Günter Hoge galt einst als einer der talentiertesten Fußballer der DDR. Am vergangenen Mittwoch feierte das Ehrenmitglied des 1. FC Union seinen 75. Geburtstag. Die Berliner Zeitung traf den Jubilar zwischen Glückwünschen und Geschenken aus der ganzen Republik in seiner Wohnung in Hellersdorf.

Herr Hoge, erst einmal alles Gute nachträglich zum 75. Geburtstag.

Dankeschön. 75 ist schon ein tolles Alter. Da hat man alles überstanden, alle Höhen und alle Tiefen.

Was war Ihr persönlicher Karriere-Höhepunkt?

Das war der FDGB-Pokalsieg 1968 mit Union über Carl Zeiss Jena. Meine zwei Meisterschaften mit dem ASK Vorwärts sind natürlich auch nicht zu verachten, aber ein Pokalfinale ist etwas Besonderes.

Zumal Sie als krasse Außenseiter in die Partie gestartet sind.

Jena war haushoher Favorit. Schon nach 46 Sekunden lagen wir 0:1 hinten, und ich dachte, wir kriegen hier heute wieder vier oder fünf. Doch dann haben wir die Partie mit 2:1 gedreht. Geschichten, wie sie nur der Fußball schreibt.

Weil der Sieg so überraschend war, durfte sich die Mannschaft am nächsten Tag ins Goldene Buch der Stadt Berlin eintragen, eine Ehre, die nicht viele Fußballer erhalten haben. Es gibt aber Gerüchte, dass Sie gefehlt haben.

Ich hatte mich mit Jena-Torwart Wolfgang Blochwitz nach dem Spiel auf ein Bierchen verabredet. Dann gingen wir ins Hotel, tranken ein paar Pils und lernten zwei Studentinnen kennen, die uns mit in ihre Einraum-Studentenbude nahmen. Das Finale war in Halle, Blockwitz und ich wussten aber überhaupt nicht, wo genau in der Stadt wir waren. Wir haben einen Kurierfahrer gefragt, ob er uns zum Bahnhof fahren könnte. Er hat zugestimmt, wenn wir ihm dabei helfen, Gemüse auszuliefern. Also sind wir am Morgen nach dem Finale von Gemüseladen zu Gemüseladen gefahren, bis wir am Bahnhof waren und ich endlich einen Zug nach Lichtenberg bekam. Ich war kaum da, da hagelte es schon eine Verwarnung, weil ich nicht im Roten Rathaus erschienen war. Ich durfte mich allerdings zwei Tage später nachtragen.

Was war Ihre größte Enttäuschung als Spieler?

Die kam gleich nach dem Pokalsieg, als uns durch die Ereignisse beim Prager Frühling und der Boykott-Politik die Teilnahme am Europapokal verwehrt wurde. Wir bekamen FK Bor zugelost und wussten, dass wir die schlagen würden. Dann kam alles anders und man spendierte uns zum Trost eine Mannschaftsreise nach Sotschi. Aber das konnte das natürlich nicht wettmachen. Europapokal spielst du vielleicht ein oder zwei Mal im Leben.

Bis heute kennen Sie viele noch unter dem Spitznamen Jimmy.

Den habe ich beim ASK Vorwärts verpasst gekriegt. Ich war der Einzige im Armeesportverein mit längeren Haaren. Ich konnte mich lange Zeit vor dem Friseur drücken bis mich eines Tages Major Knöfler zusammenpfiff und sagte: „Genosse Hoge – auch für Sie gilt militärischer Kurzhaarschnitt.“ Dann musste ich wohl oder übel. Meine Mannschaftskameraden haben schon auf mich gewartet und meinten: „Jetzt siehst du auch aus wie ein Jimmy.“

Sie wurden im Jahr 1962 vom ASK Vorwärts zum BSG Motor Köpenick delegiert. Schon damals hieß es, dass es vor allem an Ihrer unangepassten Art lag. Was haben Sie angestellt?

Der ASK war ein Armeeklub und das war einfach nicht mein Ding. Zwar durfte man mit Zivilklamotten rumlaufen, aber das war schon alles sehr angestrengt. Ich war nur einer von zwei Spielern, die in Berlin wohnten. Der Rest war draußen in der Kaserne in Strausberg. Warum ich dann zu Motor Köpenick strafversetzt wurde, kann ich aber nicht sagen.

Wie schafften Sie es zwei Jahre später zum TSC, der kurz danach Union Berlin werden sollte?

Das habe ich dem damaligen DDR-Nationaltrainer Károly Sós zu verdanken, unter dem ich drei Jahre zuvor mein Länderspieldebüt gegeben hatte. Der tauchte eines Tages in der Wendenschloßstraße auf und meinte, dass ich zu einem besseren Verein delegiert werden würde. Dafür würde er persönlich sorgen. Károly war ein toller Typ. Später, als ich vom DFV gesperrt wurde, bot er mir an, mich über Ungarn und Österreich aus der DDR rauszubringen. Aber das hab ich abgelehnt.

Warum?

Ich hatte Angst vor den Konsequenzen; nicht nur für mich, wenn sie mich erwischten, sondern vor allem für ihn. Vor der gleichen Situation stand ich ein paar Jahre später, als mir der RSC Anderlecht bei der Südamerikareise der Nationalmannschaft ein Angebot machte.

Es hieß, dass Sie später ein wenig enttäuscht waren, nicht einfach abgehauen zu sein.

Enttäuscht ist das falsche Wort, aber es hat mich sehr beschäftigt. Schon wie sich die Gespräche in Chile angebahnt haben, war ein Abenteuer. Das passierte meist auf der Tribüne, und wir standen ja permanent unter Beobachtung. Auf Auslandsreisen war immer ein Stab von Betreuern dabei, die man nie davor gesehen hatte und wo man sich sicher sein konnte, dass die von der Stasi waren. Die wussten über jeden Schritt Bescheid, und ich wurde schon da oft zurückgepfiffen. Umso argwöhnischer wurde dann natürlich auf meine Gespräche mit Anderlecht geschaut. Von deren Seite hieß es nur, dass ich einfach abhauen müsste und ich dann für sie spielen könnte.

Gab es keine Möglichkeit abzuhauen?

Doch, die gab es. Schon in Südamerika hätte ich mich absetzen können, und ein letztes Mal überlegte ich ernsthaft am Flughafen in Zürich, ob ich es tun sollte.

Warum haben Sie schlussendlich davon Abstand genommen?

Alles ging so schnell. Es gehen einem da tausend Sachen durch den Kopf. Auch wenn ich nie angepasst war, ging es mir als Fußballer nicht schlecht. Dazu kam auch, dass man nach der Flucht für ein Jahr vom Spielbetrieb ausgeschlossen wurde. Ich wusste gar nicht, ob Anderlecht in einem Jahr überhaupt noch Interesse an mir haben würde. Zudem hat man genau die Fußballer verfolgt, die es gewagt hatten abzuhauen. Im Endeffekt war das für sie sportlich auch nicht der große Wurf.

Ihre DFV-Akten sind voll mit „disziplinarischen Verfehlungen“, wie es damals hieß.

Ich hab’ mir nie viel aus Politik gemacht. Hans Modrow hat im KWO-Klubhaus regelmäßige Parteilehrgänge mit der Mannschaft gemacht. Ich bin da nie hingegangen, weil ich mich aus dem ganzen Zirkus raushalten wollte. Da wurde mir des Öfteren vorgeworfen, nicht linientreu zu sein. Aber auf den Kieker kam man viel einfacher. Beim ASK Vorwärts bekamen wir Bananen und Apfelsinen zugeteilt, was ein ausgesprochenes Privileg war. Ich bin trotzdem lieber Bockwurst und Brötchen essen gegangen, was viele nicht gerne gesehen haben.

Inwieweit war der Fußball damals von der Stasi unterwandert?

Es war wirklich eine schlimme Zeit. Man hört nach und nach, wer von den alten Wegbegleitern wirklich für die Stasi gearbeitet hat. Leute, mit denen man heute noch zu tun hat. Schon damals war die permanente Überwachung spürbar. Ich bekam von ein paar Zuschauern aus Westberlin ein paar Adidas-Schuhe geschenkt. Klubsekretär Paul Fettback hat das gesehen, und ich musste sofort antreten. Ich durfte die Schuhe behalten und auch mit ihnen spielen, wenn ich die drei weißen Streifen schwarz übermalte.

Gab es Misstrauen zwischen den Spielern?

Man musste immer aufpassen, und vieles war wirklich willkürlich. Als wir im Sportforum 2:1 gegen Dynamo gewannen, gingen Klaus Korn und Wolfgang Wruck ohne den Sportgruß vom Platz. Kurz danach kam Achim Hall von Dynamo wutentbrannt in unsere Kabine und drohte den Vorfall zu melden. Das Ende vom Lied waren dann monatelange Sperren für die beiden. Von da an hat sich kaum noch jemand getraut, den Mund aufzumachen.

Hat dieser Vorfall die Rivalität mit Dynamo zusätzlich verschärft?

Man wusste nie, wer Vorfälle melden würde oder nicht. Das war nicht unbedingt vereinsabhängig. Für mich war die Rivalität von da an spürbar, als man merkte, dass sich Dynamo durchsetze und wer in der Stadt bevorzugt werden würde. Und als Mäcki Lauck zu Dynamo delegiert wurde, haben wir auch keine Jubelsprünge gemacht. Davon abgesehen habe ich mir aber nie viel aus Politik gemacht. Die wurde sowieso von außen in diese Duelle reingetragen. Auf dem Platz war das meistens kameradschaftlich. Für mich gab es keinen großen Unterschied zu anderen Spielen. Ich war neulich zum Berlin-Pokalfinale sogar mal wieder beim BFC und muss zugeben, dass die mittlerweile technisch ansehnlichen Fußball spielen. Die Fans sind auch noch da. Mal schauen, was da in den nächsten Jahren draus wird.

Schon im Jahr 1968 wurden Sie für ein halbes Jahr gesperrt, da Sie laut Urteilsbegründung Ihr „Verhalten im Rahmen des Kollektivs und im üblichen Leben unserer Gesellschaft“ nicht verankern konnten, wie es hieß. 1970 allerdings wurden Sie für sechs Jahre gesperrt.

Wir waren auf der Saisonabschlussfeier mit Union in Ahrenshoop. Am Ende saßen Trainer Werner Schwenzfeier, Günter Klausch und ich in einer Kneipe und sahen das Spiel BRD gegen Italien. Wir schauten nur das Spiel. Dann wurde uns im Nachgang vorgeworfen, dass wir das Deutschlandlied gesungen hätten, dabei kenne ich bis heute den Text nicht. Schwenzfeier bekam eine lebenslange Sperre, ich sechs Jahre, Klausch wurde verwarnt.

Haben Sie sich Ihre Stasi-Akten angeschaut, um herauszukriegen, wer dafür verantwortlich war, dass Ihre Karriere so abrupt endete?

Ich weiß, dass ich es herauskriegen könnte. Aber das hilft mir doch auch nichts mehr. An meiner Sperre kann das nichts mehr ändern. Man hatte damals permanent Angst, von irgendjemanden angeschissen zu werden. Jetzt jemanden anzuscheißen, weil man es in einer Akte gelesen hat, würde einen doch kein bisschen besser machen.

Was hat die Sperre, die faktisch ein Berufsverbot war, für Sie persönlich bedeutet?

Es war ein klarer Einschnitt. Plötzlich durfte man nicht mehr zum Sportarzt, da hat man es zum ersten Mal gemerkt. Für mich kamen auch existenzielle Ängste dazu. Ich hatte zwar Maschinenschlosser gelernt, aber nie in dem Beruf gearbeitet. Da fragt man sich erst einmal, wie es weitergehen soll.

Sie gingen zur zweiten Mannschaft von Motor Hennigsdorf.

Zuerst wusste kaum jemand von meiner Sperre, und anfangs galt die auch nur für Berlin. Über Kontakte wurde ich nach Hennigsdorf gelotst, und anfangs war das auch in Ordnung. Eines unserer ersten Spiele war im FDGB-Pokal, wo wir unglücklich ausgeschieden sind. Als ich vom Platz kam, drückte mir einer einen Zettel in die Hand, dass die Sperre auch für Brandenburg gilt. Dann musste ich in der Kreisklasse spielen. Das war seltsam. Vor ein paar Jahren noch Nationalspieler und auf einmal muss man auf Dörfer, wo die die Tore erst kurz vor dem Spiel aufstellen. Als Motor Hennigsdorf dann in die DDR-Liga aufstieg, durfte ich wieder nicht spielen. Das war zum Verzweifeln.

Blieben Sie mit Union in Kontakt?

Ich bin anschließend noch regelmäßig in die Försterei gegangen, um mir Spiele anzuschauen. Beim Spiel gegen Zwickau haben mich einige erkannt und riefen: „Wir wollen unseren Jimmy zurück.“ Das war mir zu viel. Ich bin in der Halbzeit zu meinem Wartburg gelaufen und nach Hause gefahren. Da hab’ ich dann geheult wie ein Schlosshund. Bis zum Ende meiner Sperre bin ich nicht mehr hingegangen. Eher hätte ich es nicht geschafft. Heute bin ich Ehrenmitglied, gehe oft zu Spielen und weiß, dass der FC Union nicht mehr viel mit dem Verein zu DDR-Zeiten zu tun hat. Und auch sonst gilt: Einmal Unioner, immer Unioner − bis zum bitteren Ende.

Was ist aus Ihrer Sicht, abgesehen von der politischen Komponente, der größte Unterschied zu früher?

Diese Hingabe für den Verein ist schon einmalig. Man muss die Fans phasenweise bremsen, nicht auch noch ihre Monatsmiete in den Verein zu tragen. Das gibt mir immer Gänsehaut. Das Einzige, was ich absolut nicht verstehe, ist, dass sich Spieler nach Niederlagen noch in die Kurve bewegen, um abzuklatschen. Wenn wir früher ein Scheißspiel gemacht hätten, wären wir mit gesenkten Köpfen in die Kabine verschwunden und hätten uns nicht mehr feiern lassen.

Gibt es etwas, das Sie sich für Union noch wünschen?

Wenn mir jemand bei Union versprechen könnte, dass sie innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Bundesliga aufsteigen würden, würde ich noch die fünf Jahre an die 75 dranhängen. (lacht)

Das Gespräch führte Christian Schlodder.