Ist das noch mein Verein?: Worüber Fans und Führung von Hertha BSC streiten

Eines vorweg: Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung von Hertha BSC und dort für das gegenwärtige Zukunftsthema Digitalisierung zuständig, postet kaum Smileys. Und das letzte Emoji – Zwinkerauge, Zunge raus – ist über vier Monate her. Da hatte der Verein gerade via Twitter angekündigt, die Ausbildung junger Hebammen zu unterstützen. „Auch weil Nachwuchs unsere Sache ist“, schrieb Keuter dazu. Wer Kinder in diese Welt und diese Stadt setzen will, sollte dafür dankbar sein, dass ein Fußballklub sich sozial engagiert und nichts dagegen haben, dass dieses Engagement in den sozialen Medien geteilt wird. Doch darum geht es nicht. Es geht ... – ja, um was eigentlich?

Am vergangenen Sonnabend hat Hertha trost- und torlos gegen Wolfsburg gespielt. Und weil diese Saison sportlich beendet zu sein scheint, machen Fans und Vereinsführung das, was in der Bundesliga nur ihnen so grandios gelingt: Sie machen sich selbst Probleme. Also gab es vor dem Heimspiel viele Banner zu sehen in der Ostkurve, und auf einem stand: „Wer zu viele Smileys postet, dem vergeht irgendwann das Lachen. Keuter, dein Ende naht!“

Zum Hintergrund: Teile der aktiven Fanszene haben kein Verständnis dafür, dass ihr Verein vor gut zwei Jahren einen Mann eingestellt hat, der seitdem vieles tut und lässt, um Herthas Image zu entstauben. Über den Erfolg lässt sich streiten, und der Misserfolg ist nur teilweise mit der sinkenden Zuschauerzahl zu belegen. Die Bannerdichter („Nimm endlich deinen Hut, du tust Hertha nicht gut“) wollen, dass der Verein sich mehr um die Belange der alten Anhängerschaft kümmert und weniger online um neue wirbt. Es geht im Grunde um die Frage: Wie modern und kommerziell darf der Fußball werden? Oder: Ist das noch mein Verein?

„Früher saßen wir mit der Geschäftsführung an einem Tisch“

Mit werbetextlicher Hilfe und breiter Unterstützung aus der Chefetage hat Keuter neue Claims entwickeln lassen, Hertha ist präsent auf Twitter, Instagram, Snapchat und Facebook – so wie andere Klubs auch. Eine freche, selbstironische Tonalität ist entstanden, manchmal ist sie anbiedernd – doch auch das machen die anderen genauso. Vor ein paar Tagen hat Keuter seine Strategie mit diesem Satz verteidigt: „Wer sagt, dass die Digitalisierung den Fußball kaputt macht, hat den Schuss nicht gehört.“ Und das war dann ein klassischer Fall von: recht haben und rechthaberisch wirken.

Der jahrelang funktionierende Dialog zwischen Fanszene und Klubführung ruht mal wieder. Keiner will schuld sein. Beide Seiten flüchten sich in die Opferrolle. Das ist immer am einfachsten. Ein Vertreter der Ultragruppierung Harlekins Berlin ’98 sagte in der Berliner Morgenpost: „Früher saßen wir mit der Geschäftsführung regelmäßig an einem Tisch. Selbst bei Meinungsverschiedenheiten gab es einen guten Austausch. Heute fehlen dafür die Grundvoraussetzungen, weil zu oft über den Haufen geworfen wurde, was vorher besprochen war (...) Für den Verein ist der Dialog nur ein Feigenblatt.“ Und Keuter sagte in der BZ: „Wenn das der Preis ist, den man heutzutage zahlen muss, dann ist das so (...) Wie oft soll man denn noch den Dialog anbieten, um die Dinge zu erläutern?“ Die Sache ist nur: Einige Fans wollen nicht, dass man ihnen die Dinge erläutert, die sie ohnehin ablehnen. Sie wollen ein bisschen Mitbestimmung, wenigstens in ihrer Kurve.

Am schwersten ist übrigens: Man muss immer wieder und wieder zusammenkommen, um sich vernünftig auseinanderzusetzen. Und hier könnte jetzt ein Smiley stehen.