Zufall oder Vorsehung? Mit einem Glaslift geht es hinauf zum Ballsaal Döblin I im Park Inn Hotel am Alexanderplatz. Dort versammelte sich am Freitag die Konferenz der deutschen Spitzensportverbände. Glas, nun ja, das klingt nach Transparenz, und daran mangelt es im deutschen Sport traditionell. Daran hat sich auch jetzt, da der oberste Sportfürst des Landes, Thomas Bach (FDP), zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufsteigen will, nichts Grundlegendes geändert.

Es gibt Verbandspräsidenten, die eine Lähmung des Sports beobachten weil im Jahr 2013, das am 10. September in Buenos Aires die IOC-Krönung des Wirtschaftslobbyisten Bach bringen soll, manche Räder still stehen. Vieles ist den Privatinteressen des DOSB-Chefs Bach untergeordnet. Und auch die Frage seiner Nachfolge an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes wird noch vertagt. Einerseits logisch, weil über die IOC-Präsidentschaft erst im September entschieden wird. Andererseits unlogisch, weil, wenn Bach IOC-Boss würde, die Entscheidung über den DOSB-Chefposten binnen weniger Monate fallen müsste: bis zur Mitgliederversammlung am 7. Dezember.

Es heißt, DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, einst Mitgründer der Grünen, würde gern hauptamtlicher und damit bezahlter DOSB-Präsident werden. Mag sein, dass Bach und Vesper ein derartiges Agreement geschlossen haben. Gegen derlei Planspiele, über die man sich auf den Fluren unterhält, regt sich erster Widerstand. „Einen bezahlten DOSB-Präsidenten wird es mit mir nicht geben“, sagt ein einflussreicher Sportverbandschef. Erste Stimmen raten dazu, eine Findungskommission für die sich doch abzeichnende Bach-Nachfolge einzusetzen oder zumindest mal ernsthaft zu sondieren.

Eine derartige Kommission hatte es im Vorfeld der Fusion des Deutschen Sport-Bundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) im Mai 2006 schon mal gegeben. Deren Arbeit war nicht sonderlich kreativ: Sie empfahl den Präsidenten Bach und seinen Stellvertreter für Leistungssport Eberhard Gienger (CDU). Gienger, Sportlobbyist im Deutschen Bundestag, hat keine nachhaltigen Spuren hinterlassen und inzwischen abgedankt.

Vesper fühlt sich nach sechs gut bezahlten Jahren als DOSB-Verwaltungschef zwar als ein Mann des Sports, aber er ist es nicht. Zudem haben ihm viele Funktionäre die Kränkungen nicht verziehen, denn Vesper führt den Einheitssportverband mit überbordendem Selbstbewusstsein und harter Hand. Eine DOSB-Strategiekommission hat sich kürzlich eine Art Sportministerium ausgedacht, das am Bundeskanzleramt angedockt werden soll, wie die FAZ berichtete. Die Denker-Gruppe aus Frankfurt am Main fordert mehr Geld und verweist auf das Ausland, wo angeblich viel mehr in den Sport investiert würde.

Dabei fließen in Deutschland viel mehr als jene 250 Millionen aus Bundesmitteln (rund zwei Drittel davon in die reine Leistungssportförderung inklusive der Sportsoldaten). Was stets zu kurz kommt in der Diskussion: Insgesamt zahlen Bund, Länder und Kommunen rund 3,5 Milliarden für alle Sportbereiche. Eine Übersicht aber, was wie finanziert wird, gibt es nicht. So fällt es dem DOSB und den Verbänden leichter, nach mehr Geld zu schreien. Gleichzeitig aber tut sich der DOSB schwer damit, dem Bundesinnenministerium (BMI), dem Hauptsponsor deutscher Olympia-Ambitionen, eine Übersicht zu seinen Kaderathleten zu erstellen.

Hinter verschlossenen Türen

Sind es 4500? Wie viele Karteileichen und Ewigkader gibt es? In welchen Kadergruppen werden sie erfasst? Wie effizient ist der staatlich geförderte Sport? Großbritannien, wegen seiner irre hohen Sportförderung vor den Sommerspielen in London, leuchtendes Beispiel des DOSB, habe mit nur 1 200 Kadersportlern mehr Medaillen geholt als die Deutschen, wirft Gerhard Böhm lässig ein. Böhm ist Abteilungsleiter Sport im BMI, zuvor war er Sportberater der Kanzlerin. Und er ist in der Diskussion über die Sportförderung keinesfalls der böse Bube, wenn er derlei Fragen stellt. Böhm ist mit seinem Referatsleiter Roland Dubyk aus Bonn eingeflogen. Dubyk ist für die Förderung der Spitzensportverbände zuständig und führt all die Verhandlungen übers Geld.

Übers Wochenende versammelt sich Deutschlands olympische Nomenklatura in Berlin. Der Verbandsvollversammlung folgen etliche Gremiensitzungen, am Montag das Wahl-Hearing und der Parlamentarische Abend des DOSB. Lobby-Arbeit auf allen Fronten. Vesper und Bach hielten Begrüßungsreden, bevor über die Geldverteilung diskutiert wurde. Das war das Hauptthema. Es geht um den nächsten Olympiazyklus bis Rio 2016. Allein in diesem Jahr fehlen zwei Millionen Euro für die Kadermaßnahmen. Künftig wird man sich wohl auf weniger Sportarten und weniger Kader konzentrieren. Ein politisch belastetes Thema. Man wäre gern dabei gewesen im Ballsaal Döblin. Böhm und Dubyk hatten sich auf harte Diskussionen eingerichtet. Doch soweit geht die Transparenz nicht, trotz Glaslift: der Sport tagte hinter verschlossenen Türen.