Berlin - We try. We fail. We win. Sechs Worte. Drei Punkte. Viele Fragen. Warum ist der neue Claim von Hertha BSC auf Englisch? Ist ein freiwilliges Bekenntnis zum Scheitern kreativ und mutig oder doch eher hilflos als selbstironisch?

Und warum will der Traditionsverein auf einmal hip wie ein Start-up sein? Im Interview vor dem Heimspiel gegen Schalke (Wahlsonntag, 17.30 Uhr) stellt sich Michael Preetz, 49, der Kampagnenkritik.

Die ablehnende Haltung vieler Fans hat den Verein überrascht. Der Manager räumt Fehler ein. Er lässt aber keine Zweifel daran aufkommen, dass Hertha sich verändern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. In flüssigem Kanzlerinnendeutsch sagt Preetz: „Das ist alternativlos.“

Herr Preetz, die neue Imagekampagne ist … ähm, Herr Preetz, warum lachen Sie?

Ich dachte, wir führen das Interview auf Englisch.

Wir können es versuchen. Wir werden schon nicht scheitern.

Nein, im Ernst. Das, was wir machen, wird reduziert als Kampagne betrachtet. Uns geht es aber um viel mehr. Es geht um eine Haltung, die wir bei uns im Verein leben wollen. Es geht um Veränderungen. Der Fußball verändert sich, die Arbeitswelt verändert sich, unsere Gesellschaft verändert sich. Das ist die Überschrift. Das ist die Klammer. Wir wollen Menschen erreichen, die keine Angst davor haben, Menschen, die Lust haben auf Neues.

Veränderung wird oft mit Verlust gleichgesetzt.

Dafür haben wir Verständnis. Draußen gibt es viele Fragen, die wir beantworten müssen. Das ist in den letzten Wochen etwas zu kurz gekommen und das ändern wir.

Dann fangen wir mit dieser Frage an: Ist Hertha ein Fußballverein, ein Unternehmen oder eine Marke?

Ein bisschen was von allem. In jedem Fall sind wir zu allererst ein Fußballverein, in jeden Fall aber auch ein Unternehmen, und ob wir eine Marke sind, darüber streiten sich die Gelehrten.

Und welche Position vertreten Sie in diesem Streit?

Unser Problem ist doch, dass wir, egal was wir auch versucht haben, es nicht schaffen konnten, noch mehr Menschen für Hertha zu gewinnen. Das Angebot in dieser Stadt ist ein unglaubliches großes. Der Geldbeutel, um das alles zu machen, wächst aber nicht proportional mit. Die Leute müssen sich entscheiden. Ich werde irre dabei. Ich sage, Mensch, wir haben ein Stadion, was an sich ja auch toll ist, aber es hat ein Drittel Kapazität frei. Es muss doch mehr als nur zwei Mal im Jahr möglich sein, dass es voll ist. Zum Beispiel am Sonntag gegen Schalke.

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Wir werben doch schon seit Jahren. Wir befassen uns schon so lange damit: Was ist das Besondere an diesem Verein in Konstellation mit dieser Stadt? Was ist die Uniqueness von Berlin? Was können wir daraus für Hertha ziehen? Wir wollten das Image vom vielleicht etwas großmäuligen Verein, den niemand interessiert, loswerden. Wir haben lange nichts gefunden, mit dem alle zufrieden waren. Wir haben viele Dinge probiert, nicht nur schlechte. „Aus Berlin. Für Berlin“ etwa. Und, als ich noch Spieler war, die Kampagne „Play Berlin“. Das war übrigens eine gute Kampagne. Sie kam vielleicht nur zu früh.

Warum waren diese Kampagnen nicht erfolgreich?

Wir haben nie diese eine Charakterecke gefunden, in der jeder, der sich mit Hertha befasst, ob von außen oder von innen, nachvollziehen kann, warum wir zu so einer Haltung kommen. Eine Haltung, die wir leben und durchdringen. Forsch und mutig. Nicht mit dem Ansatz, dass wir es immer schaffen. Aber mit dem Ansatz, dass wir etwas bieten wollen. Dass die Zuschauer nach Hause gehen und denken: Ja, die haben es wirklich versucht.

Wollen das nicht alle Fußballklubs?

Die Leitbilder in der Liga sind sehr uniform. Man findet da Begriffe wie Werte, Tradition, Verantwortung, gesellschaftliches Engagement. Wir wollten gezielt weg davon. Wir haben etwas gesucht, das einzigartig ist. Wir wollen innovativ sein, kreativ. Wir haben verstanden, dass wir in 125 Jahren Vereinsgeschichte nicht nur lineare Erfolgsgeschichten geschrieben haben. Das Probieren, das Scheitern und das Wiederaufstehen macht Hertha aus.

Auch das gilt für die meisten.

Das ist richtig. Aber in Berlin ist es speziell. Wir hatten einen riesigen Solidarisierungseffekt nach den Abstiegen. Da ist das Band zwischen Verein und Fans noch mal stärker geworden. Außerdem ist „We try. We fail. We win.“ nur ein Saisonmotto, ein Jahresmotto. Im nächsten Jahr wird es mit Sicherheit ein neues geben. Es ist also keine Überschrift für die kommenden Jahre.

Seit diesem Sommer bezeichnet sich Hertha als Start-up. Bereits vor fünf Jahren hieß es in der Wiederaufstiegsreportage des Fußballmagazins 11 Freunde über Sie: „Er könnte als viriler Jungmanager eines Start-up-Unternehmens durchgehen.“

Gut beobachtet, oder? (lacht)