Ehrlichen und sauberen Sport will Denis Oswald verteidigen, seine Werte von Chancengleichheit und Respekt im Gegensatz zu Intoleranz und Diskriminierung. Beinahe jede Silbe des Bewerbungsvortrags war von einem Mix aus Realismus und Idealismus getragen. Der Schweizer Jurist Oswald sitzt dem Weltruderverband vor und seit 1991 auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Am 10. September will er zum Chef gewählt werden. Um das höchste Amt im Weltsport konkurriert er auch mit dem deutschen Favoriten Thomas Bach, einem in olympischer Geheimdiplomatie versierten früheren Fechter.

Die Kandidatenrunde komplettiert ein Quartett: der 64-jährige steinreiche Singapur-Chinese Ng Ser Miang, der 60 Jahre alte Puerto-Ricaner Richard Carrión, der als Chefvermarkter den Reichtum des IOC vergrößerte, sowie zwei Außenseiter − der 49-jährige frühere Stabhochspringer Sergej Bubka aus der Ukraine und der Weltboxverbandschef Wu Ching-Kuo, 66, aus Taiwan.

Die Frage ist, wie viel Einfluss bei der Wahl Programme der Bewerber haben, ihre Pläne und Visionen zur Entwicklung der olympischen Bewegung. Die Erfahrungen fallen ernüchternd aus. Kurz zusammengefasst: überhaupt keinen.

Wer es in die Weltregierung des Sports geschafft hat, hebt sich durch Machthunger und geschicktes Allianzenschmieden vom Rest der Sportfunktionäre ab. Die Erfahrung lehrt auch, dass Idealismus eher nicht gefragt ist. Beim Versuch, die korruptesten und am miesesten beleumundeten Kollegen zu eliminieren, ist der amtierende Präsident Jacques Rogge regelmäßig an Grenzen gestoßen. Gerade scheitert er mit dem x-ten Versuch, das Sportartenprogramm zu nivellieren.

Auch Oswald hat sich der Modernisierung verschrieben. Es ist der sicherste Weg, nicht gewählt zu werden. Machtverschiebungen sind den Mächtigen zuwider. Die größten Chancen hat, wer gewährleistet, dass alles beim Alten bleibt. Möglichst für immer.