Im März löste Dennis Rudel nach zehn Jahren Torwarttrainer Holger Bahra ab. Seitdem werden die Torhüter des 1. FC Union mit allem beschossen, was irgendwie an einen Ball erinnert. Die Hilfsmittel, die der 38-Jährige, der vor sieben Jahren zum Coach umschulte, benutzt, sind das Modernste, was der Markt zu bieten hat. Trotzdem haben die Berliner in vier Spielen neun Tore kassiert.

Sie lieben unkontrollierte Überraschungen, oder?

Meine Philosophie ist, dass ein Torhüter extrem flexibel und auf alle mögliche Situationen vorbereitet sein muss – seien es verdeckte oder abgefälschte Schüsse. Man kann von einem Torwart nicht erwarten, einen sogenannten unhaltbaren Ball zu halten, wenn man das nicht trainiert hat. Manchmal reicht es, wenn der Arm zuckt. Das ist eine natürliche Schutzbewegung, die man aktiv nutzen kann. Hier habe ich in den ersten Saisonspielen deutliche Fortschritte gesehen.

Verändert sich Ihr Beruf?

Die Wahrnehmung ist größer als vor zehn Jahren, als der Trainer gesagt hat: Nimm die Jungs und schieß denen ein paar Dropkicks, ich will damit nichts zu tun haben.

Die Cheftrainer berufen sich jetzt darauf, dass sie einen Fachmann an ihrer Seite haben, den sie als Assistenten einbinden. Was die Entwicklung des Torwartspiels angeht: Alle wollen in die Richtung von Neuer und ter Stegen gehen, die der elfte Feldspieler sind. Das ist mir fast zu viel. Man darf das Kerngeschäft nicht vergessen.

Woran arbeiten Sie derzeit mit Mohamed Amsif und Daniel Haas?

Ich habe versucht, sie wieder stark zu machen und mich nicht mit Fehlern zu beschäftigen. Reaktionstraining, Sprünge, Schüsse gegen den Lauf. Fausten ist immer dabei. Das wird gerne vernachlässigt, obwohl es eine schwierige Technik ist. Spieleröffnung und am Ende der Woche Flankentraining. Natürlich erkenne ich Defizite. Es wäre aber der falsche Ansatz, zu sehr darauf einzugehen. Ein guter Torwarttrainer erkennt das und baut es versteckt ein, ohne es direkt anzusprechen.

Sie waren bei den Kaizer Chiefs Johannesburg. Wie unterscheiden sich Torhüter in Südafrika?

Die Mentalität ist ganz anders. Das war für mich sehr hilfreich, gerade was die Feinfühligkeit betrifft. Südafrika war mit der Vorgeschichte der Apartheid besonders interessant. Man geht noch behutsamer mit den Jungs um. Ich musste aber auch lernen, mal streng zu sein.

Wie haben Sie sich dann auf Union vorbereitet?

Ich habe mir keine Bilder von früher angeschaut. Der persönliche Eindruck, wie die mentale Verfassung ist, war mir wichtiger. Bei einem Torhüter spielt sich viel in der Psyche ab. Da gab es zu dem Zeitpunkt einiges aufzuarbeiten.

Was zum Beispiel?

Als ich kam, war gerade der Wechsel zu Mo Amsif erfolgt. Ich dachte, dass er eine Weile spielt. Das Spiel gegen Darmstadt habe ich dann aus meiner Wertung gestrichen (Amsif wurde wegen einer Notbremse des Feldes verwiesen, d. Red.). Rein psychologisch war das Folgespiel für Daniel Haas gegen St. Pauli ganz schwierig zu meistern. Ich rede viel mit den Jungs und erzähle, wie es mir damals ergangen ist. Ich gebe wenig vor.

Sie saßen die meiste Zeit Ihrer Karriere auf der Bank.

Ja, ich habe mehr Negativerfahrungen gemacht. Das war für die Trainerkarriere hilfreich, weil man gut mitfühlen kann, mit dem, für den es nicht gereicht hat. Der braucht die Betreuung. Die letzten Wochen waren für Mo ganz wichtig. Er trainiert jetzt wieder auf einem richtig guten Niveau.

Sind Sie Befürworter einer klaren Nummer eins?

Konkurrenz muss sein, ich spreche lieber von 1a und 1b. Ich versuche beide ans Limit zu bringen. Derjenige der spielt, bekommt aber das Vertrauen über einen längeren Zeitraum. Im Idealfall die ganze Saison, wenn die Leistung stimmt. Es ist wichtig, dass er weiß, dass alle hinter ihm stehen. Daniel macht das momentan hervorragend.

Keeper sind also eine eigene Spezies?

Auf jeden Fall. Sie können keinen Einfluss auf das Spiel nehmen und Aktionen erzwingen. Wenn ein Feldspieler merkt, dass er schlecht spielt, kann er rennen und kämpfen. Ein Torhüter muss fokussiert sein auf das, was passiert. Und das vor dem Hintergrund: Ich darf eigentlich gar keinen Fehler machen.

Haben sich die Angreifer schon beschwert, dass sie nicht mit dem Toreschießen hinterherkommen?

Nein. Ich gebe andersherum den Stürmern Tipps, wenn ich bei gegnerischen Torhütern Schwächen sehe. Wenn einer zum Beispiel beim eins gegen eins den Fuß nicht raus bekommt.

Was ist Ihnen bei 1860 aufgefallen?

Das verrate ich nicht. Es ist wichtig, dass wir uns mit einem Sieg belohnen, weil zuletzt nicht nur aus Torhütersicht vieles gut war.

Das Gespräch führte Max Bosse.