Daniel Haas war eher ein ruhiger Geselle. Jakob Busk brüllt. Immer wenn die Vorderleute einen Fehler machen. Immer wenn er ein Tor kassiert. Der 22-jährige Däne hat im Januar nur ein paar Trainingseinheiten gebraucht, um zur Nummer eins beim 1. FC Union aufzusteigen, Haas ist inzwischen Geschichte. Dass sich die Mitspieler auf eine ganze andere Art gefasst machen müssen, ist Maximilian Thiel wohl entgangen. Der Mittelfeldmann war ja fast die ganze Rückrunde verletzt. Umso direkter fällt das Kennenlernen auf dem Platz im Trainingslager aus. Auf dem Sessel in der Hotellobby wirkt Busk dann aber ganz umgänglich. Obwohl ihm kein Lachen zu entlocken ist, dafür aber das charakteristische Knarzen. „Njar“, grummelt er, wenn er zu einer Parade gezwungen wird.

Herr Busk, Sie haben Ihrem Maximilian Thiel im Training mit martialischen Worten gedroht. Warum?

Es ist wichtig, diese Leidenschaft zu haben. Natürlich sollte man sie kontrollieren. Aber jetzt weiß er, dass ich ihn umbringe, wenn er das noch einmal macht. Ich meine das ernst.

Er ist neben Ihnen gelaufen und hat sie beim Abwurf gestört.

Das ist dasselbe, wie wenn er gerade den Ball schießen will, und ich trete ihm gegen das andere Bein. Das sieht vielleicht harmlos aus, aber das ist gefährlich für mich, und wir sind im Training. Also lässt man sowas lieber sein. Die Situation ist abgehakt.

Im Testspiel gegen Udinese Calcio sind Sie dann aus dem Tor gestürzt, nach dem Toni Leistner rüde gefoult worden war.

Ich habe den Schiedsrichter nur gefragt, was das soll. Das ist ein Trainingsspiel. Ich mache das für meinen Mitspieler. Toni kann sich in so einer Szene leicht ziemlich schwer verletzen.

Wie wichtig sind diese Emotionen für einen Torwart?

Ich brauche das, um im Spiel zu sein, das gehört für mich dazu. Ich hoffe, dass das meinen Mitspielern hilft. Dass sie wissen, dass ich da bin. Grundsätzlich geht es nur darum, dass ich mein Bestes gebe und dem Team damit helfe. Ich mache das nicht, um Gefahr auszustrahlen.

Leben Sie während einer Partie in einer eigenen Welt?

Ja, das kann man so sagen. Wenn ich nicht spiele, bin ich ziemlich ruhig. Da gibt es nichts Besonderes über mich zu sagen. Aber wenn ich auf dem Platz stehe, gibt es nur eins: gewinnen. Auch in einem Freundschaftsspiel und im Training. Es sind zwei verschiedene Persönlichkeiten. Es ist wichtig, zwischen den beiden zu wechseln. Wenn ich hier so wäre wie auf dem Platz, dann wäre das nicht gut für das Team.

Im Hotel sind Sie also der nette Typ?

Ich versuche ruhig zu bleiben.

Haben Sie ein Vorbild, zum Beispiel den langjährigen Nationalkeeper Dänemarks Peter Schmeichel?

Für Schmeichel bin ich zu jung. Früher war mein Vorbild der Niederländer Edwin van der Sar, jetzt ist es Manuel Neuer. Weil er alles kann, er ist ein kompletter Torwart. Er macht kaum Fehler. Das ist beeindruckend, weil er viele Risiken eingeht, und meistens die richtigen Entscheidungen trifft.

Gehört Risiko auch in Ihrem Spiel dazu?

Ich versuche sehr offensiv zu sein. Besonders jetzt, da wir viel nach vorne spielen, und unsere Verteidigung sehr hoch steht. Da ist es wichtig, dass ich bei langen Bällen helfe. Vielleicht ist es falsch, davon zu sprechen, ein Risiko einzugehen. Man möchte dem Team helfen und geht nicht leichtfertig ein Risiko ein. Du machst es, weil du denkst, dass es das Beste für die Mannschaft ist.

Was sind denn Ihre Stärken und Schwächen?

Ich muss mich in allen Bereichen weiterentwickeln. Ich bin jetzt 22 Jahre alt und ich muss viel lernen. Ich sehe mich aber als ein Torwart, der in vielen Dingen ganz gut ist.

Für Torwarttrainer Dennis Rudel müssen sie sich auch mal hinlegen und dann über die anderen zwei Keeper hüpfen, die auf dem Boden rumrollen. Sind die Trainingsmethoden seltsam?

Sie sind teilweise neu für mich und viel härter, als ich es bisher kannte. Das meiste ist auch sehr matchbezogen, also nah an der Spielrealität. Das mag ich wirklich sehr. Dennis hat auch einen großen Einfluss auf die Gruppendynamik. Dass wir eine gute Beziehung haben, ist mir wichtig.

Sie sind − wie Sie schon erwähnt haben 22 Jahre alt, Ihr Konkurrent Daniel Mesenhöler 20 Jahre. Ist es ein Risiko, mit zwei so jungen Torhütern in die Saison zu gehen?

Da habe ich nicht drüber nachgedacht. Für mich ist das normal. Daniel ist auch ein guter Torwart, wir setzen uns gegenseitig unter Druck und werden so besser. So soll es sein. Ich bin zufrieden.

Vermissen Sie keinen erfahrenen Keeper, der Ihnen Tips geben kann?

Das ist für mich nicht so wichtig. Natürlich war Daniel Haas in der Rückrunde eine große Hilfe für mich, weil er schon viele Spiele auf dem Niveau gemacht hat. Das war nett und hilfreich, aber es ist nicht so, dass ich das brauche. Ich schaue im Training immer, was die anderen gut können, auch jetzt von Daniel (Mesenhöler, d. R.) versuche ich zu lernen.

Daniel Haas ist zehn Jahre älter als Sie, sein Ersatz Mohamed Amsif fünf. Trotzdem wurden Sie nach der Verpflichtung im Januar sofort die Nummer eins.

Ich war überrascht, dass es so schnell ging. Als ich angekommen bin, war ich körperlich im Rückstand, weil ich eine längere Pause gehabt hatte. Das musste ich schnell aufholen, dafür habe ich hart gearbeitet.

Und dann haben Sie den Vertrag um drei Jahre bis 2020 verlängert.

Für beide Seiten war es eine gute Idee, einen kurzen Vertrag aufzusetzen und zu schauen, ob ich spiele. Ich wollte hier nicht vier Jahre rumsitzen. Als ich gemerkt habe, dass es gut läuft, habe ich keinen Augenblick überlegt. Ich mag den Klub und fühle mich sehr wohl in Berlin.

Auch weil die Perspektive stimmt?

Ja, die Entwicklung im Klub ist sehr gut. Er bewegt sich in die richtige Richtung und hat sehr viel Potenzial. Das gilt auch für den Kader. Das hat dazu beigetragen, dass die Entscheidung sehr einfach war.

Dass Sie in der Partie gegen Nürnberg sechs Gegentore kassiert haben, hat Sie nicht abgeschreckt? Sie regen sich doch selbst im Training über jeden Gegentreffer maßlos auf.

So was ist nicht lustig und ich bin dann einen Tag frustriert. Aber es passiert eben. Jeder hat mal einen schlechten Tag.

Sie sind also nicht so nachtragend, dass die Mitspieler nach Fehlern um ihr Leben fürchten müssen.

Ach, nicht wirklich. Das Schlimmste ist, wenn ich selbst einen Fehler mache. Ich wünsche mir, dass das nicht zu viele sind.

Das Gespräch führte Max Bosse.