Am heutigen Freitag feiert der BFC Dynamo seinen 50. Geburtstag. Vor allem zwischen 1979 und 1988 dominierte der Klub die Oberliga der DDR. Der Fußball-Rekordmeister hat eine bewegte Geschichte hinter sich, wurde viele Jahre vom Ministerium für Staatssicherheit protegiert, stürzte nach 1989 sportlich ab, konsolidierte sich mühsam und spielt heute in der Regionalliga Nordost eine gute Rolle. Frank Rohde als Kapitän und der flinke Angreifer Thomas Doll waren zwei Protagonisten der Achtzigerjahre. Sie erzählen über den einzigartigen Zusammenhalt im Team, pfeifende Fans, Erich Mielke in der Kabine und über ihren persönlichen Neuanfang beim Hamburger SV.

Herr Rohde, Herr Doll, können Sie sich noch an Ihr erstes Oberligaspiel für den BFC erinnern?

Rohde: Nein, beim besten Willen nicht. Ich weiß nur noch, dass ich in meiner ersten Saison in der Oberliga, das war 1979/80, lediglich zwei Spiele bestritten habe.

Doll: Bei meinem ersten BFC-Spiel ging es gegen den FC Vorwärts. Wir gewannen 4:0, und ich habe zwei Tore vorbereitet. Das war ein guter Einstand. In der Fußballwoche bekam ich eine hohe Note. Das war wichtig fürs Ego.

Was waren die schönsten Momente Ihrer BFC-Zeit?

Rohde: Oh, da gab es sehr viele. Jeder Meistertitel war wunderbar, jeder Pokalsieg. Und wir spielten ja auch einigermaßen erfolgreich im Europapokal – mit einigen Ausnahmen und auch Ausrutschern. Das Wichtigste aber war für mich unser guter Mannschaftsgeist. Ich hatte viele tolle Mitspieler.

Doll: Vor allem die Reisen im Europapokal habe ich in guter Erinnerung. Ich konnte mich spielerisch weiterentwickeln. Mein Schritt, vom FC Hansa Rostock nach Berlin zu gehen, war damals genau richtig.

An welche Ihrer Mitspieler haben Sie die stärksten Erinnerungen?

Rohde: Es fällt mir schwer, einige hervorzuheben. Aber Mäcki Lauck war ein Vorbild für mich. Er war knallhart und hatte immer das Kommando auf dem Platz. Mäcki war ein echter Anführer. Dann gab es natürlich Frank Terletzki, Norbert Trieloff, Bodo Rudwaleit, später Andy Thom, Rainer Ernst und Thomas Doll. Ernst besaß unglaubliche Fähigkeiten.

Doll: Ich hatte viele starke Mitspieler mit tollem Charakter. Der Zusammenhalt war enorm. Frank Rohde war ein großartiger Kapitän, von dem wir alle profitierten. Der wollte immer und überall unbedingt gewinnen und hat uns, wenn es mal nicht so lief, in der Halbzeitpause auch lautstark zusammengefaltet. Das musste nicht mal der Trainer machen. Es gab viele gute Jungs zu meiner Zeit, etwa Waldi Ksienzyk, Christian Backs, Frank Pastor oder mein Sturm-Zwilling Andy Thom.

Der BFC wurde bis 1989 vom Ministerium für Staatssicherheit protegiert. Sie waren deshalb in den Oberligastadien unbeliebt und wurden angefeindet. Wie stark hat Sie das belastet?

Rohde: Naja, wir hatten das Publikum immer gegen uns, gerade in kleinen Orten wie Aue oder Bischofswerda. Man durfte sich halt nicht provozieren lassen, was manchmal schwerfiel. Am schlimmsten aber war es kurz nach dem Fall der Mauer. Bei einem Hallenturnier Weihnachten 1989/90 wurden wir bespuckt und angepöbelt. Trotz einiger Vorteile, die wir hatten: Wir haben meist einen guten Fußball gespielt und wir waren ungemein ehrgeizig.

Doll: Natürlich wurden wir angefeindet, aber ich habe versucht, das auszublenden und mich auf unser Spiel konzentriert.

Gab es direkte Begegnungen mit Minister Erich Mielke, der ja als Stasi-Chef Vorsitzender der SV Dynamo war und ein fanatischer BFC-Anhänger?

Rohde: Ja, etwa 1988. Da kam er nach unserer Meisterschaft in die Kabine, später war er natürlich bei der Meisterfeier dabei. Auf der Tribüne gab er lautstark seine Kommentare ab und bei Niederlagen war er sehr unwirsch.

Trainer Jürgen Bogs prägte die Meister-Ära. Wir haben Sie ihn erlebt?

Rohde: Als Trainer war er knallhart. Wenn wir im Trainingslager in Uckley nahe Königs Wusterhausen waren, ließ Bogser, wie wir ihn nannten, vier Mal am Tag trainieren. Am Abend aber hat er ein Bier ausgegeben. Die älteren Spieler durften zwei Bier trinken, am Ende wurden es oft vier. Er war ein starker Trainer.

Doll: Ich schätze Jürgen Bogs sehr, der war ein harter Hund, der uns aber immer besser gemacht hat. Vor Spielen kam er am Abend auch mal zu unserer Kniffelrunde, war locker. Im Spiel mussten wir immer total Gas geben.

Wie war das spielerische Niveau des BFC zu besten Zeiten?

Rohde: Es war unheimlich schwer, in die Stammelf zu kommen. Das Niveau war hoch. Thomas Doll und ich haben ja den Vergleich mit der Bundesliga 1990 schnell erlebt. Wir hatten technisch und taktisch gute Spieler, die Ausbildung in den Kinder- und Jugendsportschulen war umfassend. Das kann nicht alles falsch gewesen sein.

Doll: Als ich nach Berlin kam, war der Vorsprung des BFC vor der Konkurrenz nicht mehr so groß wie Anfang der Achtzigerjahre. Es wurde immer schwerer, Meister zu werden. Die Abstände wurden kleiner. Aber unser fußballerisches Niveau war hoch, wir hatten ja sehr viele Auswahlspieler.

Sie sind beide 1988 bei der 0:5-Niederlage im Europacup der Landesmeister bei Werder Bremen dabei gewesen. Das war damals ein Politikum. Bei Werder gilt das bis heute als das Wunder von der Weser. Was war passiert?

Rohde: Wir hatten das Hinspiel souverän 3:0 gewonnen und haben es in Bremen total verkackt. Nach der ersten Halbzeit stand es nur 1:0 für Werder. Die sind dann euphorisch geworden nach dem schnellen 2:0 durch Günter Hermann, ein Riesentor. Das war der Dosenöffner für Bremen. Die sind total ins Rennen gekommen, wir gingen ein wie die Primeln. Trainer Bogs musste danach zum Rapport zum DDR-Fußballverband. Wir Spieler trafen uns bei mir und ertränkten unsere Blamage mit viel Bier.

Doll: Wir haben kein Bein auf den Rasen bekommen, waren total verunsichert. Die Bremer rannten wie aufgezogen. Das Ausscheiden in Bremen – es ging ja ums Prestige – tat sehr lange weh. Später erinnere ich mich auch an ein ganz blödes Aus im Europapokal gegen den AS Monaco in letzter Minute.

In der Wendezeit, 1990, wechselten Sie beide im Doppelpack zum Hamburger SV. Der BFC bekam 2,3 Millionen Mark Ablöse für Sie, Herr Doll, 300 000 Mark für Sie, Herr Rohde. Wie lief das ab?

Rohde: Der HSV suchte Ersatz für Ditmar Jakobs, der eine schwere Rückenverletzung erlitten hatte. Ich bekam mit 30 Jahren ein lukratives Angebot und erlebte dann eine schöne, wichtige und aufregende Zeit. Parallel verhandelte Thomas mit Dortmund …

Doll: Ja, ich hatte mir schon eine Wohnung angeschaut, bekam aber auch Offerten von Anderlecht, den Glasgow Rangers, dem PSV Eindhoven und von Olympique Lyon. Als Wuschi Rohde bei mir anrief, sagte ich: „Wenn Du alter Sack nach Hamburg gehst, komme ich mit.“ Der HSV war sowieso mein Lieblingsverein im Westen.

Was sind nun Ihre nächsten Ziele?

Rohde: Eines vorweg: Meine längste und schönste Zeit als Fußballer war die beim BFC. Ich brauche die große Fußballwelt nicht mehr, trainiere nun Preussen Eberswalde, will auch dort in der sechsten Liga Erfolg haben und die Spieler weiterentwickeln.

Doll: Ich will mit Ferencvaros Budapest unbedingt Meister in Ungarn werden und in der Champions League spielen. Wir haben einen großen Vorsprung nach der Hinrunde, den wollen wir verteidigen.

Das Gespräch führte Michael Jahn.