Voll besetzt: das Berliner Olympiastadion während der Leichtathletik-EM 2018.
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BerlinDiesen Sonnabend versammelt sich Berlins Sport  bei einer Gala in Neukölln, auf der die Champions des Jahres gekürt werden. Das Motto im Ballsaal: Olympia in Tokio 2020. Ob es in absehbarer Zukunft auch wieder eine deutsche Olympiabewerbung gibt?  Aus Nordrhein-Westfalen? Berlin?  Hamburg? Darüber wurde gerade bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) diskutiert. Die Berliner Position erläutert Kaweh Niroomand, Sprecher der Berliner Profiklubs, BR Volleys-Manager und Vizepräsident im DOSB. 

Herr Niroomand, eine deutsche Olympiabewerbung kann es nur aus NRW geben. Berlin und Hamburg sind aus dem Rennen. Richtig?

Das ist das, was die Medien aus den Äußerungen der Mitgliederversammlungen mitgenommen haben. Fakt ist, dass Hamburg gesagt hat, für 2032 steht man nicht zur Verfügung. Bei Berlin ist das viel differenzierter.

Inwiefern?

Wie man weiß, haben der Sportsenator und der Präsident des Landessportbundes mehrfach das Interesse Berlins an der Austragung von Olympischen Spielen bekundet. Zwar mehr mit der Intention 2036, aber eine andere Jahreszahl ist nie ausgeschlossen worden. Der Berliner Senat hat zu diesem Thema  nie eine offizielle Äußerung getätigt – bis auf die  genannten Einzelbeispiele.

Zur Person

Kaweh Niroomand engagiert sich als Manager des deutschen Volleyball-Meisters BR Volleys und Sprecher der sechs großen Berliner Profivereine seit Jahren für die Sportmetropole Berlin. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde der 67-Jährige, der im Iran zur Welt kam und seit 1971 in Berlin lebt, zum Vizepräsident Finanzen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt.

Das bedeutet?  

Klar ist, dass man so eine Bewerbung in Berlin nie gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen kann. Um sie zu überzeugen, braucht man eine Vorarbeit. Die Vorarbeit müsste den Sinn der Olympischen Spiele für eine Stadt, für eine Bevölkerung klarer machen. Sinn ist sicher nicht, zwei Wochen hier ein Happening zu haben.  Eine Bewerbung wird nur erfolgreich sein, wenn man lange genug mit den richtigen Akteuren die positiven Nebenwirkungen erläutert, die so ein Ereignis für die Stadtentwicklung hat.

Welche positive Nebenwirkungen?

Der Goldene Plan, den Horst Seehofer bei der DOSB-Mitgliederversammlung vorgestellt hat, ist ja ein sehr gutes Beispiel, wie der Sport dazu beitragen kann, Stadt- und Infrastrukturentwicklung nachhaltig zu betreiben und dabei auf viele Ziele der aktuellen Diskussion, die gerade von der Jugend ausgeht, positiv einzugehen.  Dies könnte einen enorm positiven Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre haben.

Ist der Goldene Plan die Antwort auf die gescheiterten Olympia-Volksabstimmungen in Deutschland?

Es ist mehr. Der Innenminister ist ja auch für Heimat zuständig. Hessens Ministerpräsident Bouffier hat gesagt: Wenn man die Sportvereine lebendig, Sportstätten modern aufstellt, kann das sehr zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen.  

Freizeitsportler sagen: Okay, die Hallendusche funktioniert wieder, also kann Olympia kommen?

Ich denke, dass viele heute nicht mehr in Vereine gehen aufgrund dieser mangelnden Infrastruktur. Aber Vereine sind die sozialen Tankstellen in der Gesellschaft. Generell geht es uns in der Olympia-Diskussion in Berlin ja darum, dass wir eine zukunftsorientierte Infrastruktur schaffen wollen. Die Jugend von heute kann dann in 14 Jahren die Jugend der Welt zu sich einladen und sagen: Schaut mal, wie diese Stadt sich entwickelt hat – mit Olympia am Horizont. Der Sport greift in viele Bereiche hinein: Gesundheit, Integration, Nachhaltigkeit. So ein Horizont kann vieles beschleunigen.

Die Initiative NRW 2032 hat die Berliner Sportpolitik  gewaltig überholt.

In NRW hat man viel früher angefangen, sich dieses Themas anzunehmen. Weil das eine private Initiative ist, von Unternehmen finanziert. Wir in Berlin machen ständig kleine Olympische Spiele, indem wir Großveranstaltungen organisieren.  Berlin fängt nicht bei null an. Deswegen betont der DOSB-Präsident immer wieder, die Ausrichtung der Olympischen Spiele kann nicht an Berlin vorbeigehen. Die Sportwelt erwartet, dass sich Berlin positioniert. Wenn Sie in ein Spiel gehen, müssen Sie ja immer bestrebt sein, Ihre besten Leute aufs Feld zu bringen. Jetzt muss man schauen: Hat Berlin diese Voraussetzungen? Ja oder nein?   

In NRW hat Manager Michael Mronz Ministerpräsident Armin Laschet hinter sich und 14 Bürgermeister.

Das ist ein sehr gutes Projekt, sehr durchdacht, sehr nachhaltig. Man hat die Landespolitik auf seiner Seite, Laschet hat, seitdem er Ministerpräsident ist, den Sport mit einer eigenen Staatssekretärin in die Staatskanzlei geholt. Er hat vor drei Wochen eine Abstimmung im Parlament durchgeführt. Es ist ein deutliches Signal, dass sich die Politik mehrheitlich zu dieser Bewerbung bekennt.

Mronz hat bei IOC-Präsident Thomas Bach sein Konzept vorgestellt. Auch das hat NRW Berlin voraus.  

Absolut. Die NRW-Bewerbung ist in allen Belangen schon sehr weit. Daher ist es für Berlin auch eine Frage der Zeit. Wie gesagt, das Thema ist vom Berliner Senat nie ernsthaft behandelt worden.

Berlins Sportpolitik hat geschlafen?

Das könnte man annehmen. Aber wir haben nicht geschlafen. Wir haben versucht, in den letzten Monaten die Grundideen einer solchen Bewerbung zu entwickeln. Wir haben Gespräche mit dem DOSB geführt. Wir haben eine Analyse gemacht, das wird auch Teil der Analyse des DOSB sein, was die vorherigen Bewerbungen der Stadt gebracht haben. Wenn man so will, haben wir uns auf einem leiseren Weg vorbereitet. Das steht Berlin gut zu Gesicht. Was sind die Inhalte, was die Ziele? – bevor man  den Fehler aus der Vergangenheit wiederholt, als man dachte: Naja, an Berlin geht eh nichts vorbei.

Ein Vorwurf lautet ja, dass der DOSB keine Lobby im IOC hat.  

Ich kann nur sagen, dass der IOC-Präsident in den letzten acht Monaten zweimal an Präsidiumssitzungen des DOSB teilgenommen hat, unabhängig von vielen anderen Treffen. Die Entscheidungsfindung seitens des IOC ist in Zukunft anders als bisher. Über eine Kommission wird ein Dialogverfahren mit den interessierten Städten in Gang gesetzt. Daraus ergibt sich eine Empfehlung für die finale Entscheidung der IOC-Gremien.

NRW hat sich zum Kandidaten gemacht, ohne vom DOSB dazu gekürt worden zu sein. Bis wann wird es denn eine klare Entscheidung geben?

Das ist ja die nächste schwierige Situation. Es gibt nicht mehr wie früher ein klares Datum, an dem der Antrag eingestellt, das Bidbook abgegeben sein muss. Das ist alles fließender. Entscheidend ist, dass der DOSB sich ein durchdachtes Verfahren zur Entscheidungsfindung zurechtgelegt hat. Wenn die Faktenlage geklärt ist, wird man das der Öffentlichkeit erklären. Ich gehe davon aus, dass das im Lauf des Jahres 2020 geschehen wird.

Was wäre mit Berlin, wenn sich der DOSB für NRW entscheidet?

NRW will sich ja nur 2032 bewerben. In der Berliner Sportcommunity gibt es durchaus Tendenzen, auf 2036 zu gehen. Das macht die Sache nicht einfacher. Es gibt viele Meinungen, ob dieses Datum ein geeignetes Datum ist. Die einen meinen, in der Diskussion des Auseinanderfallens von Europa wäre es ein guter Beweis zu zeigen, wie wichtig Zusammenhalt ist und welche Unterschiede es zu den 1936er Spielen gibt. Die anderen sagen, rechte Positionen könnten dieses Datum ausnutzen zu Protesten oder Aufmärschen. Das ist natürlich etwas, was wir alle nicht wollen.  

Beim letzten Anlauf waren Sie in Berlin als „Mister Olympia“ unterwegs. Würden Sie das wieder machen?

Mein Wunsch ist nicht, ein Amt zu haben. Ich bin als Mensch überzeugt, dass Olympische Spiele der Entwicklung einer Stadt in Richtung einer sozial nachhaltigen, modernen Stadt sehr viel helfen können.

 Dazu müsste  der Berliner Senat in die Puschen kommen.

Das Gesicht einer solchen Bewegung muss von Anfang an die Zivilgesellschaft sein. Der Rückhalt muss in der Politik verankert sein. Das sind die offiziellen Vertreter der Stadt. Ohne die würde das gar nicht gehen. Wenn wir das zusammenkriegen, ist das natürlich eine ideale Formation.