die beleidigt sind, weil ich ihnen keins gegeben habe. Ich war mehr der Typ, der gleich in die Kabine gegangen ist. Ich habe nur ein Trikot von David Beckham, ich war Kapitän, er auch, wir haben nach einem Länderspiel getauscht. Von Schweinsteiger habe ich auch noch eins, als er noch ganz jung war. Das hängt bei meinem Sohn an der Wand.

Und gab es Geschenke nach jeder Reise?

Nein. Stell dir mal vor, jedes Woche ein neues Geschenk! Am Anfang habe ich das noch gemacht. Heute fragt keiner mehr danach. Guck doch mal, ich bin als Kind auch so aufgewachsen. Mein Vater war am Wochenende weg, damals waren das noch Busreisen. Und als er nach Hause kam, abends oder in der Nacht, ich habe meistens schon geschlafen, lag am Morgen meine Lieblingsschokolade im Kühlschrank. Was ist heute schon Schokolade? Gibt es doch überall. Damals warst du glücklich, dass Papa an dich gedacht hat. Irgendwann habe ich gefragt: Papa, wo ist die Schokolade? Er hat gesagt: Du bist jetzt schon groß, mein Junge.