Zum zweiten Mal hintereinander hat sich Alexander Zverev, 21,  für die ATP-Finals  in London qualifiziert, wo  die acht besten Tennisspieler des Jahres  aufschlagen.     Ein guter Anlass, um  Deutschlands besten Profi auf ein bewegtes  Jahr zurückblicken zu lassen. 

Herr Zverev, in der vergangenen Woche beim Mastersturnier in Paris tat Ihnen die Schulter weh. Wie geh es Ihnen jetzt.

Ich hatte Probleme beim zweiten Aufschlag, dem Kick-Aufschlag, wenn ich den Arm komplett geradestellen muss.  Deshalb habe ich neun Doppelfehler gemacht. Irgendwann kommt das auch im Kopf an, du bist kaputt, machst dir Sorgen, und dann verlierst du halt so ein Match. Jetzt geht es mir gut, aber ich bin wie alle Topspieler müde. 

Wenn Sie zu Beginn des Jahres nach Ihren Zielen gefragt werden, dann sagen Sie: „Darüber rede ich erst, wenn das Jahr vorbei ist.“  Jetzt ist es fast vorbei, was hatten Sie sich vorgenommen?

Verschiedene Dinge. Ich wollte unbedingt zeigen, dass es kein Zufall war, was ich im Jahr vorher geleistet habe. Ich war Top 5, aber da haben viele gesagt, der Novak (Djokovic, d. Red.), der Stan (Wawrinka) und der Andy (Murray)  sind alle nicht dabei. Sie sind aber dieses Jahr wieder gekommen und ich habe bewiesen, dass ich auch mit den Besten im Masters-Finale sein und dass ich ein Masters gewinnen kann. Das war sehr wichtig für mich. Das andere war, dass   ich mich unbedingt bei den Grand Slams verbessern wollte, was ich in meinen Augen auch gemacht habe. In Paris hab’ ich sehr, sehr gut gespielt. In Wimbledon nicht, weil ich immer noch verletzt war und ich in den Tagen vorher nicht trainieren konnte. Natürlich wollte ich mehr schaffen, aber es ist   so gekommen.

Gibt es für Sie einen Lieblingsmoment aus diesem Jahr?

Mehr als nur einen. Anfang des Jahres der Davis Cup in Australien war toll für mich. Davis Cup in Valencia im April war auch unglaublich, aber es war natürlich traurig für uns, wie das zu Ende ging. Wir waren so nah dran an einem historischen Sieg in Spanien gegen Spanien auf Sand, das gibt’s ja nicht alle Tage. Der Turniersieg in Madrid war ein Riesen Highlight. Rom war auch besonders, weil ich davor München und Madrid gewonnen hatte und dann gezeigt hab’, dass ich die dritte Woche hintereinander ins Finale kommen kann.

Ivan Lendl  gehört seit August als Coach zu Ihrem Team. Zuletzt sagten Sie, Sie befänden sich noch in den Flitterwochen mit  ihm.

Wahrheiten werden vom ersten Tag an ausgesprochen, und deshalb gefällt er mir auch so. Wenn ich Scheiße spiele, dann sagt er mir:  „Du hast heute Scheiße gespielt.“  Wir haben gerade erst angefangen zusammenzuarbeiten, und ich hoffe, es wird eine lange und eine sehr erfolgreiche Beziehung sein. Wir denken ähnlich: Wir wollen beide gewinnen, und alles andere interessiert uns nicht so sehr. Ich denke, es ist wichtig für eine Beziehung, dass man weiß, was man will.

Lendl ist berüchtigt für einen sehr speziellen, bisweilen sarkastischen Humor. Haben Sie davon schon Kostproben genossen?

Ich kenne seinen Humor schon seit Jahren. Manchmal ist er lustig, manchmal weniger. Aber ich hab’ ja auch meinen Vater, die beiden sind relativ ähnlich.

Apropos klare Ansagen. Was hat er nach Ihrer Niederlage bei den US Open gegen  Philipp Kohlschreiber gesagt, der Ihr Spiel taktisch schlau auseinandergenommen hatte?

Er hat mir gesagt, dass es ein Prozess ist, bis ich bei den Grand Slams gut spiele. Mit viel Arbeit.   Am Anfang hatte ich auch Probleme bei den Mastersturnieren. Vor Miami 2017 habe ich nie  ein Viertelfinale beim Masters gespielt, dann kamen Halbfinale und Finale, und dann hab’ ich eines gewonnen. Masters 1000 spielen wir halt sehr viel öfter, es gibt neun Stück im Jahr davon, da hast du natürlich viel mehr Möglichkeiten, Erfahrung zu sammeln. Und so ist es auch bei den Grand Slams. Du musst halt mehr davon spielen, um dich wohler zu fühlen.

Mal ganz grundsätzlich: Stehen sie nicht manchmal zu weit hinter der Grundlinie?

Ja, aber ich bin groß, fast zwei Meter. Ich habe lange Arme, ich brauche Platz, um Druck zu machen. Das ist zum Beispiel bei del Potro genauso, der steht auch weit hinter der Grundlinie.

Wenn man Sie bei Terminen rund ums Tennis beobachtet, kann man immer wieder feststellen, dass Sie  bei vielen Menschen und speziell Kindern  sehr gut ankommen. Bei Pressekonferenzen hat man dagegen manchmal den Eindruck, es gäbe noch Luft nach oben.  Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?

Wenn ich mit Kindern etwas mache, sind die einfach froh, dich zu sehen. Es macht mir Riesenspaß, da was zurückzugeben. Mit manchen Journalisten macht es mir auch Spaß, einen Dialog zu führen. Ich kann mich an eine  Situation in Rom erinnern: Jede Antwort, die ich einem Journalisten  gegeben habe, hat ihm nicht gefallen. Ich hab dann irgendwann gedacht: Warum fragst du mich dann? Ich versuche schon, so viel wie möglich von meinem persönlichen Leben an alle zurückzugeben.

An unangenehmen Fragen kommt man  aber  nicht vorbei.

Ja, das schon, das sag’ ich ja auch nicht. Aber für mich ist es immer schade, wenn irgendwelche Reaktionen kommen, weil man aus der Antwort, die ich gebe, keine große Geschichte machen kann. Wir haben gefühlte 120 Pressekonferenzen im Jahr und du kannst nicht 120 Mal fröhlich sein.

Haben Sie über das Thema mal mit Roger Federer gesprochen, mit dem Sie sich ja gut verstehen? Der erledigt diesen Teil des Jobs seit vielen Jahren vorbildlich.

Ja, hab’ ich. Aber er gibt auch manchmal Antworten, die sehr direkt sind. Ich versuche wirklich, komplett ehrlich zu sein, doch das kommt auch nicht immer an. In Cincinnati hab ich nach dem Spiel gegen Stefanos Tsitsipas Kritik bekommen, dass ich schlecht geantwortet hätte. Ich habe es mehr so gesehen, dass ich meine ehrliche Meinung zu dem Match gesagt habe. Ich fand das Match sehr, sehr schlecht, ich fand, ich hab schlecht gespielt, und das andere möchte ich jetzt nicht noch mal sagen.

Die Kritik danach fanden Sie ungerecht?

Ich fand es schade. Ihr wollt ja auch nicht, dass euch alle Spieler immer dieselben Antworten geben. Dass alle immer sagen: „Ja, er hat sehr gut gespielt.“ Ich hoffe, dass die Leute irgendwann verstehen, dass ich wirklich sage, was ich denke. Dass die Leser zu lesen bekommen, was ich denke und fühle.

Sind Sie grundsätzlich schon die Person, die Sie gern wären?

Mir ist es wichtig, dass ich die Menschen, die mir nahestehen, gut behandle. Und dass ich zu Fans und auch zu Kindern immer nett bin, dass ich sie gut behandle. Ich versuche jedes Mal, Autogramme zu schreiben, Fotos zu machen. Der persönliche Kontakt zu Menschen ist mir sehr, sehr wichtig.

Das Leben auf der Tour ist extrem durchorganisiert, es gibt neben großartigen Momenten auch viele Zwänge und Verpflichtungen. Welches sind die Momente, in denen Sie dem normalen Leben am nächsten sind, zu Hause oder unterwegs?

Es gibt sie auch unterwegs. Wenn ich mit Marcelo Melo (brasilianischer Doppelspezialist, Zverevs bester Freund auf der Tour, d. Red. ) zusammen bin, dann sind wir wie kleine Kinder. Und wenn ich mit meinem Bruder was unternehme, dann ist das auch so. Unser Leben wird nie komplett normal sein, aber ich hab’ ganz normale Freunde, eine ganz normale Familie.

Bevor sich dieses Tennisjahr dem Ende nähert: ein kleiner Blick aufs nächste. Wie Sie mehrfach erwähnt haben, wollen Sie im November 2019 nicht bei der Endrunde des reformierten Davis Cup spielen, weil Sie den Termin unmöglich finden. Wie sieht es der Qualifikations-Runde im Februar in Frankfurt gegen Ungarn aus?

Ich denke, im Februar werde ich spielen. Das ist noch nicht 100-prozentig, weil ich schauen muss, wie Anfang des Jahres alles läuft, aber vor allem in Deutschland möchte ich Davis Cup auch spielen. Ich bin nur gegen das neue System mit der Endrunde, aber nicht gegen das alte, und im Februar ist es ja noch so wie immer.

Die französische Sportzeitung L’Équipe hatte kürzlich berichtet, es gäbe einen Brief diverser Topspieler an den Tennis-Weltverband ITF, in dem diese Spieler erklären, den Wettbewerb boykottieren zu wollen.

Ich hab nie von irgendwem einen Brief in die Hand bekommen, den ich unterschreiben soll.