Es ist ein bisschen peinlich, wenn der Mann auf dem Olymp den Eindruck erweckt, den Überblick verloren zu haben. Oder gar im Stich gelassen worden zu sein. Doch da saß Thomas Bach nun oben auf dem Podium und wusste nicht weiter. Gerade hatte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) einen Bericht seines Vorstandskollegen Ugur Erdener unter fünfpunktzwei der Tagesordnung der Vollversammlung angekündigt, die die Olympier stets vor den Spielen abhalten. Doch der türkische Augenarzt war weit und breit nicht zu sehen, um über die Jugendspiele zu referieren.

Bach zögerte kurz und wagte einen Witz. „Er traut sich nicht, uns seinen Bericht vorzustellen“, sagte der Präsident. Wie gelegentlich in diesen Tagen glänzte seine Stirn vom Schweiß. Dann fiel ihm ein, was Erdener, den die Mitglieder später noch zum neuen Vizepräsidenten wählten, wohl hinderte: Er fehlte mit beiden Kollegen jener Kommission, die Bach selbst damit betraut hatte, sich Russlands Athleten in einer abschließenden Überprüfung auf deren Doping-Leumund vorzuknöpfen. Ugur Erdener muss die Suppe auslöffeln, die Bach ihm mit seinem Appeasement-Kurs eingebrockt hatte. „Er hat“, sagte Bach, 62, also, „wohl eine gute Entschuldigung.“

„Putins Pudel“

Der protokollarische Lapsus steht für Thomas Bachs heikelstes Problem: Ausgerechnet unter seiner Führung droht das IOC so nachhaltig seinen moralischen Führungsanspruch zu verlieren wie nicht einmal während des großen Korruptionsskandals Ende der Neunzigerjahre. Schlimmer noch: In vielen Ländern macht sich der Eindruck breit, der für sein Netzwerk gelobte Bach zahle nun auf dem Gipfel seines Lebenswerks mit institutionellen Konzessionen den Preis für persönliche Karrierehilfe. „Putins Pudel“, lästerte die Bild-Zeitung. „Er hat versagt“, notierte die New York Times über Bachs „verschmutztes Vermächtnis“ nach gerade einmal zweieinhalb Jahren im Amt, „als Anführer, als Stimme für sauberen Sport und saubere Athleten, als jemand, von dem erwartet wird, dass er sein Wort hält.“

Er gibt sich geschockt

Schon vor zwei Jahren bahnte sich eine Krise an, als der im September 2013 als erster Deutscher in das Amt gewählte Bach seinen ersten großen Auftritt als IOC-Präsident hatte. Als die Umweltsünden in Sotschi die Welt bewegten, die Ausbeutung von Wanderarbeitern zum Wohle Olympias, die Kostenexplosion oder Russlands Anti-Homosexuellen-Gesetz, stellte Bach lieber ein freundschaftliches Verhältnis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Schau. Als nun eine Fachkommission der Welt-Antidoping-Agentur Beweise für staatlich gelenktes und verschleiertes Doping in Russland vorlegte und den Ausschluss des gesamten russischen Teams empfahl, gab Bach sich geschockt und bereit, härteste Maßnahmen zu ergreifen. Für gewöhnlich pflegt er dann Kommissionen zu bilden. Das bringt Zeit und entbindet später von Schuld.

Dieses Mal schob er der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) die Schuld am Chaos in die Schuhe. Sie sei jahrelang entsprechenden Hinweisen nicht nachgegangen. Das stimmt, allein: Der Chef der Wada, der Schotte Craig Reedie, ist vom IOC entsandt, er war bis zu seinem turnusmäßigen Ausscheiden am Donnerstag Bachs Vizepräsident.