Irres US-Open-Finale: Darum lobt Rafael Nadal Herausforderer Daniil Medwedew

New York - Da saß er nun also nach seinem vierten Titelgewinn bei den US Open, dem 19. bei einem Grand-Slam-Turnier, auf seiner Bank im größten Tennisstadion der Welt, sah sich selbst und seine Siege in einem Film auf der elektronischen Anzeigetafel, und es war um ihn geschehen. Normalerweise versucht Rafael Nadal in solchen Momenten, seine Emotionen zu kontrollieren, aber das ging einfach nicht. Nicht nach diesem Spiel, in dem er alles an Stärke und Willenskraft verbraucht hatte, bis ans Äußerste getrieben vom Debütanten Daniil Medwedew auf der anderen Seite. Er weinte, und die Zeit blieb ganz kurz stehen.

Wieder, wie vor ein paar Wochen in Wimbledon, erlebte die Welt des Tennis ein Männerfinale über die volle Distanz von fünf Sätzen, und wie vor zwei Monaten bei Novak Djokovic und Roger Federer steigerte sich die Sache so sehr, dass sie manchmal kaum mehr auszuhalten war. Und das war auch – vielleicht sogar vor allem – das Verdienst des wunderbaren russischen Debütanten, der eine Lieblingsthese des Konkurrenten mit allen Konsequenzen beantwortete. Nadal sagt immer, in solchen Spielen gehe es ihm um die Frage: Wie sehr kannst du leiden? Was hältst du aus? Was ihn selbst betrifft, da gibt es lange keine Zweifel, aber dass  Medwedew  mithalten kann, gehörte zu den Erkenntnissen dieses ganz großen Abends.

Nach einem ausgeglichenen ersten Satz, den sich Nadal schnappte, passierte das, womit alle gerechnet hatten, er klemmte sich den Vorsprung unter den Arm und rannte mit ihm davon. Anfang des dritten Satzes verlor Medwedew wieder ein Aufschlagspiel, alle dachten, das Spiel werde nicht mehr lange dauern, und der Gedanke kam ihm auch. „Okay“, dachte er, „in 20 Minuten muss ich eine Rede bei der Siegerehrung halten, was sag ich da?“

Fans bejubeln Medwedew

In Wirklichkeit hatte er bis zur Rede noch ungefähr zweieinhalb Stunden Zeit. Mit  untypischen Fehlern öffnete ihm Nadal die Tür zum Spiel, er nahm das Angebot  an,  damit verließ das Spiel das normale Gleis. Auf einmal skandierten die Leute Med-we-dew, Med-we-dew; es waren vermutlich auch etliche dabei, die ihn zehn Tage zuvor ausgepfiffen und ausgebuht hatten, weil er ihnen den Mittelfinger gezeigt und sich hinterher mit sarkastischen Kommentaren bedankt hatte. Sie spürten, dass noch was gehen könnte, Medwedew hörte sie rufen und spürte es auch.

Der Rest wurde ein glorioses, atemberaubendes Durcheinander. In dem Nadal manchmal so nervös wirkte, als sei er der Debütant, und in dem Medwedew ein Statement abgab: Leute, wenn ihr auf den Sieg eines jüngeren Spielers bei einem Grand-Slam-Turnier wartet, dann könnte es bald so weit sein. „Die Art, wie er gekämpft und gespielt hat war die eines Champions“, lobte Nadal hinterher. „Ich bin überzeugt, dass er viele weitere Chancen haben wird.“

Mit ungerührtem Gesichtsausdruck, riskanten Bällen und mit scheinbar unerschöpflicher Energie trieb Medwedew den Favoriten in den fünften Satz. Nur viermal in mehr als 300 Spielen bei einem Grand-Slam-Turnier hatte sich Nadal nach einer 2:0-Führung in einen fünften Satz jagen lassen, und ein einziges Mal hatte er verloren, vor vier Jahren in New York gegen den Italiener Fabio Fognini. Diesmal, im drittlängsten Spiel der Geschichte der US Open, gewann er (7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4), getragen von den Zuschauern, die einen aus Sympathie gewebten Teppich für ihn ausrollten, auf dem er am Ende nach dem dritten Matchball und nach vier Stunden und 50 Minuten zu Boden ging.

Den meisten Zuschauern ging es wie Daniil Medwedew, der dem Sieger herzlich gratulierte, sich dann in der verspäteten Rede ans Volk in den gleichen Worten für die Unterstützung des Publikums bedankte, diesmal allerdings lächelnd anstatt mit sarkastischem Unterton, und später sagte, an diesem Abend werde er sich noch erinnern, wenn er 70 sei. Rafael Nadals Einschätzung folgend sollte er bis dahin mehr als einen Grand-Slam-Titel gewonnen haben.

Federer auf den Fersen

Der Spanier wird derweil die 19. Trophäe in der Glasvitrine seiner Tennisschule in Manacor/Mallorca unterbringen, und es ist klar, was das zu bedeuten hat. Mit 19 liegt er nur noch einen hinter Roger Federer, und manches deutet darauf hin, dass er seinen Lieblingsrivalen im kommenden Jahr einholen kann.

Natürlich weiß er, dass ihn die Diskussion, ob er Federer vielleicht sogar überholen kann, von nun an in größerer Lautstärke begleiten wird als je zuvor. Am Abend seines Sieges nach einem der besten Endspiele, die die US Open jemals sahen, erklärte er noch mal für alle zum Mitschreiben, wie er die Sache sieht. „Ich sag immer dasselbe: Natürlich wäre ich gern der eine, der am Ende einen Titel mehr hat, aber ich werde nicht glücklicher oder weniger glücklich sein, wenn das passiert oder nicht. Was mich glücklich macht ist die Befriedigung, mein Bestes gegeben zu haben.“

Es gibt, so viel steht fest, in der Welt des Sports nicht viele wie Rafael Nadal.