Interview mit dem Präsidenten des europäischen Dart-Verbandes Werner von Moltke: „Wem hilft denn Olympia?“

Herr von Moltke, Sie tragen einen großen Namen. Stehen Sie in einer verwandtschaftlichen Beziehung zum früheren Zehnkampf-Europameister und Sportfunktionär Werner von Moltke?

Werner von Moltke: Das ist mein Vater.

Wie kamen Sie dann aus einer klassischen Sport-Familie zu Darts, dessen spektakuläre Weltmeisterschaft kommenden Donnerstag im Alexandra Palace in London beginnt?

Werner von Moltke: Angefangen hat es im Jahr 2005, als ich im Ski-Urlaub war mit meiner Frau und dem damals gerade geborenen Sohn. Das hieß für mich: kein Après Ski, sondern zu Hause bleiben. Dann war mir langweilig, und ich habe angefangen, Fernsehen zu gucken. Irgendwann bin ich beim damaligen DSF und beim Darts hängen geblieben. Bei der Weltmeisterschaft. Ich fand das sofort hoch interessant. Und dann gab es das Halbfinalspiel Wayne Mardle gegen Phil Taylor. Ultraspannend. Phil Taylor hat gewonnen. An diesem Abend habe ich beschlossen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und sofort einen eigenen Verband gegründet?

Werner von Moltke: Natürlich nicht, aber ich dachte mir: Der Typ ist lustig, dieser Phil Taylor. Und das Thema auch. Also habe ich gesagt: Wir machen hier mal einen Show-Kampf. Der hat dann auch tatsächlich vier Monate später in München stattgefunden. Da hatten wir völlig überraschend 1200 Zuschauer. Ich wusste nichts von Verbänden. Aber Phil meinte: Komm doch mal nach England und trifft dich mit Barry Hearn.

Barry Hearn, der erfolgreiche Sport-Impresario?

Werner von Moltke: Ja genau. Ich habe mich bereits eine Woche später mit ihm getroffen. Barry ist für mich der beste Sport-Promoter der Welt, weil er nicht nur eine Sportart macht wie Bernie Ecclestone die Formel 1. Barry macht einfach alles, was er anfasst, zu Gold. Ob das Snooker ist, das er groß gemacht hat, ob das Angeln ist oder Boxen oder Darts. Er weiß, wie man Sport inszenieren muss. Da gibt es ein paar Regeln, und die werden vor allem von den klassischen Sportarten einfach nicht befolgt. Die sind zu sehr in ihrer Funktionärsstruktur gefangen.

Und wie wurden Sie zum Chef eines europäischen Darts-Verbandes, der zuständig ist für den ehemaligen Pub-Sport außerhalb Großbritanniens und Irlands?

Werner von Moltke: Zunächst haben wir 2007 die German Darts Corporation gegründet. Das lief, bis Barry auf mich zukam und sagte: „Mach doch für uns ganz Kontinental-Europa.“ Und daraufhin wurde die PDC Europe gegründet. Do haben wir klein angefangen. Ich weiß noch, bei unserem ersten Fernseh-Turnier 2008 in Frankfurt, der European Darts-Championship, da hatten wir am ersten Abend 30 Zuschauer, waren aber live im englischen Fernsehen. Das war spannend.

Ist das da niemandem aufgefallen?

Werner von Moltke: Die Engländer waren cool. Wir haben von außen noch 20 Leute dazu geholt mit Freibier und alle Leute auf drei Tische verteilt, ITV hat die Kamera konsequent auf die drei Tische gehalten. Wenn man sich das heute auf Youtube anschaut, denkt man: Da war ja eigentlich schon ziemlich was los. So haben wir angefangen, und heute verkaufen wir in Deutschland für die Tour 200 000 Karten im Jahr.

Die Faszination der Weltmeisterschaft im Alexandra Palace hat ja auch ein deutsches Publikum schon vor längerer Zeit erfasst. Wie schwer war es für Sie, daraus einen ernsthaft wahrgenommenen Ganzjahressport in und um Deutschland herum zu machen?

Werner von Moltke: Die WM hat natürlich eine Lokomotiv-Funktion gehabt, weil sie einfach strategisch sehr gut platziert wurde. Das hat Barry damals sehr schlau gemacht, sie in eine Zeit zu legen, in der sonst sehr wenig passiert. Und mit dem Marketing-Clou: Wir haben den ersten Weltmeister des Jahres. Darauf aufbauend konnte man die anderen Turnierserien, ob es die Premier League ist, ob es die World Matchplay ist oder die TV-Major-Turniere, etablieren. Das war nicht schwierig, sondern eine direkte Folge davon.

Was zum großen Glück noch fehlt, sind erfolgreiche deutsche Spieler. Seit Jahren gilt Junioren-Weltmeister Max Hopp als Mann der Zukunft. Trauen Sie ihm den Durchbruch zu?

Werner von Moltke: Er ist unser größtes Talent in Deutschland. Aber man darf nicht vergessen, dass er gerade 20 Jahre alt ist. Und ganz Darts-Deutschland guckt auf ihn. Ich wünsche mir einfach nur, dass andere nachkommen, dann wäre es für ihn auch ein wenig einfacher. Und trotzdem sind wir gemessen an TV-Zuschauern der zweitwichtigste Markt nach England, noch vor den Niederlanden. Es ist Wahnsinn, und man fragt sich, was passiert, wenn wir erst einmal einen Star haben wie die Holländer in Michael van Gerwen oder Raymond van Barneveld.

Was erwidern Sie Menschen, die Darts nicht für einen richtigen Sport halten?

Werner von Moltke: Ganz ehrlich: Meine persönliche Meinung ist, dass es mich gar nicht interessiert, ob das einer als Sport bezeichnet oder nicht. Fakt ist, der deutsche Darts-Verband ist Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund, also von allerhöchster Stelle als Sport quasi geadelt.

Und wenn Schießen auf die Laufende Scheibe Sport ist, warum soll es Darts nicht sein?

Werner von Moltke: Aber die Diskussion führt vom Weg ab und wird von Leuten gemacht, die uns den Erfolg nicht gönnen. Sollen sie doch machen. Aber wer das kritisiert, soll doch mal gucken, was wir so richtig machen und die klassischen Sportverbände falsch. Das ist wie die Aufregung um RB Leipzig von Leuten, die Traditionsvereine haben wollen. Denen sage ich: Da ist mir RB Leipzig lieber als ein Traditionsklub, der über Jahre hinweg Misswirtschaft betrieben hat.

Können Sie sich Darts bei Olympia vorstellen?

Werner von Moltke: Darauf erwidere ich: Wozu sollen wir olympisch werden? Wem hilft denn Olympia? Die Kernsportarten von Olympia heißen Schwimmen, Turnen, Leichtathletik. Welcher dieser drei Verbände hat sich denn in den letzten drei Jahrzehnten nach vorne entwickelt?
Darüber müsste man jetzt mal kurz scharf nachdenken…

Mir fällt keiner ein. In meiner Jugend wusste ich noch, dass Christian Haas, und er war kein Weltklasse-Athlet, Deutscher Meister über 100 Meter war. Heute weiß das kein Mensch. Dieses Olympia ist ein Selbstbedienungsladen für die Funktionäre. Da landet auch kein Geld bei den Athleten. Unser Geld landet bei den Athleten.

Wie gut kennen Sie die Welt des klassischen olympischen Sports?

Werner von Moltke: Ich war auf jedem Tennisturnier, bei jedem Leichtathletik-Fest, beim Istaf in Berlin und der Weltklasse in Köln. Ich bin darin groß geworden. Aber ich stelle mir vor: Ich bin ein Schwimmer, ein Leichtathlet, ein Turner. Dann hängt meine ganze Karriere davon ab, dass ich zwei- oder dreimal in meinem Leben die Chance bei Olympia nutze. Und wenn ich dann verletzt bin, dann ist meine ganze Karriere im Eimer. Da kann ich so oft Deutscher Meister im 100-Meter-Rückenschwimmen sein, wie ich will. Das interessiert keinen Menschen.

.Alle diese großen Sportarten wollen ins Fernsehen und schaffen es nicht. ARD und ZDF haben auch noch Olympia verloren. Darts ist permanent im Fernsehen. Haben Sie da kein schlechtes Gewissen?

Werner von Moltke: Wir nehmen doch keinem etwas weg, oder? Wir konzentrieren uns erst einmal total auf den Zuschauer. Wir sagen: Der Zuschauer muss nach Hause gehen uns sagen: Das war ein tolles Event. Ja, wir machen eine Show. Aber das gehört dazu. Wer das nicht wahrhaben will, der ist hier verkehrt. Ich war neulich beim Basketball bei Bayern München gegen Malaga. Da wird mit Musik gearbeitet und mit Cheerleadern, Lasershow und Lichteffekten. Das ist moderne Inszenierung.

Was haben die Sportler davon?

Werner von Moltke: Wir sorgen dafür, dass sie ihrem Sport als Profi nachgehen können. Deshalb haben wir eine Serie mit mehr als 100 Turnieren im Jahr geschaffen. Ein Dartsspieler hat bei uns die Möglichkeit, jedes Wochenende seinem Beruf nachgehen zu können.

Aber wie viele können richtig gut davon leben? Das sind doch maximal 40 Profis. Klar, aber wie viele Schwimmer können denn vom Schwimmen gut leben?

Werner von Moltke: Vor 15 Jahren konnte genau ein Dartsspieler sehr gut davon leben, und das war Phil Taylor. Jetzt sind wir bei 30 bis 40. Und die Zahl wird steigen, weil Jahr für Jahr mehr Preisgeld hereinkommt. Wir fangen doch gerade erst an.

Die Spieler sehen ja immer noch nicht aus wie Zehnkämpfer. Und das Ambiente hat viel von Kneipe und Karneval. Dennoch existiert offenbar ein Gefühl dafür, dass besondere Leistungen erbracht werden.

Werner von Moltke: Genau darum geht’s. Die da unten feiern, wissen aber immer, wie es steht. Und die oben auf dem Podium spielen zweieinhalb Stunden lang hochkonzentriert mit größter Präzision bei extremer Hitze und in einem enormen Geräuschpegel. Das soll mal einer nachmachen.

Das Gespräch führte Frank Nägele