Versöhnlicher Abschluss: Die deutschen Handballer verabschieden sich nach dem Spiel gegen Portugal von ihren Fans.
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StockholmAm Sonnabend besiegte die deutsche Handball-Nationalmannschaft zum Abschluss der Europameisterschaft 2020 im Spiel Platz fünf Portugal 29:27, feierte anschließend den Erfolg bei einem Nobelitaliener im vornehmen Stockholmer Stadtteil Östermalm. So ganz zufrieden konnte dabei aber natürlich keiner sein, nach einem Turnier, bei dem das Team von Bundestrainer Christian Prokop letztlich die hohen, vielleicht auch zu hohen Erwartungen  nicht erfüllen konnte. Bei der Ursachenforschung zogen wir Markus Baur mit heran, der als Spieler und Trainer große Erfolge vorzuweisen hat. 2000 und 2002 war der 49-Jährige Handballer des Jahres.

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Herr Baur, spiegelt Platz fünf den aktuellen Leistungsstand der deutschen Nationalmannschaft wider?
Die Verletztensituation trägt natürlich dazu bei. Wir sind in der Lage, gegen alle Gegner, die mitspielen, zu gewinnen, aber nicht mit einer Selbstverständlichkeit. Es muss alles passen, damit wir die Top-Teams schlagen können. Aber wir haben aktuell noch ein Defizit, besonders wenn es darum geht, unsere Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt abzurufen.

Fehlte da vielleicht ein Spielmacher, der die Übersicht behält?
Ich wusste schon, dass da jemand fehlt und wollte mich überraschen lassen, wer in die Bresche springt. Alle haben immer von Paul Drux gesprochen, aber er kam auch schwer in das Turnier. Wer es im Verlauf besser gemacht hat, war Philipp Weber. Der hat mehr Verantwortung übernommen und in den wichtigen Phasen Entscheidungen getroffen. Aber das hat ja nichts mit Spielsteuerung zu tun, sondern mit individueller Qualität.

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Zur Person

Markus Baur war zu seiner aktiven Zeit eine zentrale Figur im Spiel der deutschen Handball-Nationalmannschaft, auch beim Gewinn des WM-Titels im Jahr 2007. Mit dem TBV Lemgo holte er 2003 den deutschen Meistertitel. Sein größter Erfolg als Trainer ist der Gewinn der Schweizer Meisterschaft mit den Kadetten Schaffhausen in den Jahren 2014 und 2015.

Den klassischen Spielmacher, wie Sie es waren, gibt es kaum noch. Die Mannschaften, die vorne stehen, haben das. Bei den Deutschen könnte Marian Michalczik irgendwann diese Lücke schließen. Er hat die Qualität dafür. Martin Strobel haben wir in der Pipeline, Tim Suton ist vielleicht auch so ein Typ – aber nicht als reiner Mittelmann. Das fehlt der deutschen Mannschaft.

Dem Team ist es nicht gelungen, über die Emotionen ins Spiel kommen, eine Euphorie zu entfachen. Schon der Einstieg ins Turnier war ja holprig.
Holland fand ich nicht so schlecht. Das war für den Auftakt ein gutes Spiel. Spanien war dann etwas anderes, da hat es einfach gehakt. Das hat mich echt gewundert und das kann ich mir auch nicht erklären.

Waren die vorher ausgegebenen Erwartungen aufgrund der Verletzungsprobleme, aber auch aufgrund der Qualitätsmängel einfach zu hoch?
Naja, dass wir bei der Heim-WM eine Medaille wollten und bei Olympia Gold, wurde schon vor Jahren festgelegt. Mit dem Europameisterschafts-Sieg 2016 haben wir zumindest angedeutet, was möglich ist, und theoretisch hat sich der Kader nicht groß verändert.

Können Sie die Kritik an Christian Prokop nachvollziehen?
Ich weiß nicht, ob es gerechtfertigt ist, aber ich kann es nachvollziehen. Wenn jemand Bundestrainer ist und viel Transparenz in den Spielen herrscht, sprich, die Leute bekommen Dinge wie Auszeiten mit, dann wird es auch immer Menschen geben, die es besser wissen. Das ist normal. Schlimmer ist allerdings, wenn es aus dem eigenen Stall kommt.

Sie meinen Bob Hannings Aussage vor dem Spiel gegen Österreich.
Der DHB-Vizepräsident hatte da ja bemerkt, dass es sich nun zeigen werde, was diese Mannschaft mit ihrem Trainer macht. Da wäre es vielleicht schlauer gewesen, sich zurückzuhalten. Er hat an einem Tag etwas gesagt und es am nächsten zurückgenommen. Ich weiß nicht, ob er sich da vertan hat oder ob es bewusst war. So wie man ihn kennt, macht er aber nichts ohne Hintergedanken.

Können Sie sich die Hintergründe dieses Verhaltens erklären?
Möchte ich gar nicht. Ich mache mir dazu keine Gedanken, weil ich der Meinung bin, dass sich so etwas während eines Turniers nicht gehört. Wenn einer sagt, er gehört zum Stab dazu, dann macht man das nicht, außer man zählt sich nicht dazu. Das passt nicht zu den Werten und Abmachungen in einem Team. Die sollten nicht gestört werden.