Als er über Guus Hiddink spricht, ballt er die Hand zur Faust. Bei Felipe Scolari schüttelt er die Hände und bei Pal Dardai hebt er sie hoch in die Luft. Die meisten haben 2014 nicht verstanden, warum sich Salomon Kalou für einen Verein weit ab der internationalen Wettbewerbe entschieden hat, er der Star, der Champions-League-Sieger. Der ausschlaggebende Grund für Berlin: Der 30-Jährige will Geschichte schreiben – und nebenbei den Kinder in seiner Heimat Träume schenken.

Herr Kalou, ist es im Land Elfenbeinküste schwierig, sich Träume zu erfüllen?

Es gibt nicht viele Möglichkeiten, weil die Plattformen und die Offenheit fehlen. Die Jugendlichen sind zusammengepfercht, und nur wenige kommen da raus, um ihre Träume zu erfüllen. Wir haben das Glück gehabt, das zu durchbrechen und unsere Ziele zu erreichen. Nun ist es an uns, den Leuten zu zeigen, dass träumen erlaubt ist. Wenn wir es geschafft haben, können sie es auch.

Wen meinen Sie mit „wir“, Ihren älteren Bruder Bonaventure und sich?

Alle jungen Ivorer, die erfolgreich sind und es in andere Länder geschafft haben. Im Besonderen die Brüder Touré, Didier Drogba, Gervinho. Du musst deine Bekanntheit nutzen. Es ist wichtig, alle Erfahrungen, die du im Leben gemacht hast, zu teilen, weil nicht alle das Glück haben, in vielen verschieden Ländern zu lernen. Wir haben die Pflicht, als Vermittler zwischen den Jugendlichen und der westlichen Welt zu dienen.

Warum ist das so wichtig?

Ich habe in den Niederlanden, Frankreich, England und Deutschland gelebt. Die Mentalitäten sind komplett unterschiedlich. Man muss sich jedes Mal anpassen und schnell lernen, wie die Dinge im jeweiligen Land funktionieren. Für junge Afrikaner ist der Graben sehr groß. Wenn du darauf nicht mental vorbereitet bist, hindert dich das daran, dich zu verwirklichen und dein Potenzial auszuschöpfen.

Was möchten Sie den Jugendlichen beibringen?

Sie müssen eine große Offenheit mitbringen. Generell möchte man seine Gewohnheiten beibehalten, wenn man in ein neues Land kommt. Man möchte das Gleiche essen und die Dinge auf die gleiche Weise machen wie bisher. Man muss aber lernen, wie die Menschen sind und wie sie die Dinge mögen. Das ist in keinem Land gleich.

Ab und zu gehen Sie aber in Berlin ivorisch essen, oder?

Na klar tut das gut, aber wenn es das nicht gibt, muss ich etwas anderes essen, um die Kraft fürs Training zu haben. Ich muss frei sein in meinem Kopf. Es ist ja nicht nur die Nahrung, sondern auch Fernsehserien und die Kultur. Berlin kennenzulernen, ins Museum zu gehen, die Geschichte der Stadt zu kennen, ist wichtig, weil das dir erlaubt, dich auf die Mentalität der Menschen einzustellen.

Was möchten Sie den Kindern der Elfenbeinküste mit Hilfe Ihrer Stiftung geben?

Hoffnung. Ohne Hoffnung gibt es keine Träume. Es ist wichtig zu zeigen, dass es zwar wenige Möglichkeiten gibt, dass dies aber noch lange kein Grund ist, es nicht zu versuchen.

Wovon haben Sie als Kind geträumt?

Davon, Profifußballer zu werden. Wenn du ein Talent hast, träumst du davon, es auf höchstem Niveau zum Ausdruck bringen zu können. Es kommt aber nicht nur auf Talent, Willen und Traum an, sondern auch auf deine geistige Verfassung und dein Verhalten. Du kannst kein guter Spieler sein, wenn du deinen Trainer und deine Mitspieler nicht respektierst.

Was hat Ihnen erlaubt, Ihr Ziel zu erreichen?

Die Tatsache, dass mein Ziel immer dasselbe geblieben ist, egal, was um mich herum passiert ist. Ich wollte Profifußballer werden, ob in Spanien, Frankreich, Holland oder Norwegen. Heutzutage wollen die Jugendlichen zu schnell vorwärtskommen. Sie wollen bei Barça oder Chelsea spielen. Den Druck darfst du dir nicht machen. Wenn du dich erst einmal darauf konzentrierst, Profi zu werden, wirst du eines Tages für Barça spielen.

Sie waren 20 Jahre alt, als Sie zu Chelsea wechselten und haben alle Titel gewonnen.

Ehrlicherweise war das der Grund, warum ich dort hingegangen bin. Ich wusste: Mit Chelsea habe ich die Möglichkeit, die Champions League zu gewinnen.

Und als das nach sechs Jahren geschafft war, haben Sie gesagt …

… jetzt kann ich gehen und Spaß haben. Ob in Lille oder jetzt hier, das Wichtigste für mich ist die Freude, jedes Wochenende zu spielen.

Was ist das Geheimnis für Erfolg?

Wenn du weißt, warum du etwas machst, hast du größere Chancen erfolgreich zu sein. Als ich zu Hertha gewechselt bin, haben die Leute es nicht verstanden. Das sei doch keine Herausforderung, haben sie gesagt. Ich bin hierhergekommen, weil Hertha ein Klub ist, der etwas gewinnen will und seit langem nichts gewonnen hat. Wenn wir das schaffen, hat das eine größere Wirkung auf die Fans und die Stadt, als mit Bayern zu gewinnen. Die Fans werden sich jahrelang daran erinnern. Das ist das, was du als Spieler willst: eine Geschichte schreiben. Mit Hertha gibt es diese Möglichkeit.

Hat die Freude in der letzten Saison, als sich das Team im Abstiegskampf befand, gefehlt?

Ja, es war kompliziert. Wir hatten viele neue Spieler und das Verständnis auf dem Platz hat gefehlt. Es fehlte das Vertrauen ineinander.

War der damalige Trainer Jos Luhukay zu streng?

Er war schon längere Zeit beim Verein mit den gleichen Spielern. Irgendwann ist das Ende eines Zyklus erreicht. Vielleicht hat die Ansprache nicht mehr so funktioniert wie am Anfang. Ich kann das aber nicht genau einschätzen, weil ich gerade erst angekommen war.

Seitdem hat sich der Hertha-Fußball deutlich verändert.

Wir haben jetzt die Geduld, Chancen zu kreieren, anstatt es zu erzwingen. Das gibt allen Selbstvertrauen von der Abwehr bis zum Angriff. Wir nehmen den Ball und tragen ihn von hinten über das Mittelfeld nach vorne. Letztes Jahr kam der Ball vom Keeper in den Angriff. Das hat es schwierig für alle gemacht, weil wenn der Ball direkt zurückkommt, bekommst du Panik und triffst die falschen Entscheidungen.

Ist das der Verdienst vom Trainer Pal Dardai?

Er hat uns Geduld gebracht und den Spielern die Möglichkeit gegeben, sich zu entfalten. Wenn man Spielern diese Möglichkeit gibt, gewinnen sie Selbstvertrauen.

Sie hatten die besten Trainer der Welt, was können Sie von dem 39-jährigen Dardai lernen?

Jeder Coach hat seine Sicht der Dinge. Von José Mourinho habe ich gelernt, mich anzupassen und vielfältig zu sein. Carlo Ancelotti hat mir die Effizienz beigebracht, und bei Luiz Scolari war es das Dribbling, die Technik, das Klein-Klein. Unter Guus Hiddink musste man in jeder Kleinigkeit peinlich genau sein. Pal Dardai hat einen weiteren Pinselstrich hinzugefügt: Wir spielen zusammen, wir sind ein Block. Wenn wir den Ball haben, wissen wir, was zu tun ist, und wenn wir ihn verlieren, wissen wir, wie wir uns als Gruppe positionieren müssen. Er hat uns seine Philosophie wieder und wieder erklärt.

Ihre erste Saison in Berlin lief nicht gut. Inzwischen singen die Fans im Trainingslager sogar Ihren Namen, wenn Sie gar nicht mitspielen.

Das ist beeindruckend.

Sind Sie deswegen erleichtert?

Ich wäre erleichtert, wenn die Saison zu Ende wäre und Hertha etwas gewonnen hätte. Die Zahl meiner Tore oder der Fans, die meinen Namen singen, ist egal. Das Ziel ist, etwas mit dem Verein zu gewinnen.

Was denn?

Den Pokal. Das Finale ist in Berlin und wir tun alles dafür, es zu erreichen. Wenn du dann im Finale stehst, ist das ein anderer Wettbewerb. In einem Spiel ist alles möglich, egal wer der Gegner ist.

In Frankreich haben Sie in 67 Spielen 30 Mal getroffen. Haben Sie die Bundesliga unterschätzt?

Nein. Die Bundesliga gehört wie die Premier League zu den besten Ligen in Europa. Aber das Training ist viel härter als in Frankreich und England, so wie hier habe ich noch nie trainiert. Physisch kassierst du einen Schlag, weil du merkst: Das ist viel Arbeit. Daran muss sich der Körper gewöhnen.

Sie haben sich zuletzt einen Fitnesscoach und eine Yogatrainerin aus den USA einfliegen lassen.

Weil ich verstanden habe, dass ich mehr, mehr und mehr arbeiten muss, wenn ich in Deutschland physisch auf dem gleichen Niveau sein will wie die anderen. Das ist anders als in England oder Frankreich, wo man einfach trainiert und dann bereit fürs Match ist.