Interview zur Lage bei den Eisbären Berlin: „Es ist komisch, Berlin nicht mehr vorne zu sehen“

Berlin - An diesem Mittwoch beginnen die Playoffs in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Nach überragender Hauptrunde mit 107 Punkten gehen die Adler Mannheim als Favorit ins Rennen. Das liegt auch an Jochen Hecht, 37. Nach 892 Spielen in der nordamerikanischen Profiliga NHL kehrte er zur Saison 2013/2014 zu seinem Heimatverein zurück. Er will Mannheim helfen, eine neue Erfolgs-Ära aufzubauen.

Herr Hecht, am Mittwoch starten wieder die Playoffs. Wie aufregend ist das für einen Routinier wie Sie?

Wir alle sind froh, dass es nach zehn Tagen Pause endlich losgeht. Alles was war, ist vorbei. Wir müssen wieder neu anfangen. Morgen, kurz vor dem Auslaufen, steigt schon der Puls. Und wenn die Scheibe draußen ist, übernehmen die Instinkte.

Nach acht Jahren Pause ist die Sehnsucht nach einem Titel groß

Der Druck ist gut. Wenn wir weiterhin unser Spiel spielen, haben wir gute Chancen auf den Titel. Wir wollen so viel Zeit wie möglich im offensiven Drittel spielen und die Scheibe so viel wie möglich haben.

Welche Rolle spielt die Routine? Sie werden in diesem Jahr 38, Glen Metropolit ist sogar schon 40

Man geht in den Playoffs von Spiel zu Spiel. Es ist egal, ob man das erste oder das zweite Spiel verliert. Es zählt nur der nächste Tag. Wenn man in die Vergangenheit schweift, hat man schon verloren. Da können wir als gutes Beispiel vorangehen. Wir werden Spiele verlieren. Und da heißt es den Kopf oben zu lassen.

Wie lässt sich erklären, dass sich das Alter im Eishockey nicht so auf die Leistungsfähigkeit auswirkt wie in anderen Sportarten.

Ich glaube, dass das Stellungsspiel eine ganz große Rolle spielt. Als junger Spieler rennt man mit seinem Ehrgeiz und seiner Kondition vielen Sachen hinterher. Das darf man als älterer Spieler nicht mehr machen. Man lernt, wie man viel Kraft sparen kann.

Sie hätten nach Ihrer NHL-Karriere auch aufhören können. Wieso tun Sie sich noch die DEL an?

Man lebt den Sport. Ich liebe es, jeden Tag ins Stadion zu gehen und mit den Jungs zusammen zu sein. Wenn man in einer Mannschaft spielt, die erfolgreich ist, will man denen natürlich auch helfen, noch weiter zu kommen. Deshalb habe ich jetzt auch noch mal verlängert.

Ihre Mannschaft scheint so gut wie lange nicht. Woran liegt das?

Wir haben vier ausgeglichene Reihen. Wenn es bei einer nicht läuft, gibt es eine andere, die diese Portion aufhebt und Tore schießt. Wir haben auch ein paar Spieler zu viel. Wenn sich einer verletzt, kann sofort ein neuer reinspringen. Man wird bei uns in der Leistung keinen Unterschied sehen.

Bei den Kölner Haien und den Eisbären Berlin war das anders.

Ich war schon überrascht, dass Köln nicht mal in die Pre-Playoffs gekommen ist. Nachdem sie zwei Mal im Finale waren, ist das sehr hartes Brot für die. Berlin hatte im dritten Spiel gegen Nürnberg eigentlich die besseren Chancen. Ich hätte auch gedacht, dass die weiterkommen mit ihrer Erfahrung. Zwei Dauerkandidaten in den Playoffs sind jetzt mal nicht dabei. So ist Platz für andere Mannschaften.

Wie nehmen Sie den rasanten Berliner Abstieg wahr?

Es ist komisch, sie nicht mehr da vorne zu sehen. Es wird jetzt sicher einen Umbruch geben. Aber die Siegermentalität, die durch diese vielen Meisterschaften entstanden ist, verliert man nicht einfach. Deshalb rechne ich fest damit, dass Berlin in Zukunft wieder vorne mitspielt.

Die Rivalität zwischen beiden Mannschaften ist groß. Wie viel Genugtuung verspüren Sie nach vier Siegen in der Hauptrunde?

Im Finale 2005, als der Lock-out in der NHL war, habe ich im Finale gegen Berlin gestanden. Wir haben im Wellblechpalast verloren. Berlin hatte ein Dauerabo auf die Meisterschaft. Man will natürlich zeigen, dass man gegen die gewinnen kann.

Vor eineinhalb Jahren spielten Sie noch in der NHL. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zur DEL?

In Amerika haben in den letzten vier, fünf Jahren immer die gleichen Vereine gewonnen. Die haben ihre Stammspieler, um die herum sie ihre Mannschaft aufbauen müssen. Ich finde es gut, dass in der DEL jede Mannschaft eine Chance hat, ein Spiel zu gewinnen.

Sie waren vor Ihrem Comeback lange weg. Wie sehr hat sich die Qualität in der Liga verändert?

Es wird solide gewirtschaftet von den Vereinen. Alles ist professioneller geworden, zum Beispiel die Krafträume oder die Busfahrten. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, damit die Spieler mehr Leistung bringen können.

Das Gespräch führte Benedikt Paetzholdt.