Serge Aubin hofft, die Fans bald wieder im Rücken zu haben. 
Foto: City-Press

BerlinSerge Aubin, 45, lädt zum Interview in einem Café in Tiergarten. Wenige Schritte entfernt wohnt der Cheftrainer der Eisbären Berlin mit seiner Frau, seinem jüngsten Sohn und den zwei Hunden. In den vergangenen Wochen hat er diesen Teil Berlins noch intensiver kennen- und schätzen gelernt.  Vor allem in Zeiten, als die Pandemie die Stadt stilllegte, konnte er bei ausgiebigen Spaziergängen Kraft und Ideen schöpfen, wie es mit dem Sport, mit den Eisbären weitergehen soll. Im Gespräch erzählt Aubin, wie schwierig es ist, in unsicheren Zeiten eine Saison zu planen, warum er die Eisbären in einer neuen Ära wähnt und welchen Einfluss Zuschauer auf seine Mannschaft haben. 

Herr Aubin, seit diesem Montag dürfen die Profis individuell wieder aufs Eis. Wie wichtig ist dieser Zwischenschritt?

Für die Spieler ist das echt wichtig, einfach um ein bisschen zu spielen und sich wieder ans Eis zu gewöhnen. Aber natürlich gibt es in den kommenden Wochen noch so viel zu klären. Wir sind noch weit weg von der Normalität, denn noch immer fühlen wir alle viel Unsicherheit, wie und wann es wieder mit dem Spielbetrieb losgeht.

Immerhin gibt es nun wieder eine Perspektive. Nach dem Abbruch der Saison im März war an Sport zunächst mal gar nicht zu denken.

Nachdem klar war, dass wir die Play-offs nicht spielen können, war das sehr schwer zu akzeptieren. Anschließend, als wir alle gesehen haben, wie dramatisch sich das Virus ausbreitet, stand für mich natürlich die Gesundheit im Vordergrund. Jetzt planen wir schon ziemlich intensiv, sofern das eben möglich ist. Normalerweise hätten wir in dieser Woche mit dem Mannschaftstraining begonnen, aber weil wir jetzt erst im September starten, sind viele Spieler noch gar nicht da.

Viele Menschen machen sich sorgen um ihre Zukunft, um ihre Existenz. Haben Sie so etwas auch bei Ihren Spielern gespürt?

Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, dass sich Spieler ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft gemacht haben. Vielmehr betonten sie in den Gesprächen, wie sehr sie sich freuen wieder zusammenzukommen und aufs Eis zu gehen. Das ist ihr Leben, danach haben sie ihren Alltag ausgerichtet.

Wie intensiv hält man in so besonderen Zeiten Kontakt?

Nicht dauernd, aber hin und wieder will ich natürlich hören, wie es den Jungs geht. Die Technik hilft viel, weil du mal eben schnell übers Handy chatten kannst. Das trifft insbesondere auch auf die Familie zu. Meine Tochter Justine, 20, lebt aktuell in Tokio. Mein älterer Sohn Charles, 18, besucht die Universität in Kanada und ist zu meiner Mutter in die Nähe von Montreal gezogen, als der Campus geschlossen wurde. In solchen Zeiten wollen Eltern natürlich immer wissen, wie die Kinder klarkommen. Unser jüngster Sohn Benoit, 16, lebt noch bei uns und besucht die Schule.

Sie haben den ganzen Sommer in Berlin verbracht, das war unabhängig von den Coronaeinschränkungen so geplant. Das unterscheidet Sie von manchem Ihrer Vorgänger.

Wir sind total glücklich hier. Es gibt so viel zu erleben, so viele unterschiedliche Lebensentwürfe. Seit einigen Jahren versuchen wir als Familie, mehr von unserer Umgebung wahrzunehmen. Während der Saison bleibt für mich nicht so viel Zeit, mal in den Tiergarten zu gehen oder mir etwas Schönes anzuschauen. Mir ist es zudem wichtig, näher an den Leuten dran zu sein, die für den Verein arbeiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag im Sommer aus?

In der Regel gehe ich viermal die Woche ins Büro im Wellblechpalast. Ich fahre so um 6 Uhr von zu Hause los, um vom Verkehr nicht so viel mitzubekommen.  Wie lange ich dann bleibe, hängt natürlich vom Pensum ab, im Schnitt fahre ich gegen halb vier zurück. Zu Hause kann ich nicht so gut arbeiten, denn ich analysiere Spiele am besten, wenn ich mich allein fühle. Die Trainerkabine ist meine kleine Blase.

Die deutschen Spieler haben in den letzten Monaten viel Zeit im Kraftraum verbracht. Inwieweit mischen Sie sich da ein?

Das ist der Bereich von Jake Jensen, unserem Fitnesscoach. Gerade in diesem langen Sommer ist es noch wichtiger, das Krafttraining richtig zu steuern. Was ich von der Trainingsgruppe hier gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Aus einigen Jungs sind Männer geworden. Wenn ich zum Beispiel an Lukas Reichel denke: Der hat letzte Saison mit 74 Kilo begonnen und steht jetzt bei 82. Ähnliches gilt für Sebastian Streu. Sie haben die Chance genutzt, um stärker und besser zu werden. Aber das heißt auch, dass wir das Training etwas anpassen müssen.

Das heißt konkret?

Mit dieser neuen Power umzugehen, ist auch nicht ganz einfach, denn sie kann einem anfangs auch im Weg stehen. Mehr Kraft kann sich zum Beispiel auf die Geschwindigkeit auswirken, der ganze Körper muss sich umstellen. Aber es bleibt ja noch einiges an Zeit, bis es dann richtig losgeht.

Wie intensiv haben Sie sich inhaltlich schon mit der kommenden Saison beschäftigt?

Bislang habe ich mir eher grundsätzliche Gedanken gemacht, wie ich mir unser Spiel vorstelle. Dazu gab es immer wieder einen Austausch mit den Trainerkollegen und Sportdirektor Stéphane Richer. Es gibt viel, wie wir noch besser werden können, dabei geht es zunächst auch darum, die personellen Wechsel zu managen. In den beiden letzten Augustwochen setzen wir uns dann intensiv zusammen und planen das Sommercamp.

Wie bewerten Sie die Mannschaft zum jetzigen Stand?

Ich mag dieses Team, wir haben gute Verstärkungen bekommen, zum Beispiel den für mich besten Torwart der Liga mit Mathias Niederberger. Wir sind insgesamt jünger geworden, das heißt wir sind fit und schnell. Wenn wir Klarheit haben, werden wir wahrscheinlich noch mal was tun bei den Importspielern. Das entscheide aber nicht ich. Natürlich muss man immer im Auge behalten, dass wir in verrückten Zeiten leben und wirtschaftlich noch genauer hinschauen müssen als früher.

Auf junge deutsche Spieler zu setzen, steht wieder mehr im Trend. Aber man braucht eben Geduld.

Wir wollen immer gewinnen. Und am liebsten gewinnen wir mit großartigen Talenten. Viele Jungs wollen nicht ewig auf ihre Chancen warten. Sie stecken voller Energie und drängen darauf, sich zu beweisen. Sie brauchen gute Führungskräfte, um sich weiterzuentwickeln. Die haben wir.

Mit Austin Ortega haben die Eisbären einen Spieler unerwartet verloren, weil er den Gehaltsverzicht nicht akzeptieren wollte.

Ich will das eigentlich nicht beurteilen. Wir alle haben auf Teile des Gehalts verzichtet, um Jobs zu sichern und einigermaßen gut aus der Krise zu kommen. Aber er hat seine Entscheidung so getroffen, das war auch sein gutes Recht.

Am Stil der vergangenen Saison wollen Sie sicherlich festhalten. Der war beim Publikum beliebt und erfolgreich.

Als ich letztes Jahr wusste, wer zu unserem Team gehört, wusste ich, dass wir diesen Weg gehen können. Ich erinnere mich immer noch daran, wie es war, als ich selbst noch gespielt habe und Trainer von Hamburg war. Berlin war eine Maschine, die ohne Ende Druck ausgeübt hat. Also haben wir uns verständigt, dass wir dieses anspruchsvolle, aber attraktive Eishockey spielen wollen.  Als wir im Sommer dann ein Testspiel im Wellblechpalst hatten, waren vor allem die neuen Jungs gepackt und haben gemerkt, wie speziell das hier ist. Es ist klar, dass wir verlieren, aber trotzdem ist es der Anspruch, dass die Leute auch dann zufrieden nach Hause gehen, wenn wir nicht gewonnen haben.

Das setzt natürlich voraus, dass die Fans wieder zuschauen dürfen.

Das Hygienekonzept ist eine große Herausforderung, und es verlangt von uns, kreative Ideen zu entwickeln. Wir legen uns natürlich voll ins Zeug, weil wir vor unseren Fans spielen wollen. Fünf Prozent entscheiden oftmals darüber, ob du gewinnst oder verlierst. Die Unterstützung im richtigen Moment kann ein Spiel zugunsten deiner Mannschaft verschieben. Hinter der Kabine spüre ich jedes Mal die Energie, die von den Fans auf uns übertragen wird.