Es ist Wahlkampf. Und es geht um das höchste Amt des Weltsports. Da sind Botschaften wichtig, die man unters Volk streuen kann. In Deutschland läuft das derzeit so: Seit der oberste Sportfürst Thomas Bach (FDP) seine Kandidatur für das Präsidentenamt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erklärt hat, berichten manche Medien, als handele es sich beim IOC um ein volltransparentes, demokratisches Gremium, gleichsam ein Kulturgut der Menschheit. Als müsse ganz Deutschland hinter der Bewerbung des Wirtschaftslobbyisten stehen. Als würden alle Probleme des deutschen Sports mit Bachs Wahlsieg am 10. September in Buenos Aires gelöst.

Kaum hatte Bach vor vier Wochen in einer hektisch anberaumten Pressekonferenz seine Kandidatur bestätigt, was Eingeweihte seit Jahrzehnten wussten, wurde die Bundeskanzlerin beziehungsweise eine Sprecherin derselben befragt. Sie richtete aus, Bachs Kandidatur sei erfreulich. Der Kandidat trifft die Kanzlerin regelmäßig, etwa beim arabischen Investorengipfel nahe dem Bundeskanzleramt. In arabischen Gefilden ist Bach in seiner Eigenschaft als Chef einer Geschäfte-Anbahnungstruppe namens Ghorfa ja sehr aktiv. Auch dort läuft es eher semi-transparent und Bach trifft, zufällig, etliche einflussreiche IOC-Kollegen, Sprösslinge diverser Herrschafts-Dynastien. Es geht um sehr viel Geld, ob nun in Katar, Kuwait oder anderen vordemokratischen Monarchien. Praktisch, dass in dieser Region auch der Königsmacher für den IOC-Vorstand verortet wird: Scheich Al-Sabah aus Kuwait, Bachs Spezi.

Plötzlich sollen die Privatinteressen des Lobbyisten Bach im nationalen Interesse liegen? Das ist die Propaganda. Fein sind derlei Mechanismen dieser Tage rund um die sportpolitischen Treffen in der Hauptstadt zu beobachten, die am Freitag mit der Vollversammlung der Spitzenverbände begannen und am Montag mit dem DOSB-Wahlhearing und dem parlamentarischen Abend des Sports enden. Erwartungs- und auftragsgemäß werden auch die 62 Spitzenverbände, die unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vereint sind, die IOC-Kandidatur des DOSB-Präsidenten Bach unterstützen.

Was hat man denn vom Einheitssportverband DOSB erwartet, dem Bach seit seiner Gründung im Mai 2006 vorsteht? Kritisches zum allmächtigen Präsidenten? Bach ruhe „in sich selbst“, wird nun ergriffen beschrieben, er präsentiere sich „als Mann, den nichts aus der Ruhe bringen kann“. Furchtlos, ohne Angst. So wird das bis zum 10. September gehen und in einen Orkan von Zustimmungs- und Ergriffenheitsadressen münden. Erst war Deutschland Papst. Nun wird Deutschland IOC-Präsident.

Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turnerbundes und Sprecher der Spitzenverbände, lobt Bachs „Integrationsfähigkeit im nationalen Bereich“ und vieles mehr. Wer erinnert sich schon, dass eine andere aktuelle Bach-Lobeshymnendichterin, Christa Thiel, DOSB-Vizepräsidenten Leistungssport und Präsidentin des schwer darbenden Schwimmverbandes, einst noch Lobeshymnen auf andere gesungen hat? Thiel war es, die mal im Nationalen Olympischen Komitee (NOK) den präsidialen Novizen Klaus Steinbach ausgerufen hat, mit der absurden Begründung, er würde die internationale Position des deutschen Sports stärken. Frau Thiel aber schert sich nicht um ihr Geschwätz von gestern, sondern macht sich Hoffnungen auf die Nachfolge von Bach an der DOSB-Spitze, sollte der Fechter in die IOC-Zentrale wechseln.

Wer kramt schon in der Vergangenheit? Oder gar im Geschäftsleben des IOC-Kandidatenfavoriten, in dem Ehrenamt und fürstlich dotierte Beraterverträge (unter anderem Siemens, Holzmann) schwer zu trennen sind, was regelmäßig zu unschönen Schlagzeilen geführt hat.

Zur Orientierung in der IOC-Präsidentenfrage einige Eckdaten: Die Kandidatenliste ist geschlossen. Herausforderer sind Richard Carrión (Puerto Rico), Ser Miang Ng (Singapur), Ching-Kuo Wu (Taiwan), Sergej Bubka (Ukraine) und Denis Oswald (Schweiz). Nächstes Wochenende trifft sich der olympische Tross bei der Vollversammlung aller 205 Nationalen Olympischen Komitees. Deren Vereinigung heißt Anoc und wird seit einem Jahr von Scheich Al-Sabah geleitet, der auch 435 Millionen Dollar Entwicklungshilfe des IOC verteilen darf. Al-Sabah wollte in Lausanne, wo er das neue Anoc-Hauptquartier einweiht, eine Wahlempfehlung für Bach aussprechen. Das widerspräche jedoch den IOC-Regeln, weshalb es Al-Sabah etwas gerissener anstellen muss.

Drei Wochen später, Anfang Juli, tagt in Lausanne die außerordentliche IOC-Session. Da präsentieren die Kandidaten sich, bevor das Wahlvolk zwei Monate lang in bilateralen Gesprächen bearbeitet wird. Das sind die entscheidenden Verhandlungen, die es zu beobachten lohnt. Denn mit Kommuniqués und Ergebenheitsadressen wird diese Wahlschlacht nicht entschieden.