Der Philosoph Wolfram Eilenberger ist Fan des FC Bayern, setzt sich seit fast zwei Jahrzehnten als Publizist mit dem Phänomen Fußball auseinander. Das Besondere an ihm: Er hat die Trainerlizenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Herr Eilenberger, was macht die Fixierung auf einen Fußballklub für Männer so interessant?

Zunächst mal muss man sagen, dass diese Fixierung tatsächlich existiert. Sie ist nicht nur imaginiert oder ersponnen, sondern ein wichtiger Teil der Identität des jeweiligen Mannes. Die interessante Frage ist ja, wie man als Mensch zum Fan wird. Hierzu gibt es eine romantische Theorie und die lautet, dass man sich verliebt in einen Verein. Man verliebt sich in genau diesen Verein und keinen anderen, für das, was er ist und darstellt.

Fanpsychologisch funktioniert es wahrscheinlich ganz anders, das heißt, die Identifikation für einen Verein steht immer in Abgrenzung zu einem anderen Verein. Man entscheidet sich für einen Verein eigentlich, weil man einen anderen Verein ablehnt oder gar hasst. Aus einer Rivalität heraus. Damit entstehen die meisten Fanentscheidungen und die meisten Identifikationen mit einem Verein nicht nur aufgrund des Vereins, sondern auch aufgrund des maßgeblichen Vereins, mit dem er in einer Rivalität steht. Und das heißt auch, dass diese Vereine jeweils für gewisse Weltbilder, Weltanschauungen, sowohl politisch, wie auch regional, wie auch ästhetisch stehen.

Nennen Sie uns bitte ein Beispiel?

Also in meiner Zeit war das Duell Hamburger SV gegen Bayern München, als ich fünf bis acht Jahre alt war, das dominante Duell. Und dann musste man sich entscheiden, ob man Hamburg-Fan wird oder Bayern-Fan ist. Mit dieser Entscheidung werden auch gewisse ethische, ästhetische und weltanschauliche Bahnen festgelegt, das heißt, man bewegt sich dann darauf und es ist nicht nur so, dass man die schon vorher hat, sondern die werden von diesem Verein dann auch vertieft und geprägt.

Deswegen würde ich schon sagen, um eine Formulierung von Klaus Theweleit aufzunehmen, dass Vereine ein Tor zur Welt sind. Für den jungen Mann wie auch für die junge Frau, und dass sie viel mehr bedeuten und meinen als nur einen Fußballverein, weil die Fußballvereine heute mehr denn je eben nicht nur den Verein darstellen, sondern auch weltanschaulich und meist auch politisch sehr passgenau verortet sind. Also ein Union-Fan ist eben jemand anders als ein BFC-Fan, ein Bayern-München-Fan tickt ganz anders als ein Werder-Bremen-Fan. Die Bedeutung besteht eben darin, dass gerade in unsicheren Phasen, dynamischen Phasen der je eigenen Identitätsfindung, der Verein eine Art Identitätsgeländer und eine Sicherung ist. Das heißt, er bahnt Präferenzen, er bestärkt Präferenzen, er sichert sie auch gegen Anfechtungen.

Also sind Sie nicht der Meinung, dass Fußball nur etwas für Männer ist?

Überhaupt nicht, dagegen sprechen ja auch die verfügbaren Zahlen. Wenn man die Einschaltquoten der Bundesliga anschaut oder auch die Zuschauerzahlen, da bewegt man sich derzeit auf eine 50/50-Begegnung zu. Die Idee, dass Fußball nur für Männer wäre, oder auch nur für Männer in Zukunft attraktiv wäre, ist vollkommen abwegig. Wie alle sehr großen Marktphänomene ist es vielmehr so, dass die Geschlechtergrenze übersprungen werden muss und auch tatsächlich übersprungen wird. Die Vorstellung, dass Fußball für eine männliche Identität aus der Logik des Spiels heraus attraktiver wäre als für Frauen, bleibt schwer zu begründen. Weil Fußball auch ein Spiel ist, das gar nicht so furchtbar männlich ist, wie es eigentlich wirkt.

Ist der Fußball ein Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen?

Es gibt ja die auch in der Sportpublizistik die dominante Metapher des Fußballs als eines Spiegels der Gesellschaft. Und davon halte ich ganz wenig, ich glaube, der Fußball ist anderes und mehr, er ist eine Art Zukunftslaboratorium. Wir können am Fußball zukünftige Entwicklungen der Gesellschaft sehen, er ist eigentlich seiner Zeit voraus. Und das ist ein Spiegel nicht. In dem Sinne würde ich sagen, er hat eher eine Funktion, wie sie beispielsweise Kunst hat.

Es gibt da eine Episode von Franz Kafka, wie er mit einem Freund vor einem Picasso-Bild steht und dann sagt der Freund, das sieht doch gar nicht aus wie unsere Wirklichkeit. Und Kafka sagt, nein, aber das sieht aus wie unsere Zukunft. Das denke ich oft über den Fußball, wenn ich den Fußball und die verschiedenen Entwicklungen in diesem Bereich sehe, dann meine ich, ein bisschen in die Zukunft schauen zu können. Deswegen glaube ich, dass der Fußball sehr viel über unsere Gesellschaft sagt. Aber nicht im abbildenden, sondern im antizipierenden Verhältnis.

Warum eignet sich der Fußball für eine kleine Gruppe von Menschen besonders gut für Gewaltrituale?

Also da ist erst mal der Punkt der Masse, der gar nichts mit Fußball zu tun hat. Wenn man sieht, unter welchen Bedingungen unsere Gesellschaft Massen überhaupt noch kontrolliert, die verlässlich und terminiert aufeinandertreffen, dann gehören Sportveranstaltungen erst mal zu den wenigen Veranstaltungen, bei denen man weiß, da finden sich 40.000 Leute zur selben Zeit ein. Und in Staaten, die ihr rechtliches- und Sicherheitssystem soweit ausgebildet haben wie die westlichen modernen Staaten, ist die Masse erst mal anonymisierend und gewaltschützend. Deswegen würde ich sagen, sobald es in der Gesellschaft Räume gibt, in denen ich weiß, dass sich 70.000 Menschen an einem gewissen Ort zu einer gewissen Zeit jeden Samstag einfinden, die sind erstmal für Gruppen, die Gewalt ausüben wollen, attraktiv. Weil sie anonymisierend und eskalationsfreudig sind. Das würde ich also gar nicht auf den Fußball selbst beziehen.

Sondern?

Sicher ist es dann zum zweiten so, dass der Fußball aus seiner Nachkriegsgeschichte heraus eine stark proletarische Aufgeladenheit hat. Mit niederen Bildungsniveaus, in einer Art von Protestkultur, die auch mit bildungsfernen Niveaus assoziiert wird. Und dass sich da gewisse stark geprägte Männlichkeitskulturen, die aus proletarischer Männlichkeitskultur stammen, verfestigt haben. Da haben sich dann, auch mit einer starken Rivalität, was meist eine lokale Rivalität ist, im Umfeld Gewaltrituale gebildet, die weitgehend stabil sind. Die dann an andere, zum Beispiel politische Strömungen, andocken können. Aber ich würde nicht sagen, dass der Fußball aus sich selbst heraus besonders gewaltaffin wäre oder Gewalt besonders anzieht. Tatsächlich ist es so, dass, wenn man zu Bezirksligaspielen im Handball geht, sind da die Fans der beiden Gruppen, die aus zwei Dörfern kommen, auch nicht viel friedlicher. Aber der ganz profane Punkt scheint mir zu sein, dass, wenn es so wäre, dass im Basketball seit 30 Jahren 70.000 Menschen zusammenkommen würden, hätten wir Gewaltexzesse auch im Basketball.

Warum spielt die Tradition bei Fans so eine alles überragende Rolle? Wir haben gerade das Problem mit Rasenballsport Leipzig, was jedes Wochenende wieder aufs Tapet kommt, warum ist das so?

Das ist einmal ein Spezifikum alteuropäischen und dann wiederum insbesondere auch deutschen Denkens: Tradition wird mit Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Authentizität verbunden. Wir haben eben eine Situation, in der sehr viele große Fußballvereine in die Schlüsselzeit der Vereinsbildungen zurückragen, von 1890 bis 1910, und damit auf eine weitgehend ungebrochene Tradition zurücksehen können. Das ist das Scharnier, das Tradition mit Wahrhaftigkeit und Authentizität gleichsetzt. Was alt ist, ist irgendwie auch wahrhaftig.

Ein Trugschluss?

Man kann sich hier natürlich fragen: Warum sollte das eigentlich so sein? Es spricht erst mal gar nichts dafür. In diesem Sinne liegen da Phänomene vor, die es zum Beispiel in der amerikanischen Sportkultur überhaupt nicht gibt. In der Vereine ja auch mal wandern, von der einen Stadt zur anderen, neu gegründet werden. Da würde man nicht sagen, der Verein ist jetzt wahnsinnig viel künstlicher als der andere, ganz einfach, weil sich die gesamten Franchises auf einem Künstlichkeitslevel als Unternehmen bewegen, wo dieser Verdacht gar nicht mehr sinnvoll wäre. Es ist für mich sehr interessant zu beobachten, dass den Kritiken beispielsweise an Werksvereinen letztlich eine Kapitalismusskepsis zugrunde liegt. Beispielsweise wie bei Bayer Leverkusen oder Wolfsburg. Eine große Marktfeindlichkeit, die irgendwie auch falsch, unecht, berechnend und nicht wahrhaftig ist. Alles, was irgendwie marktgetrieben ist, wird als falsch und künstlich gebrandmarkt.

Ferner sind die Motive, die derzeit gegen RB Leipzig aufgerufen werden – einer fehlenden Verankerung, einer Künstlichkeit, einer Uneigentlichkeit, des reinen Gewinnstrebens – das sind eben aus der deutschen Geistesgeschichte heraus die klassischen Stereotypen, die man mit Antisemitismus verbindet. Da wird gesagt: Die sind nicht verankert, die sind eigentlich Schauspieler, denen geht’s eigentlich nur ums Geld, die haben kein Verhältnis zu ihrer Region, die haben auch kein Verhältnis zur Natur. Die sind einfach nur künstlich aufgepfropft, die sind wie die Heuschrecken und ziehen wieder weg, wenn sie was anderes brauchen. So wird ja über RB Leipzig geredet. So wurde über die Juden 1915 bis 1945 genauso gesprochen. Und so finde ich schon, dass es etwas sehr bedenkliches daran gibt, an dieser Gleichsetzung zwischen Tradition und Wahrhaftigkeit. Das hat politisch dunkle Seiten, deren sich auch die linke Fanszene, die zum Beispiel gegen RB Leipzig vorgeht, bewusster sein sollte, als sie ist. Man kann immer noch sagen, man ist kapitalismuskritisch und lehnt das Ganze als Business ab. Da bleibt aber vom eigenen Verein auch nicht mehr viel übrig. So viel Ehrlichkeit sollte vorhanden sein.

Lesen Sie das komplette Interview in „Mittendrin – Fußballfans in Deutschland“, aus der Reihe Zeitbilder der Bundeszentrale für politische Bildung. Erhältlich unter www.bpb.de/shop