Kein Weltrekord, aber trotzdem eine Rekordleistung: Karsten Warholm verbesserte über 400 Meter Hürden die 40 Jahre alte Bestleistung des Istaf.
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BerlinDie Vorleistungen der vergangenen Wochen schürten die Hoffnung auf den ein oder anderen Weltrekord. Karsten Warholm hatte den über 400 Meter Hürden fast schon verbal vorhergesagt, Johannes Vetter eine Woche zuvor mit dem zweitweitesten Speerwurf aller Zeiten mit einer sportlichen Leistung angekündigt und Stabhochspringer Armand Duplantis ihn in dieser Saison ja zumindest in der Halle bereits auf 6,18 Meter verbessert. Es wäre eine skandinavische Erfolgsgeschichte geworden, wenn am frühen Sonntagabend kurz vor 18 Uhr erst der Norweger Warholm und kurz darauf der Schwede Duplantis neue Bestleistungen erreicht hätten. 

Dem einen, Warholm, ging auf den letzten Metern etwas die Luft aus, der andere, Duplantis, kämpfte, trotz der Hilfe des vorher ausgeschiedenen Sam Kendricks, vergebens mit den Bedingungen und scheiterte dreimal an 6,15 Metern. Und die deutsche Weltrekord-Hoffnung Johannes Vetter? Der gewann zwar mit fast fünf Metern Vorsprung deutlich die Speerwurf-Konkurrenz, blieb aber mit seinem Siegwurf auf 87,26 Meter auch genau zehneinhalb Meter hinter seinem persönlichen Rekord aus der Vorwoche zurück.

Diese drei Athleten und das Istaf an den verpassten Weltrekorden zu messen, würde der Veranstaltung allerdings nicht gerecht werden. Das Istaf im Einzelnen, die Leichtathletikszene im Allgemeinen feierten nach Monaten des Stillstands, Geisterwettkämpfen und verschobenen Olympischen Spielen in erster Linie eine emotionale Rückkehr. Endlich waren mal wieder Zuschauer, die Athleten live sehen wollten, im Stadion zugelassen. Endlich gab es für die Athleten mal wieder hörbaren Applaus von den Rängen für erbrachte Leistungen und Unterstützung auf der Jagd nach Bestzeiten und Bestweiten. Unterstützung, die sich gleich mehrfach in letzten Versuchen der Athleten zeigen sollte.

Andrius Gudzius warf in seinem letzten Versuch, obwohl er bereits als Sieger feststand, mit 66,72 Metern die Tagesbestweite im Diskus. Christian Taylor konnte mit seinen 17,57 Metern im Dreisprung, ebenfalls im letzten Versuch, den wiederum vorletzten Sprung von Max Heß kontern. Der Deutsche blieb mit seinen 17,17 Metern nur drei Zentimeter unter seiner persönlichen Bestleistung und Taylor sprang sogar neue Weltjahresbestleistung. Die liefen auch die Kenianerin Hyvin Kiyeng in 9:06,14 Minuten über 3000 Meter Hindernis und die Britin Laura Muir in 3:57,40 Minuten über 1500 Meter.

In einem für alle Athleten alles andere als einfachem Jahr waren das die Leistungen, die an diesem Sonntag in Berlin besonders hervor stachen. Es braucht nicht immer nur Rekorde, damit eine Veranstaltung das Prädikat „gelungen“ erhält. Selbst wenn Karsten Warholm den Weltrekord, übrigens auch nur um drei Zehntel, verpasste, so lief er mit seiner Zeit einen neuen Meeting-Rekord und verbesserte damit die zuvor 40 Jahre alte Marke. Dafür wurde er, während sich langsam aus dem Olympiastadion die Sonne verabschiedete, kurz gegen 18.30 Uhr vor den letzten Zuschauern geehrt.

Ebenso wie Johannes Vetter, der seinen Sieg in Berlin, aber vor allem die Leistungen der vergangenen Wochen mit einer Ehrenrunde feierte und sich bei den Zuschauern bedankte. „Ich hätte nicht gedacht, dass 3500 Leute so viel Bambule machen können“, sagte er. Als symbolischer Dank flog sein Sieger-Blumenstrauß auch in die Hände einer Zuschauerin. Ob das laut Hygiene-Protokoll erlaubt war, interessierte in diesem Moment genauso wenig wie verpasste Weltrekorde.