Hertha-Manager Michael Preetz hat viele Baustellen. Im Interview spricht der einstige Berliner Torjäger über fehlende Euphorie, versteckten Optimismus und die erneut große sportliche Herausforderung. Dabei weiß Preetz: Abstiegskampf ist nicht gerade „wahnsinnig attraktiv“.

Vor dem Bundesliga-Start hat man trotz des Pokalsiegs in Bielefeld das Gefühl, die große Euphorie geht an Berlin und Hertha vorbei. Dafür gibt es eher Skepsis. Wie sieht das der Manager?

Wir sehen das ein bisschen anders. Wir glauben schon, dass wir eine gute und harte Vorbereitung absolviert haben. Wir sind bereit und freuen uns auf die Saison. Es hilft uns dabei enorm, dass wir in Bielefeld gewonnen haben - das war ein guter Einstand.

Also würden Sie dieser Skepsis von außen widersprechen?

Ich sehe das anders. Vielleicht ist es ein Gefühl der Menschen, die in dieser so umtriebigen und vielfältigen Stadt leben. Aber wir werden sehen, wie weit es beim ersten Heimspiel damit ist. Was wir wissen, ist, dass wir ein Stammpublikum haben von 50 000 Zuschauern - und die werden sich mit Sicherheit auf das erste Heimspiel freuen.

Hertha kämpft schon seit Jahren um ein besseres Image, um mehr Anerkennung außerhalb Berlins. Frustriert es als Manager, wenn das Interesse am eigenen Verein weitgehend regional begrenzt bleibt?

Das ist eine Herausforderung für uns, auch diese Dinge Stück für Stück zu verändern. Es ist etwas, was wir sehr ernst nehmen. Wir leben in einer Stadt, die sich in einem permanenten Wandel befindet. Wir müssen den Spagat hinkriegen zwischen Tradition und einem Wandel im Verein.

Es gibt viele Kritiker, die monieren, dass dem Verein die optimistische Ausstrahlung fehlt. Wie sehen Sie das?

Es ist in einer Stadt wie Berlin vielleicht nicht wahnsinnig attraktiv, im dritten Jahr nach dem Wiederaufstieg wieder zu sagen: Es muss für Hertha BSC darum gehen, die Klasse zu sichern. Das ist aber nun mal so. Wir müssen in erster Linie natürlich sportliche Antworten finden. Es gibt viele Gründe, mit Optimismus auf die neue Saison und unseren Kader zu gucken. Ich sehe da eine Menge Potenzial. In der Transferperiode umtreibt die Leute in jedem Jahr nur die Frage nach dem nächsten Neuen, der kommt. Der Auftrag an die Trainer gilt auch in diesem Jahr: Die Spieler, die wir haben, besser zu machen.

Der Trainer und Sie haben weitere Neuzugänge in Aussicht gestellt. An welche Typen oder Positionen denken Sie vor allem? Braucht Hertha einen Antreiber, der bisher fehlt?

Das ist ja kein Phänomen bei Hertha, sondern des Fußballs 2015. Das ist aber nicht der Akzent, den wir setzen. Wir definieren uns über das Team. In den Monaten mit Pal Dardai ist in dieser Hinsicht schon etwas gewachsen. Die Jungs sind sehr eng zusammengerückt.

Welche Probleme müssen zuerst beseitigt werden?

Unser großes Problem war, dass wir im zentralen Mittelfeld einfach Bedarf hatten. Mit Baumjohann und Cigerci hatten wir zwei spielstarke Leute aufgrund von Verletzungen nicht dabei. Jetzt haben wir mit Vladimir Darida einen Spieler hinzugewinnen können, von dem wir überzeugt sind, dass er uns deutlich voranbringen wird. Dieser Transfer war sehr arbeits- und zeitintensiv. Weitere mögliche Transfers müssen wir im Zusammenhang sehen mit unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten und dem einen oder anderen Spieler, der den Verein vielleicht noch verlässt.

Die andere große Baustelle ist das Toreschießen. Reicht die Besetzung ganz vorn mit dem Hintergrund der Probleme bei Salomon Kalou?

Erst einmal ist die gesamte Mannschaft gefragt, mehr Torchancen zu kreieren. Dann können wir uns mit denen beschäftigen, die in erster Linie dafür zuständig sind, diese Chancen zu verwerten. Wenn du im Schnitt nur ein, zwei Chancen hast, ist das zu dünn. Aber von der Vorbereitung etwas abzuleiten, ist Unsinn. Was zählt, sind die Pflichtspiele. Wir haben drei gute Stürmer für eine Position: Kalou, Schieber und Allagui. Das reicht sicher von der Quantität. Allerdings wird es bei Schieber nach der Verletzung noch etwas dauern. Wir werden die Entwicklung bis zum Ende der Transferperiode ganz genau beobachten.

Mit Pal Dardai - mit 39 Jahren jüngster Trainer der Liga - hat Hertha einen ungewöhnlichen Weg gewählt, einen Weg mit Risiko. Welche Hinweise können Sie als Freund geben, welche Bedenken haben Sie als Manager?

Wir arbeiten sehr intensiv zusammen. Er verfügt über eine lange Erfahrung als Spieler. Er verfügt auch über eine Intimkenntnis über den Club. Er ist ein geborener Trainer, der ehrgeizig ist, der sich weiterentwickeln möchte, der gleichermaßen nah dran ist an der jungen Generation von Spielern.

Gab es nach der Saison nie Überlegungen über eine andere Trainer-Konstellation?

In der Trainer-Frage war Pal Dardai von Anfang an unsere Überlegung. So wie wir versuchen, Spieler zu entwickeln, haben wir bei Hertha BSC auch im Blick, Trainer zu entwickeln. Pal Dardai und auch Ante Covic sind gute Beispiele. Pal Dardai hat die Mannschaft gemeinsam mit Rainer Widmayer sehr schnell stabilisiert. Wir gehen voller Überzeugung mit diesem Duo in die neue Saison. Die Konstruktion, die wir gewählt haben, mag eine ungewöhnliche sein. Aber ich glaube, sie trägt allem und allen Rechnung. Insofern ist es aus unserer Sicht eine sehr gelungene Konstellation.

Was erwarten Sie von der Saison?

Ich erwarte eine Weiterentwicklung unseres Spielstils. Ich möchte für unsere Zuschauer das eine oder andere attraktivere Spiel mehr sehen. Natürlich steht über allem der sportliche Erfolg: Insofern würde ich mir zuerst einmal wünschen, dass wir eine sorgenfreiere Saison spielen.

Gibt es einen Wunsch für eine Platzierung?

Nein. Damit befasse ich mich auch nicht. Sieben, acht Vereine spielen um die internationalen Plätze. Der Rest spielt um den Rest. Das heißt, sie wollen alle schauen, dass sie wegbleiben von den unteren Plätzen. Wir müssen unsere Rahmenbedingungen derart positiv beeinflussen, dass wir langfristig in der Lage sind, wieder den Anschluss an die oberen Regionen herzustellen. (dpa)