Ein lauter Schuss ertönt und sofort setzt ein unwirklich anmutendes Rauschen ein. Die Spree, die eben noch fast ruhig da lag und nur ab und an in behäbigen Wellen gegen die Uferpromenade plätscherte, kommt in Bewegung. Zumindest an einer Stelle, kurz hinter der Elsenbrücke. Das trübe Wasser wird von mehreren Dutzend Paar Armen kräftig aufgewühlt, als die erste Gruppe der Triathleten beim Ironman am Sonntag im 18 Grad Celsius kalten Wasser startet. 1 100 Teilnehmer hatten sich zum Ironman 70.3 in Berlin angemeldet: 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Rad fahren und 21,1 Kilometer Laufen stehen ihnen bevor. Um acht Uhr morgens beginnt der Triathlon mit dem Start der 37 Profis. Für den Besten unter ihnen, Michael Raelert, wird er drei Stunden und knapp 47 Minuten später vorüber sein. Er wird Erster.

Schwimmer in der Spree, das ist für Berliner ein eher ungewöhnlicher Anblick. Auf der Elsenbrücke bleiben deshalb am Sonntagmorgen viele Schaulustige stehen und blicken den Athleten hinterher, die von Weitem wie ein Schwarm Fische aussehen. Alles, was nur wenige Zentimeter unter der trüben Wasseroberfläche liegt, verschwindet in der trüben Suppe. Wirklich einladend sieht das nicht aus. Dabei soll die Spree angeblich sogar Trinkwasserqualität haben.

Einige Triathleten kommen, gerade aus dem Neoprenanzug geschält und den Radanzug übergestreift, kaum mehr auf ihr Rennrad. Mit zittrigen Knien erklimmen sie den Sattel, manch einer fällt nach einigen Metern um. Bei den Profis sieht das anders aus. Die Arme im 90-Grad-Winkel und den Oberkörper nach vorn gebeugt, radeln sie über die Elsenbrücke und den Columbiadamm zur Tempelhofer Freiheit, die Beine treten gleichmäßig. Raelert baut auf dem Rad seinen Vorsprung aus. Beim Schwimmen lag er noch zwei Sekunden hinter dem Potsdamer Christian Prochnow, der letztlich Vierter wird.

In die Peripherie verbannt

Kurz vor dem Ziel bleibt Raelert cool einige Sekunden stehen, blickt sich um, schüttelt Hände und grinst. Eilig scheint er es nicht zu haben. Langsam geht er auf das Zielband zu, legt es sich in den Nacken und posiert für die Fotografen. Der 32-Jährige strahlt über das ganze Gesicht, von Erschöpfung keine Spur. „Die Strecke hatte es durch die vielen Kurven in sich. Ich hätte es mir einfacher vorgestellt“, sagt Raelert.

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Auf der Rad- und Laufstrecke auf dem Tempelhofer Feld müssen die Athleten je drei Runden drehen, was ungewöhnlich ist. „Das ist nicht, was wir uns ausgesucht haben“, klagt Thomas Steffens vom Veranstalter SCC Events. Mitten durch Berlin sollte die Strecke führen, vorbei am Brandenburger Tor und dem Tiergarten. Doch die Stadt lehnte sie ab. Sechs Wochen vor dem Ironman willigten die Veranstalter ein, die Großveranstaltung auf das Tempelhofer Feld zu verbannen. Die Radstrecke ist hier drei Kilometer kürzer als üblich, denn anders konnte man sie nicht anlegen. Im kommenden Jahr soll der Ironman in Berlin erst im Juli stattfinden, um die vielen Großveranstaltungen zu entzerren.

„Ich will wieder dabei sein“, sagt Raelert knapp zwanzig Minuten nach dem Zieleinlauf. Plötzlich hält er inne. Dem zweimaligen Half-Ironman-Weltmeister fällt auf, was man ahnte: Der Mund ist trocken, die rauen Lippen verraten es. Nach ein paar Schluck Wasser grinst er wieder. Am Montag trainiert der Neuberliner direkt weiter: Am 7. Juli startet er in Frankfurt am Main schon beim nächsten Ironman 70.3.

Eine körperliche Pein

Obwohl Raelert mit rund viereinhalb Minuten Vorsprung auf den Zweiten, seinen Landsmann Michael Göhner, der klare Sieger ist, steht für viele Zuschauer eher ein Exot im Mittelpunkt: der Formel-1-Fahrer Jenson Button. Seit fünf Jahren nimmt der 33-Jährige an Triathlon-Veranstaltungen teil. In Berlin startet er, wie Raelert, zum ersten Mal. „Ich habe angefangen, als ich eine schwere Zeit in der Formel 1 hatte“, sagt der ehemalige Formel-1-Weltmeister und spielt damit auf seine schwächste Saison an. In Berlin wolle er seine persönliche Bestzeit von 4:29 Stunden unterbieten, kündigte er am Samstag an. Das hat er geschafft. Nach 4:19 Stunden kam Button unter den schrillen Schreien von einigen Zuschauerinnen ins Ziel. „Ich mache es wieder“, sagt Button kurze Zeit später. Vielleicht, weil er die drei Tage vor dem Triathlon „haufenweise Pasta“ in sich hineinstopfen konnte. Eine echte Ausnahme für den McLaren-Piloten, der sonst streng Diät halten muss.

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Button kommt fast zeitgleich mit den besten Frauen ins Ziel. Die Schnellste ist am Sonntag die Chilenin Barbara Riveros mit 4:16 Stunden. Die kleine zierliche Frau mit der zerstrubbelten Kurzhaarfrisur tut das, was keiner ihrer männlichen Kontrahenten getan hat: Sie nimmt eine Bierdusche. Knapp fünf Minuten später läuft die Deutsche Katja Konschak im Ziel ein. Überglücklich ist sie, denn sie hat das Rennen von hinten aufgerollt und ist „die letzte Runde geflogen“. Auf den letzten sieben Kilometern hat Konschak vier Minuten Rückstand auf die Kanadierin Rachel McBride aufgeholt. Die macht deutlich, was für eine körperliche Qual selbst ein halber Ironman für die Athleten ist. Sie bricht im Ziel zusammen.