Wer im Stau steht oder verschläft, muss zahlen. Am kostspieligsten ist aber Paragraf 1. „Da bestimmt der Trainer bei bestimmten Sachen“, sagt Christian Stuff, 31. Ob Strafenkatalog oder Aufstellung, beim 1. FC Union Berlin gilt das Wort von Uwe Neuhaus. Deshalb sitzt Stuff zu Saisonbeginn meist auf der Bank, kehrt aber jedes Mal bald in die Startelf zurück. Schließlich fürchtet sich fast die gesamte Zweite Liga vor dem Hünen – auch der heutige Gegner Fortuna Düsseldorf.

Herr Stuff, Sie verbreiten Angst und Schrecken.

Das ist mir neu.

Wirklich? Sie wurden von Uwe Neuhaus doch zum Kassenwart ernannt. Die Begründung: Stuff ist als Eintreiber furchterregend.

Die Jungs wissen, dass ich nicht handgreiflich werde. Irgendeinen Dummen haben sie gesucht, und den haben sie auch gefunden.

Armin Veh, der Trainer von Eintracht Frankfurt, glaubt Sie seien drei Meter groß.

Ach so, das habe ich gar nicht mitbekommen.

Das hat er 2011 gesagt. Auch die Äußerungen anderer Trainer klingen, als sei Ihr Einsatz insbesondere bei Standards Wettbewerbsverzerrung.

So viele Kopfballtore gelingen mir ja dann doch nicht. So eins oder zwei pro Saison. Das macht jeder Innenverteidiger, der mit nach vorne rückt. Eine gewisse Größe habe ich, das ist ein Vorteil, aber ich empfinde das nicht als totale Waffe.

Uwe Neuhaus schickt Sie trotzdem gerne als letzte Rettung in den Sturm. Will er die Gegner in Sicherheit wiegen, indem er zu Saisonbeginn versucht, Ihre Größe auf der Ersatzbank zu verstecken?

Die Auslegung gefällt mir ganz gut. Ich gehe davon aus, dass der Trainer jedes Spiel die seiner Meinung nach Besten aufstellen will. Dass es fast jede Saison mich erwischt, na ja, so ist es halt. Ich kann nur meine Leistung bringen und dann entscheidet der Trainer.

Nach wenigen Spieltagen bekommen Sie Ihren Stammplatz in der Innenverteidigung stets zurück, auch diese Saison?

Inzwischen habe ich ein bisschen Erfahrung mit der Situation. Ich versuche, meine Stärke auf das Team zu übertragen, so dass wir erfolgreich sind.

Warum tritt diese Stärke nicht schon in der Vorbereitung in Erscheinung?

In der Vergangenheit war es oft so, dass wir nicht so erfolgreich waren und der Trainer was verändern wollte. Dann kam ich rein und es lief ganz gut. Diese Saison hat sich Mario Eggimann verletzt. Ich habe jetzt wieder das Glück, dass wir gewonnen haben.

Wie ist so ein Leben auf Abruf?

Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Ich probiere, an meine Leistungsgrenze zu kommen. Klar ist es manchmal schwer, sich zu motivieren, wenn man weiß, dass man höchstwahrscheinlich nicht spielt. Aber das ist immer noch das, was wir ursprünglich gespielt haben, weil es uns Spaß gemacht hat. Jetzt ist es unser Beruf, und wir können jeden Tag Fußball spielen.

Sie sind seit 2006 in Berlin. Sind Sie in der Zeit gewachsen? Körperlich?

Die Statistiken weisen einen Schub von 1,98 Meter auf 1,99 Meter aus ... Spaß. In der Entwicklung auf jeden Fall. Wir haben viel Wert auf Passspiel und spielerische Komponenten gelegt. Da habe ich mich um einiges verbessert. Am Anfang war es Regionalliga, dann Dritte, jetzt Zweite Liga. Ich glaube, dass ich vom Niveau da rein gehöre. Ich habe mich peu à peu angepasst.

Und wie groß ist Union inzwischen?

Die Entwicklung ist bombastisch. Man hat nicht nur probiert, Spieler zu holen, sondern in das Stadion, die Infrastruktur und den Nachwuchs investiert. Viele Jugendspieler trainieren bei uns mit und schaffen den Sprung nach oben. Das ist eigentlich Wahnsinn .

Warum?

Dresden ist auch ein paar Jährchen dabei, letzte Saison fast abgestiegen und hat jetzt das Ziel, die Klasse zu halten. Wir können sagen, dass wir uns sportlich und finanziell weiterentwickelt haben. Und wir können den Anspruch stellen, dass wir uns jedes Jahr verbessern wollen. Dass es keine Rückschläge gab, ist nicht selbstverständlich.

Inzwischen greift selbst der Staat auf die Instanz Stuff zurück. Vergangene Woche wurden Sie als Frühstückspolizist eingesetzt. Sie haben die Versorgung von Erstklässlern mit gesunder Nahrung überwacht. Wie viele Biobutterbrote muss man essen, um so groß zu werden wie Sie?

Ich glaube das liegt doch mehr in den Genen. Ich war schon immer einer der Größeren.

Ob den Kleinen das Fußballspielen leichter fällt, wissen Sie also nicht?

Oftmals ist es so, dass die Großen etwas unbeweglicher sind oder langsamer. Wenn man aber die Sprinter in der Leichtathletik sieht, dann schaffen es die Kleinen auch nicht bis ganz oben.

Den einen oder anderen Hackentrick haben Sie jedenfalls auf Lager.

Ich probiere möglichst risikolos zu spielen. Wenn dann doch mal so was kommt, ist das aus dem Instinkt heraus. Früher habe ich viel auf den Bolzplätzen gespielt, und meine Jugendtrainer haben viel Wert auf Techniktraining gelegt.

Gibt es denn etwas, vor dem Sie Angst haben?

Nö. Wenn ich an meine Gegenspieler denke, dann war es sowohl gegen große, wie Rob Friend, als auch gegen Kleine, wie Mahir Saglik, unangenehm.

Ein quirliger Angreifer ist also nicht schwerer zu verteidigen?

Na ja, die Kleinen müssen einen großen Bogen laufen. Manche sind klein und wendig, und kommen dann irgendwie doch nicht vorbei. Man kann das nicht pauschal sagen.

Ihnen ist also auch nicht bange vor Fortuna Düsseldorf?

Nö. In der Vergangenheit war es immer ein Abtausch auf Augenhöhe. Zu Hause mit den Fans im Rücken haben wir unsere Chancen.

Im direkten Duell ist Union mit Ihnen sogar ein paar Zentimeter voraus. In neun Partien gegen Düsseldorf gelangen fünf Siege.

Wir haben leicht die Nase vorn, vor allem zu Hause. Ich erinnere mich an einen Satz von Norbert Meier (von 2008 bis 2013 Trainer in Düsseldorf, d. Red.). Er hat gesagt: Nach Berlin brauchen wir eigentlich gar nicht. Das endet 1:0 für Union, und dann fahren wir wieder nach Hause. Da hätte ich nichts dagegen.

Das Gespräch führte Max Bosse.