Am 12.3. wurde in der Frankfurter Arena noch Fußball gespielt. Was die Ultras der Eintracht zu einem kleinen Scherz animierte.
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BerlinSig Zelt, Anhänger des 1. FC Union, ist Sprecher des Fanbündnisses ProFans. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt er, warum die Coronakrise zum Umdenken führt, die ungesunden Strukturen im Profifußball nicht heilen, die Fankurven in der Frage der Geisterspiele gar nicht gespalten sind und das Interesse von Partien ohne Publikum schnell wieder abflauen könnte.

Herr Zelt, wie verbringen Sie derzeit Ihre Wochenenden?

Es gibt allerlei Privates: den Holzschutz vom Carport erneuern, alte Film anschauen oder sich um eine Freundin kümmern, die in der Krise etwas Beistand braucht. Ich habe auch ein lange beiseitegelegtes Fotobuchprojekt wieder aufgenommen.

Können Sie denn bestätigen, was viele Fußballfreunde in der erzwungenen Spielpause festgestellt haben: Dass vielleicht sogar ein gewisser Gewöhnungseffekt einkehrt, wenn der Ball in der Bundesliga nicht rollt?

Ganz im Ernst: Manche unserer Fans entdecken jetzt erst, dass es in ihrem Leben noch mehr gibt als Fußball! In der aktiven Fanszene gibt es einige, für die übergreifend der Fußball das Allerwichtigste im Leben war; wofür sie den größten Teil ihrer Freizeit geopfert haben. Das waren diejenigen, die bei der Hochzeit der eigenen Schwester trotzdem ins Stadion gegangen sind. Dass dieser Teil jetzt andere Dinge entdeckt, ist vielleicht gar nicht mal so schlecht. Für den anderen Teil füllt sich das Loch von selbst sehr schnell. Übergreifend besteht aber die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Stadionerlebnis. Ich spüre zwar kein Vakuum, aber trotzdem fehlt etwas, was im Leben vorher einen festen Platz eingenommen hat.

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Zur Person

Sig Zelt fungiert seit 2014 als Sprecher des Fanbündnisses ProFans, das als bundesweite Interessensvertretung mit weiten Teilen der Fanszene vernetzt ist. Zelt gehört der Supportergruppierung „Eiserner Virus“ von Union Berlin an, dessen Heimspiele er seit den Siebzigerjahren besucht. Der IT-Spezialist lebt in der Nähe von Berlin.

Einige Politiker befürworten offenbar die Saisonfortsetzung ab dem 9. Mai in Form von Geisterspielen. Die Fangruppen scheinen in dieser Frage gespalten zu sein: Ihre Vereinigung   hatte sich nicht mehr dagegen ausgesprochen, während der Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“ die Wiederaufnahme unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung ablehnt. Gibt es einen Riss zwischen den Fankurven?

Für die Frage bin ich dankbar: Den Eindruck könnte man haben, aber so ist es nicht ganz: Die Meinungsbildung hat sich dynamisch entwickelt, nachdem man anfangs ja dachte, dass es nach sechs Wochen ganz normal weitergehen könnte. Nun sind Großveranstaltungen bis 31. August verboten, und vermutlich ist das nicht das letzte Wort. Das alles hat die Einsicht gefördert, dass es sich um eine tiefgreifende Krise handelt. Dass sich die besagten Fanszenen gegen Geisterspiele ausgesprochen haben, nehme ich nicht als Mehrheitsmeinung wahr.

Ohne Geisterspiele werden einige Klubs zugrunde gehen

Warum nicht?

Die Fangruppen sind sich völlig einig, dass Spiele ohne Zuschauer nicht im Mindesten uns das geben, was uns am Fußball begeistert. Ich kenne niemand, der sich wirklich darauf freut, weil der Fußball nun einmal von der Interaktion mit seinen Fans lebt. Es klingt absurd, nun neun Spieltage in leeren Stadien durchzuziehen, aber viele Anhänger sind trotzdem bereit, diese Kröte zu schlucken. Sie verzichten gerade auf die anteilige Rückerstattung ihrer Dauerkarten, obwohl ihnen selbst durch Kurzarbeit etwas im Geldbeutel fehlt. Sie möchten aber nicht, dass ihr Verein pleitegeht. Ich glaube, dass die Mehrheit daher Geisterspiele in Kauf nimmt, weil einige Vereine sonst nicht überleben.

Noch mal nachgefragt: Die Saison sollte nicht abgebrochen werden?

Unsere Organisation ProFans hat sich dazu entschlossen, den Verbänden in dieser Frage keine Empfehlung abzugeben, zumal wir mit DFB und DFL nicht mehr im Fandialog stehen. Ich persönlich plädiere für die Fortsetzung. Immerhin sind drei Viertel der Saison gespielt, wenn die jetzt annulliert würde, wäre das irgendwie demotivierend, auch wenn das ein nachgeordneter Aspekt ist.

Union-Präsident Dirk Zingler hat gesagt, die Kinder müssten erst zur Schule und Kneipe mit 20 Plätzen wieder öffnen, bevor Fußball gespielt werden können. Hat er Recht?

Dem kann ich absolut folgen. Ich bin auch der Meinung, dass der Fußball keine Sonderbehandlung bekommen sollte. Das wäre ein fatales Zeichen.

Können Sie verstehen, dass DFL-Chef Christian Seifert die Entscheidungsträger der Bundesliga aufgerufen hat, Wortmeldungen wie diese zu unterlassen?

Ich bin im Zweifel immer für die Freiheit des Wortes   und gegen Maulkörbe. Wir sollten nicht verlernen, die Äußerungen einzelner zu hinterfragen. Das betrifft den Fußball genau wie die Politik: Wenn wir abweichende Meinungen bewerten statt zu unterdrücken, sind wir doch alle souveräner.

Die „Fanszenen Deutschlands“ haben die tiefer liegenden Probleme des deutschen Profifußballs angeprangert. Ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sei, hieß es, stehe innerhalb eines Monats vor dem Kollaps. Glauben Sie, dass an den Strukturen wirklich etwas verändert wird?

Es liegt ja auf der Hand, dass die Strukturen ungesund sind. Ich finde richtig gut, dass diese Erklärung rausgekommen ist, weil sie nämlich den Finger in die Wunde legt. Trotzdem bin ich für die Zukunft skeptisch: Für eine Weile werden die gehandelten Geldbeträge runtergeschraubt, aber ich befürchte, dass in fünf Jahren nichts besser geworden ist. Einige fordern wegen der Coronakrise ja bereits, hier auch die 50+1-Regel zu kippen. Das aber würde die Abhängigkeit verstärken.

Fehlt den Ultras nicht auf absehbare Zeit die Daseinsberechtigung, wenn sie mit ihrem Support nicht mehr auf die Akteure einwirken können?

Es geht noch darüber hinaus. Es fehlt nicht nur die indirekte Einflussnahme auf die Spieler, sondern diese Fans sehen sich als aktive Mitgestalter eines Spieltages. Das unterscheidet den Fußball gerade von vielen anderen Sportarten. Wenn wir über Gemeinschaftserlebnisse sprechen, dann reden wir auch darüber, dass beispielsweise die Anhänger von Union Berlin gerne mit Gleichgesinnten anderer Vereine in Kontakt kommen, um sich mit ihnen einfach beim Bier auszutauschen. Solche sozialen Geflechte liegen auch gerade alle brach. Zur aktuellen Fankultur gehört dafür Faninitiativen, die in der Coronakrise beispielsweise Stoffmasken nähen oder älteren Menschen beim Einkaufen helfen. Viele Vereine unterstützen das auch.

Es gab im März drei Geisterspiele mit deutscher Beteiligung. Sie wirkten wie Lehrbeispiele, wie wenig Begeisterung diese sterile Atmosphäre vermittelt. Wie sollen solche Spiele eigentlich Freude vermitteln, mit der auch Politiker argumentieren?

Zumal man nicht mal mit Freunden irgendwo in der Kneipe schauen kann. Man merkt eigentlich schnell, dass Spiele ohne Publikum sehr unattraktiv sind. Das wissen auch die TV-Sender, nur die Fußball-Verbände wollen das nicht wahrhaben, weil DFL sich in erster Linie um die Vermarktung des Produkts Fußballs kümmert. Anfangs werden sicher auch viele von uns am Bildschirm gucken. Aber weil wir alle Stadiongänger sind, könnte es sein, dass das Interesse schnell abflaut.

Fans aus Pappmache

Wie wird verhindert, dass sich Fans abseits der Stadien zum Fußballgucken treffen?

Ich will da nicht auf die Exekutive setzen, sondern hoffe auf Einsicht. Auch Vereine und Fangruppierungen werden dabei ihren Einfluss wahrnehmen. Nur je länger die Einschränkungen dauern, desto unwilliger akzeptiert die Gesellschaft diese Maßnahmen. Daher besteht bei der Übertragung von Fußballspielen vielleicht nicht sofort, aber dann später die Gefahr, dass sich kleinere oder größere Gruppen treffen.

Was halten Sie davon, wenn in den Stadien Fans aus Pappmache aufgestellt werden oder über eine von Fans bediente App Stimmung vom Band eingespielt wird?

Furchtbar! Davon halte ich überhaupt nichts. Damit wird dem Fußball der letzte Rest an Authentizität genommen. Welche gesellschaftliche Relevanz sollte das haben? Ich würde wirklich raten, davon die Finger zu lassen.