Die prägendsten Erlebnisse hatte Stephan Fürstner auf Reisen. Auf dem Heimflug aus New York bekam er mit 18 Jahren einen Profivertrag beim FC Bayern, der Besuch eines Waisenhauses in Indien lehrte ihn im gleichen Jahr, über den gut gefüllten Teller mit der Fußballsuppe hinauszublicken, und in Katar wurde er deutscher Nachwuchsnationalspieler. Das Trainingslager in Kärnten mit dem 1. FC Union mutet da wenig exotisch an. Es ist aber der beste Ort, für ein gutes Gespräch. Und das ist laut Fürstner durch nichts zu ersetzen.

Herr Fürstner, was bedeutet so eine Woche für das Mannschaftsgefüge?

Es ist wichtig, dass man den ganzen Tag miteinander verbringt, über vergangene Zeiten spricht, Vergleiche zieht und sich richtig gut kennenlernt. Damit man ein Gefühl für einander entwickelt und zu einer Truppe wird. Dafür ist es gut, wenn man abgeschottet ist.

"Ich mag Leben um mich herum"

Sie sind mit Ihrer Freundin nach Friedrichshain gezogen. Nicht unbedingt der Ruhepol der Stadt.

Die Partymeile habe ich noch nicht entdeckt. Es ist genau in der Mitte, was den Weg zum Training und die Zentrumsnähe angeht. Ich mag das, wenn Leben um mich herum ist. Wir haben uns gesagt: Wenn wir Berlin machen, dann machen wir es gescheit.

Was bietet die Stadt einem, der mit dem FC Bayern und der U19-Nationalelf die halbe Welt bereist hat?

Multikulti ist die Überschrift. Hier sind wahnsinnig verrückte Leute auf der Straße. Jeder macht sein Ding, alle sind direkt und frei Schnauze raus.

Ihre Fürther Wegbegleiter sagen, dass sich die Berliner auf Sie freuen könnten. Warum?

Ich rede nicht gerne über mich. Ich versuche, die Zeit zu nutzen und mein Bestes zu geben. Vielleicht ist das eine Tugend, die gut ankommt.

Sie leiten seit 2012 eine Stiftung für krebskranke Kinder in Nürnberg.

Ich bin mit 18 Jahren Profi bei den Bayern geworden. Da hat man andere Sorgen als die Gleichaltrigen. Wir waren in Indien in einem Waisenhaus. Ein Kind hat mich an der Hand in sein Zimmer geführt. Da hing ein Poster von mir an der Wand. Niemand kannte damals Stephan Fürstner. Es war so erstaunlich, weil das Kind mit anderen Problemen zu kämpfen hatte. Denen geht es sehr bescheiden.

Für den guten Zweck versteigert die Stiftung Originaltrikots. Wer hat das meiste Geld eingebracht?

Ein Schweinsteiger und die WM-Helden ziehen natürlich. Ich glaube, es war Manuel Neuer mit 350 Euro.

Ein Fürstner war 500 Euro wert.

Es kann sein, dass da einer mehr gegeben hat. (lacht)

"Ich bin ein Familienmensch"

Im Fußball geht es um irre viel Geld. Auf welche Werte kommt es an?

Ich bin ein Familienmensch und habe gerne Freunde um mich. Das erdet. Die Meinung von meinen Geschwistern einzuholen, bedeutet mir viel. Wenn ich scheiße gespielt habe, sagen mir das meine zwei Brüder. Da kommt die SMS: Wärst du heute lieber zu Hause geblieben.

Welche Rolle spielt Treue?

Ich bin jemand, der Verträge macht, um sie zu erfüllen. Ich will hier den Weg mitgehen und den Startschuss setzen.

Sie suchen eine neue Herausforderung. Was bietet Union, was andere Klubs nicht haben?

In erster Linie viel Tradition. Ich habe immer wahnsinnig gerne hier gespielt, unabhängig vom Ergebnis.

Meistens hat Fürth ...

.. gewonnen, ja. Das war das i-Tüpfelchen. Es ist eine ehrliche Stimmung, und eine ehrliche Arbeit, die hier verrichtet wird. Deswegen kann ich mich mit den Strukturen hier sehr gut identifizieren.

Vier der acht Neuen sind bereits in die Bundesliga aufgestiegen. Was braucht es, um sich in der Zweiten Liga durchzusetzen?

Definitiv einen guten Start und einen guten Teamspirit. Dass man den Glauben hat, die Saisonziele zu erreichen. In Fürth haben wir in der Aufstiegssaison gearbeitet wie die Schweine. Das wurde belohnt.

Wie definieren Sie Schweinearbeit?

Wenn jeder das Feuer hat, auch die belanglosesten Spielchen gewinnen zu wollen. Aber man muss auch in den richtigen Momenten abschalten und sich auf ein Bierchen treffen. Wir haben in der Aufstiegssituation einen Ehrgeiz entwickelt, wo kein Keil zwischen uns gepasst hat. Das war oft ausschlaggebend über Sieg und Niederlage.

Sie sollen eine Führungsrolle einnehmen. Wie lenkt man ein Team?

Indem man vorahnt, was entstehen kann. Auf meiner Position in der Zentrale ist es wichtig, für Ordnung zu sorgen, die Leute gut zu positionieren. Mit vielen Kommandos kann man viel Laufarbeit ersparen.

Die stärkste Zweite Liga

Ist es die stärkste Zweite Liga?

Ich glaube schon. Die zwei Absteiger und die zwei Aufsteiger sind gefestigte Größen. Wir wollen von Anfang an im vorderen Drittel dabei sein. Dann entwickelt sich eine Selbstverständlichkeit.

Hat sich die Zweite Liga seit Ihrem Debüt vor sechs Jahren verändert?

Ja. Es tummeln sich noch bessere Spieler, die die Zweite Liga als Sprungbrett nutzen. Das erhöht die Qualität der Mannschaften.

Wird denn wenigstens der Abstand zur Bundesliga geringer?

Da ist noch mal ein Unterschied, das hat man in den letzten drei Jahren gesehen. Fürth hat es erwischt, Braunschweig und jetzt Paderborn. Es ist wahnsinnig schwer, bis zum letzten Spieltag eine Rolle um den Klassenerhalt zu spielen, weil Fehler gnadenlos bestraft werden. Du musst wahnsinnig viel aufwenden, um Punkte zusammenzukratzen.

Was hat Ihnen der Aufstieg gebracht?

Ich bin wahnsinnig stolz, Teil der Mannschaft gewesen zu sein, die zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Erste Liga aufgestiegen ist. Wir reden heute noch darüber, weil es schöne Momente waren, an denen man sich hochziehen kann. Aber es ist gut, die Dinge im Hier und Jetzt anzupacken und nicht so viel zu träumen.

Hätte aus dem, Zitat Uli Hoeneß, „riesigen Talent“ Stephan Fürstner nicht mehr werden müssen als ein sehr guter Zweitligaspieler?

Ich bin zufrieden mit meiner Entwicklung. Ich werde nie eine WM gewinnen, aber ich probiere dort, wo ich gebraucht werde, meine Leistung zu bringen. Ziel ist es natürlich, noch mal bei den Großen mitzumischen.

Was haben Sie von Bastian Schweinsteiger gelernt, der schon weltberühmt war, als Sie mit 18 Jahren in den Profikader kamen.

Wie selbstverständlich der und die anderen in jungen Jahren von der WM zurückkamen und ihren Mann gestanden haben. Die stehen jeden Tag im Rampenlicht. Wenn man nicht ins Kino gehen kann, ohne angesprochen zu werden, damit möchte ich nicht gern tauschen.

Dann sollten Sie mit Union nicht aufsteigen, sonst ist es vorbei mit der Ruhe im Kino.

Das Risiko gehe ich ein.

Das Gespräch führte Max Bosse.