Der Kölner Christian Zimmermann, 54, nimmt an den Olympischen Spielen als Dressurreiter teil – als Mitglied der sechsköpfigen Mannschaft aus Palästina. Vor zwei Jahren vertrat Zimmermann Palästina schon bei der Dressur-WM. Der PR-Unternehmer erklärt sein sportlich-politisches Engagement.

Herr Zimmermann, wie wird ein Kölner zu einem palästinensischen Dressurreiter?

Das ist eine längere Geschichte. Das ist gewiss nicht aus einer Laune heraus entstanden. Ich habe beim Training mit dem Weltklassetrainer Jean Bemelmans die damals für Russland startende Reiterin Diana al Shaer und ihre Familie kennengelernt. Wir haben uns viel über die deutsch-russische Geschichte und das, was zwischen unseren Völkern passiert ist, unterhalten. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Vater der Reiterin früher Botschafter Palästinas in Moskau war. Als er sich mit Yassir Arafat überwarf, ist er in Russland geblieben. So hatten wir natürlich weiteren Gesprächsstoff: den Holocaust, die Gründung Israels, das Verhältnis Deutschlands zu Israel und zu Palästina. Dianas Vater wusste, dass ich ein ambitionierter Reiter bin, und eines Tages hat er zu mir gesagt, ich sollte doch für sein Land starten. Er meinte Palästina.

Warum kam Ihr Gesprächspartner auf diese Idee?

Er sagte zu mir: Wenn du für Deutschland startest, dann bist du einer von vielen. Uns – er meinte seine alte Heimat Palästina – würdest du aber sehr helfen.

Eine solche Entscheidung fällt man sicher nicht mal eben so.

Gerade als Deutscher habe ich mich natürlich gefragt, ob ich das machen kann. Wir tragen als Deutsche eine ganz besondere Verantwortung für das jüdische Volk und für Israel. Dieser Verantwortung werden wir aber auch dadurch gerecht, dass wir auf einen Ausgleich zwischen den Parteien des Nahostkonfliktes drängen, so schwierig das auch sein mag. Hinzu kommt, dass man der Entwicklung der israelischen Politik der letzten Jahre auch kritisch gegenüberstehen kann. So habe ich mich schließlich entschieden, für Palästina zu reiten, als Geste gegenüber dem palästinensischen Volk, aber nicht gerichtet gegen Israel.

Welche Rolle hat dabei die Aussicht gespielt, sich für die Olympischen Spiele qualifizieren zu können?

Ich bin ganz sicher kein Hobbyreiter, wie das gelegentlich zu hören ist. Ich trainiere mit meinen Pferden vier bis fünf Mal die Woche, mache Yoga und halte mich mit Ausdauertraining fit. Aber die Weltspitze, und das sind nun mal auch die Deutschen, ist noch etwas weg. Aber die Entscheidung, als Deutscher für Palästina zu starten, habe ich ganz sicher nicht wegen der Aussicht auf Olympia getroffen. Da steht ein Engagement dahinter: Was kann ich als Deutscher – im Kleinen – für das gewiss auch aus eigener Verantwortung ins Hintertreffen geratene palästinensische Volk tun? Es ist allerdings auch richtig, dass mir mein zweiter Pass mehr Freiheit gibt zu entscheiden, wo und wann ich international starte.

Wie begegnen die Mitmenschen dem Palästinenser Zimmermann?

Diese Frage habe ich mir natürlich vor meinem Wechsel der Sportnationalität auch gestellt. Die Reaktionen sind aber fast ausnahmslos positiv. Das liegt sicher auch an der politischen Großwetterlage. Heute kritisiert selbst der US-amerikanische Präsident Barack Obama die Politik Israels. Ich habe natürlich auch keine fertigen Antworten, aber ich würde Israel schon gerne fragen, was aktuell ihre Vision für den Nahen Osten ist. Eine neue Apartheid kann es wohl nicht sein. Will Israel die Zwei-Staaten-Lösung oder nicht? Klar ist doch, dass Israel ein Recht auf absolute Sicherheit hat. Klar ist aber auch, dass die Palästinenser ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben.

Welche Kontakte haben Sie nach Palästina?

Ich war vor 2013 dort und bin aus Unwissenheit über den Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv eingereist – mit deutschem Pass. Das hätte ich wohl gar nicht mehr gedurft, das habe ich aber erst viel später erfahren.

Wie verlief Ihr Besuch im Westjordanland?

Ich fand die Atmosphäre wegen der Verrohung auf beiden Seiten bedrückend. Die Israelis mauern die Palästinenser aus und müssen ertragen, dass sie sich dabei auch selbst einmauern. Überall Mauern und Misstrauen. Israel ist heute eine harte Besatzungsmacht, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Ich frage aber auch die Palästinenser, ob die Gewalt, die immer wieder auch von ihnen ausgeht, ihrem Anliegen hilft oder ob ein anderer Weg erfolgversprechender wäre. Wie gesagt: Was Israel braucht, ist das Versprechen von Sicherheit, und das müssen die Palästinenser, das muss die Weltgemeinschaft ihnen geben. Und Palästina braucht eine Perspektive.

Wie gehen Sie im olympischen Dorf mit den israelischen Sportlern um?

Ich bin da vorsichtig, ich will nichts Unangemessenes tun. Im Übrigen halte ich es mit dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees Palästinas, der mir gesagt hat, er wolle Sport und Politik trennen. Ich habe im Ausland einige jüdische Israelis getroffen, die sehr gut verstanden haben, warum ich mich entschieden habe, für Palästina zu reiten. Ich weiß aber auch und verstehe, dass das viele anders sehen.