Iran gegen USA: Das politisch brisanteste Spiel dieser WM

Am Dienstag kommt es zum Duell zwischen dem Iran und den USA. Eines der Teams stößt ins Achtelfinale vor. Doch eigentlich geht es um ganz andere Fragen.

Schon bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich trafen die USA und der Iran mit Ali Daei (stehend, Nummer 10) aufeinander.
Schon bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich trafen die USA und der Iran mit Ali Daei (stehend, Nummer 10) aufeinander.AFP/Pascal George

Wenn am Dienstagabend um kurz vor 20 Uhr deutscher Zeit die Mannschaften des Iran und der USA im Spielertunnel stehen, wird es um viel mehr als nur um Fußball gehen. Wie auch bei den zwei bisherigen Partien des Iran wird es im Al Thumama Stadium zu Doha politisch. Werden die elf Iraner wie zu Beginn des Turniers wieder schweigen? Oder die Hymne der Islamischen Republik zwanghaft mitsingen, wie beim zweiten Spiel gegen Wales?

Es waren jeweils herzzerreißende Szenen, die das Publikum während der Nationalhymne des Iran im Fernsehen zu Gesicht bekam. Während die elf Protagonisten auf dem Feld gegen England noch schwiegen und Tränen der Freude im Publikum auslösten, änderte sich die Lage wenige Tage später komplett. Gegen Wales sangen die Spieler des Iran wieder mit, bewegten auf unnatürliche Weise ihre Lippen, einige verschlossen vor Scham ihre Augen. Der Druck auf sie war riesig.

Im Iran gehen seit September landesweit Menschen auf die Straße, protestieren gegen das theokratische Mullah-Regime, mehr als 15.000 Menschen wurden festgenommen, mehr als 400 Demonstranten getötet. Auslöser für die Proteste war der Tod von Mahsa Amini. Die Kurdin wurde wegen eines Verstoßes gegen die strengen Kleidervorschriften von der islamischen Sittenpolizei festgenommen und misshandelt. Sie soll ihren Hidschab, also ihr Kopftuch, nicht richtig getragen haben. Wenige Tage später starb sie an den Folgen der Polizeigewalt.

Ein Plakat zeigt einen Fußballspieler mit der Nationalflagge an einem Gebäude in Teheran.
Ein Plakat zeigt einen Fußballspieler mit der Nationalflagge an einem Gebäude in Teheran.dpa/Vahid Salemi

Der fußballverrückte Iran steckt in einem Dilemma. Das Land kann mit einem Sieg zum ersten Mal das Achtelfinale einer WM erreichen. Ein Weiterkommen wäre ein Märchen in der Fußballwelt. Der Gegner ist kein Geringerer als die USA, sportlicher Erzrivale und politischer Feind des Mullah-Regimes.

„Für die Menschen im Iran gibt es gerade jedoch Wichtigeres als Fußball“, schreiben viele Iraner auf Twitter. Dort schaut man zum Teil gleichgültig auf die eigene Nationalmannschaft, da Spieler die Gewalt gegen Demonstranten nicht verurteilt haben. Vor dem WM-Turnier kam es zum Empfang bei Staatspräsident Ebrahim Raisi. Die Stars und das Regime plauderten, lächelten, machten gemeinsam Fotos, Spieler übergaben dem Präsidenten ein Trikot. Nach diesen Bildern entwickelten viele Iraner Hass gegenüber dem eigenen Team. Statt „Team Melli“, wie die iranische Fußballnationalmannschaft sonst genannt wird, schrieben User in sozialen Netzwerken vom „Team Mullah“.

Fußball-Legenden aus dem Iran fahren nicht nach Katar

Zweifelsohne stehen die Fußballer unter enormem Druck, sie werden vom Regime, wie fast alle Sportler des Iran, für Propagandazwecke ausgenutzt. Legenden wie der ehemalige Hertha-Stürmer Ali Daei stellen sich dem jedoch entgegen. Der 53-Jährige postete auf Instagram ein Statement, in dem er eine Einladung zur Katar-WM ablehnte und stattdessen „all den Familien, die in diesen Tagen ihre Angehörigen verloren haben“, sein Mitgefühl aussprach. Er wolle an der Seite seiner Landsleute im Iran bleiben. Auch ehemalige Bundesligaprofis wie Vahid Hashemian und Ali Karimi, die das Regime öffentlich kritisierten, oder Mehdi Mahdavikia, der seinen Trainerjob niederlegte, stellten sich auf die Seite der Protestierenden.

Übrigens wird es nicht das erste Aufeinandertreffen zwischen Iran und USA sein. Schon vor 24 Jahren bei der WM 1998 traten beide Teams in der Gruppe gegeneinander an. Der Iran gewann in Lyon mit 2:1, für das Regime bis heute einer der größten Erfolge des iranischen Fußballs. Am Dienstag reicht dem Team von Trainer Carlos Queiroz ein Unentschieden zum Weiterkommen.

Ali Daei (l.) spielte bei der WM 1998 mit dem Iran gegen die USA und gewann.
Ali Daei (l.) spielte bei der WM 1998 mit dem Iran gegen die USA und gewann.AFP/Gerard Malie

Ein erstes Zeichen in Richtung des iranischen Fußballverbandes gab es schon im Vorfeld der brisanten Partie. In einem Beitrag in den sozialen Medien nutzte der US-Verband die Iran-Flagge ohne kalligrafisches Zeichen. Es handelte sich dabei um eine „einmalige Geste, um unsere Solidarität mit den Frauen im Iran zu zeigen“, so ein Sprecher des US-Verbandes. Der Fußballverband Irans beschwerte sich bei der Fifa, woraufhin die Postings verschwanden.

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