Hotel Atlantic, Hamburg: Lothar Matthäus, 56, hat ausgiebig gefrühstückt und ist in aufgeräumter Stimmung. Am Vorabend hat er den Deutschen Sportjournalistenpreis als meistzitierter Fußballexperte bekommen, mittags muss er schon wieder zum Flughafen, der FC Bayern tritt in Hoffenheim an, und Matthäus ist als Spieldeuter bei Sky im Einsatz. Der Weltmeister-Kapitän von 1990 ist ein gefragter Mann, und das gefällt ihm, auch wenn er während der Fußballsaison oft über Wochen in Hotels lebt – er hat in Deutschland gar keinen festen Wohnsitz. Es reiche ihm, sagt er, „nie zu vergessen, wo ich herkomme“.

Aber was hat man sich darunter eigentlich vorzustellen? Wie war das, in den 60er-Jahren Kind zu sein in Herzogenaurach? Als die zunehmend erbitterte Rivalität der Schusterbrüder Adi und Rudi Dassler die zwei Weltkonzerne Adidas und Puma hervorgebracht hatte, die kleine fränkische Stadt zweiteilte, und sich nicht nur die Firmen, sondern auch die Mitarbeiter und ihre Familien in Abneigung, Missgunst, ja offener Feindschaft gegenüberstanden? Zumindest erzählt dies der TV-Zweiteiler „Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen“, den die ARD am Karfreitag und Karsamstag zur Hauptsendezeit ausstrahlt. Als Ersatzsohn von Rudi Dassler und Spielkamerad des Enkels von Adi Dassler war Lothar Matthäus mittendrin im Herzogenauracher Bruderkrieg. Er hat ihn geprägt, und er tut dies bis heute.

Herr Matthäus, wann waren Sie zum letzten Mal in Herzogenaurach?

Vor drei Wochen. Ich habe meine Eltern besucht.

Erzählen Sie von Ihren Eltern.

Sie mussten kämpfen, sie mussten arbeiten, von morgens um sechs bis abends um neun, da war nichts mit Fernsehgucken. Mein Vater war über 40 Jahre lang Hausmeister bei Puma, meine Mutter hat dort Schuhe genäht. Wir hatten einen Garten, wo wir aus wirtschaftlichen Gründen selbst ausgesät haben. Es war schon intensiv, was meine Eltern da gemacht haben. Ich hätte mir gewünscht, dass sie mehr Zeit mit uns verbringen. Aber sie haben gearbeitet, alles mit ihren Händen gemacht. Und wir mussten selbst anpacken und Steine schleppen, wenn der Maurer kam. Ich habe in meiner Kindheit zu arbeiten gelernt: anpacken, mitanpacken, unterstützen, helfen. Mein Bruder Wolfgang, der vier Jahre älter ist als ich, hat dann auch bei Puma gelernt, wo er inzwischen seit ebenfalls mehr als 40 Jahren arbeitet.

Reicht die Verbindung zu Puma noch weiter zurück als zu Ihren Eltern? War Ihr Großvater schon bei den Gebrüdern Dassler?

Nein. Meine Mutter ist in Herzogenaurach geboren. Mein Vater war ein Flüchtlingskind aus Schlesien. Er kam mit 14 mit dem Zug in Erlangen an. Mit 18 hat er meine Mutter kennengelernt, heute sind beide 86.

Sie lernten das Fußballspielen natürlich beim 1. FC Herzogenaurach, dem Puma-Klub.

Lassen Sie es mich so sagen: Es gibt einen kleinen Fluss in Herzogenaurach, die Aurach. Das ist so ungefähr wie in Budapest, da fließt die Donau durch. Auf der westlichen Seite ist Buda und auf der östlichen Seite ist Pest. In Herzogenaurach ist auf der einen Seite, also auf der Buda-Seite Adidas, auf der Pest-Seite ist Puma. Genauso gibt es zwei Fußballvereine, den ASV Herzogenaurach, der von Adidas gesponsert wurde, und den 1. FC Herzogenaurach. Der heißt auch nicht nur so, das war wirklich der erste Fußballklub von Herzogenaurach, das war der Puma-Verein, ist es immer noch; da bin ich groß geworden. Präsident war Armin Dassler, der Sohn des Firmengründers Rudi Dassler, und später sein Bruder Gerd.