Kennt sich mit Laufschuhen aus: der frühere Olympiateilnehmer Michael Gottschalk.
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BerlinNach fünf Wochen Corona-Schließzeit konnte das Laufgeschäft Long Distance im Berliner Hansaviertel wieder öffnen. Seither ist die Nachfrage nach Laufschuhen groß. Zum Verkaufsteam gehören die früheren Olympiateilnehmer Kathrin Weßel und Michael Gottschalk. Es mache Spaß, die alten und neuen Kunden wieder im Laden an der Altonaer Straße begrüßen zu dürfen, sagt Gottschalk.

Herr Gottschalk, in Berlin sieht man seit den Corona-Einschränkungen plötzlich viele Läufer und Jogger. Haben Sie viele neue Kunden?

Ganz eindeutig, ja. Es sind viele Neueinsteiger, viele, die es wiederentdeckt haben. Das hängt damit zusammen, dass viele Hallen und auch die Fitness-Center lange geschlossen waren. Laufen ist eine einfache Sportart, die kann man überall betreiben. Es war bei vielen der Ausgleich für Sportarten, die weggefallen sind.

Worauf achten Sie, wenn ein Schuhkäufer zu Ihnen kommt?

Für uns ist es am besten, wenn wir einen alten Schuh sehen. Da können wir herauslesen, was derjenige an Schuhen gewöhnt ist, was die Vorlieben sind, wie sie abgenutzt sind. Wenn jemand keine alten Schuhe hat, macht es aber auch nichts. Für uns sind Füße und Knie wichtig. Die schauen wir uns ausführlich an, machen eine statische Analyse, wobei wir die Fuß- und Kniestellung beurteilen und uns das in Bewegung angucken. Wir fragen, wie oft, wie weit und wie lange gelaufen werden soll. Dann entscheiden wir, ob es Neutral- oder Kontrollschuhe werden und lassen unsere Kunden draußen vor dem Geschäft laufen. Wir sehen, ob der Schuh geeignet ist, der Kunde gibt uns eine Rückmeldung. Er kann zwei, drei, vier, fünf Schuhe ausprobieren und wir finden gemeinsam heraus, welcher am besten geeignet ist.

Was bedeutet Neutral- oder Kontrollschuh?

Bei unserer Analyse sehen wir, ob der Fuß im Sprunggelenk stabil steht. Dann sprechen wir von einem Neutralschuh. Wenn das Sprunggelenk nach innen einknickt, sprechen wir von einer Überpronation. Die sollte man mit einem Kontrollschuh auffangen, sodass der Fuß möglichst in einer geraden Position in der Belastungsphase steht.

Und Ihre Laufbänder?

Früher war es Standard, dass hinter dem Laufband eine Videoanlage stand, mit der wir Aufnahmen im Laden machen konnten und über eine Software dem Kunden zeigen konnten, wie er läuft, wie die Pronationsbewegung ist. Das ist bei uns ein bisschen aus der Mode gekommen, weil wir alle sehr lange dabei sind und dem Kunden eher verbal vermitteln, was wir sehen. Wir haben aber auch die Möglichkeit, in unseren hinteren Räumen eine große Lauf- und Ganganalyse machen zu lassen. Dort haben wir ein Laufband mit zwei Hochgeschwindigkeitskameras stehen, wo wir bei Kunden, die orthopädische Probleme haben, Empfehlungen geben können zur Kräftigung des Körpers. Das ist ein anderes Segment, eine Beratung im anatomischen Bereich.

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Zur Person

Der frühere Mittel- und Langstreckenläufer Michael Gottschalk nahm 1996 für den OSC Berlin im 1500-Meter-Rennen bei den Olympischen Spielen in Atlanta teil. Damals trainierte er um die 120 Kilometer pro Woche. Derzeit läuft der 48-Jährige, der später zum SCC Berlin wechselte, nur noch zweimal sechs Kilometer pro Woche und testet dabei Schuhe verschiedener Hersteller wie: Brooks, Hoka, New Balance oder Asics.

Muss man beim Schuhkauf vor allem auf die Dämpfung achten?

Die meisten, die in Berlin in der Stadt laufen, haben viele Kilometer auf der Straße oder Gehwegen zurückzulegen, auch in den Parks wird es immer verdichteter, es werden mehr Asphaltdecken eingezogen, durch die Hitze werden die Böden immer fester. Da braucht man eine gewisse Dämpfung. Wer einen gesunden Fuß hat und auch schon länger gelaufen ist, kann auf einen gewissen Teil Dämpfung verzichten, weil er einfach einen guten Laufstil hat und viel von der Kraft über die Kette Fuß-Wadenmuskulatur-Oberschenkelmuskulatur aufnehmen kann. Das kann der Anfänger oft noch nicht, weil er einen schlechten Laufstil hat. Da muss der Schuh halt eine Menge machen.

Kann der Schuh den Laufstil retten?

Nein, Laufen kommt durchs Laufen. Man muss einfach anfangen, dann schleift sich das ein: eine bessere Ergonomie, eine bessere Kräftigung, wenn die Muskulatur aufgebaut ist. Viele kommen vom Schreibtisch, gehen in den Park und laufen am Anfang oft zu lange. Wenn jemand länger gelaufen ist und die Muskulatur und der Bandapparat das nicht können, sieht man eine starke Überpronation – die X-Beine. Das kann man vermeiden, wenn man am Anfang eher kürzere Strecken läuft, mal ein Päuschen macht, sodass es am Ende nicht weh tut, aber Spaß gemacht hat.

Was ist denn der neueste Trend?

Ein langfristiger Trend ist, dass die Schuhe immer leichter und flexibler werden. Die Hersteller specken die Obermaterialien ab. Und die Sohlen sind nicht mehr ganz so mächtig, sodass die Sprengung flacher wird, also das Verhältnis zwischen Vorfuß und Rückfuß. Das bedeutet, dass man ebenerdiger steht, eigentlich natürlicher. So, wie man barfuß auf dem Fußboden steht. Da hat man null Sprengung.

Haben viele in den vergangenen Wochen ihre Schuhe aus dem Keller geholt, die dort schon 10, 15 Jahre ungebraucht herumlagen?

Das haben wir in den letzten Wochen hier häufig gesehen. Wir haben Modelle wiederentdeckt, das war schon historisch. Ich vergleiche das immer mit einem Autoreifen. Da gibt’s aber irgendwann einen Tüv, der sagt, jetzt ist es vorbei. Beim Laufschuh sagt es dir keiner. Die Hersteller sagen, ein Laufschuh sollte 1000 bis 1500 Kilometer halten. Wir sagen immer, die Spanne ist wesentlich größer, weil ja die Beanspruchung des Schuhs von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Ich sage meistens zwischen 800 und 1600 Kilometer hält so ein Schuh. Ob ich ihn viermal die Woche trage oder einmal die Woche ist ein sehr großer Unterschied. Ansonsten sollten die Schuhe nach drei Jahren ausgetauscht werden.

Wie ist denn die Preisspanne bei Erwachsenenschuhen?

Der Durchschnittslaufschuh kostet etwa 140 Euro im Moment. Das ist in den letzten Jahren etwas nach oben gegangen.

Und wie ist es bei Kinderschuhen, die oft nur eine Saison passen?

Kinderschuhe kosten etwa 45 bis 60 Euro, weil sie viel einfacher gearbeitet sind, weil sie weniger Gewicht aufnehmen müssen, weil sie nach einem halben Jahr verschlissen sind, da die Kinder rauswachsen. Da muss man aufpassen, dass sie nach vorn ausreichend groß sind. Bei den Erwachsenen sagen wir: halber bis ganzer Daumen Platz. Ansonsten muss er halt im Mittelfuß gut sitzen, eng genug sein, damit die Kinder nicht drin rumschlackern. 

Sollte man spezielle Socken anziehen?

Jein. Die Sportsocke ist eine Komfortfrage, wenn man nur fünf Kilometer läuft. Wenn ich eine x-beliebige Baumwollsocke nehme, ist die für den rechten und linken Fuß gleich. Aber unsere Füße sind unterschiedlich. Wir haben Socken für alle Sportarten mit entsprechenden Protektoren und Abriebzonen. Im Laufbereich bedeutet das: verstärkte Zehe, Sohle, Ferse – die Socke sitzt eins a. Die Materialien sind längerlebiger als eine Baumwollsocke, sie transportieren den Schweiß besser. Bei fünf Kilometer fällt das noch nicht groß auf, aber wenn ich eine längere Strecke laufe, zehn, zwölf oder 15 Kilometer, dann ist es ein entscheidender Faktor fürs Wohlbefinden. Es gibt weniger Blasenbildung. Kompressionssocken sind seit zwölf Jahren auf dem Markt. Sie wurden am Anfang sehr belächelt, mittlerweile haben sie sich in der Laufszene durchgesetzt. Ihre Wirkung ist positiv: die Durchblutung wird gefördert.

Wie findet man in Berlin einen Laufladen mit guter Beratung?

In Berlin haben wir eine ganze Menge inhabergeführte, kleinere Laufgeschäfte. Neben Long Distance gibt es zum Beispiel den Lang- und Laufladen. Man findet eigentlich fast in jedem Kiez einen kleinen Laufladen, wo es sich lohnt, mal vorbeizuschauen. Die großen Ketten haben oft eine größere Auswahl, vor allem was die Farben angeht. Aber grundsätzlich sollte die Farbe des Schuhs nicht ausschlaggebend sein.

Das Gespräch führte Karin Bühler.