Jan Ullrich gewann 1997 das Gelbe Tour bei der Tour de France.
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BerlinEs waren erschütternde Bilder und Nachrichten, die im August 2018 vom gefallenen Rad-Heros Jan Ullrich an die Öffentlichkeit drangen. Da waren Handyvideos, die zeigten, wie er unter Drogeneinfluss sechs Minuten lang zusammenhangslos in die Kamera stammelt; da waren die Meldungen aus Mallorca, dass er im Rausch auf das Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger vorgedrungen war und die Gäste bedroht hatte; schließlich gab es die Berichte aus Frankfurt, wo er verhaftet wurde, nachdem er offenbar eine Prostituierte tätlich angegriffen hatte.

Das alles ergab das Bild eines Lebens, das hoffnungslos aus dem Ruder gelaufen ist. Jan Ullrich hatte eine Talsohle erreicht, in der ihm die Selbstzerstörung als der einzige noch offenstehende Weg erschien.

Peinliche Auftritte

Es war eine Tragödie, die sich da vor aller Augen abspielte, und zum ersten Mal seit seinen großen Erfolgen Ende der 90er Jahre richtete sich von Seiten der schockierten deutschen Öffentlichkeit ein mitfühlender Blick auf Ullrich. Die Frage, wie es so weit kommen konnte, beschäftigte wochenlang die Medien, gepaart mit verspäteten Ansätzen der Selbstreflexion. Journalisten, Fans, Trainer, Wegbegleiter – sie fragten sich, was sie zu dieser menschlichen Katastrophe beigetragen hatten.

Man hatte Ullrich aus den Augen verloren vor diesem Absturz. Das letzte Mal, dass Ullrich in aller Munde gewesen war, war im Jahr 2007, als er seinen völlig verunglückten Abschied vom Radsport gab.

Nachdem das Team T-Mobile ihn vor dem Start der Tour 2006 wegen massiver Dopingverdächtigungen aus dem Verkehr gezogen hatte und er ein Jahr lang von der enttäuschten deutschen Öffentlichkeit dämonisiert worden war, wollte Ullrich von sich aus einen Schlussstrich ziehen. Doch die Pressekonferenz in Hamburg geriet zur Peinlichkeit. Ullrich lancierte einen erbitterten Rundumschlag gegen seine Kritiker, von der Presse bis hin zum Antidoping- Kreuzzügler Werner Franke.

Eine schwierige Liebesaffäre

Am Abend ging Ullrich dann zu Beckmann und legte einen Auftritt hin, der sein Schicksal als Paria besiegelte. Statt eines reuigen Geständnisses, das es den Fans erlaubt hätte, ihm zu verzeihen und ihn wieder in ihr Herz zu schließen, stammelte sich Ullrich um die harten Nachfragen nach seinen Dopingpraktiken herum. Ullrichs Berater hatten ihm aus Furcht vor Klagen und dem Schaden an einem Image, das ohnehin nicht mehr zu retten war, geraten, stillzuhalten. Dann verschwand Ullrich, alleine sein Schuldspruch vor dem Court of Arbitration of Sport im Jahr 2012 und sein Autounfall bei stark erhöhter Geschwindigkeit und stark erhöhtem Blutalkohol 2014 machten ihn noch mal kurz zum Gesprächsthema. Ansonsten wollte man nichts mehr von Ullrich wissen.

Es war das vorläufige Ende einer komplizierten Liebesaffäre zwischen Ullrich und den Deutschen, die zehn Jahre zuvor im nationalen Rausch begonnen hatte. Am 15. Juli 1997 löste der damals 23-Jährige eine Ekstase aus, wie das wiedervereinigte Deutschland sie seit der WM 1990, ja vielleicht noch nie, erlebt hatte.

Ullrich stürmte damals am Anstieg nach Andorra Arcalis dem gesamten Fahrerfeld der Tour de France mit einer Überlegenheit davon, welche die Konkurrenz verzweifeln ließ. Von seinem Teamkapitän Bjarne Riis nach zehn quälenden Tagen endlich von der Leine gelassen, stampfte er mit derart übermenschlicher Kraft den Berg hinauf, dass die Kommentatoren prophezeiten, Ullrich werde mindestens fünf-, wenn nicht siebenmal die Tour gewinnen.

In den folgenden zehn Tagen, die Ullrich noch bis nach Paris zurückzulegen hatte, wurde Deutschland zur Radsportnation. Wenn am Nachmittag die Übertragung in der ARD begann, ruhte in den Büros die Arbeit, die Tour lief in allen Restaurants und Kneipen und es wurden zum ersten Mal überhaupt für die Tour Viewing Parties veranstaltet.

Ein gesamtdeutsches Idol

Als Ullrich auf den Champs Elysees als der „Kaiser“ der Tour gekrönt wurde – wie ihn vornehmlich die französische Presse titulierte – war man in Deutschland außer sich. Sein Empfang am Bonner Rathaus in der Woche danach glich einem Auftritt von Michael Jackson. Bonns Bürgermeisterin ließ sich zu dem Satz hinreißen: „Sie stehen in einer glaubwürdigen Reihe mit Adenauer, Gorbatschow, de Gaulle und dem Papst.“

Serie

 Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. 

Ullrich war über Nacht zum gesamtdeutschen Idol geworden. Er dominierte zusammen mit seiner gemischten Ost-West-Truppe das größte Radrennen der Welt und schenkte dem wiedervereinigten Deutschland ein Selbstwertgefühl, wie es das bis dahin noch nicht erfahren hatte.

Ullrich selbst überforderte das vom ersten Tag an. Er ließ sich zunächst von der Welt des Glamours verführen, die ihm plötzlich offenstand, er ging auf Bälle, Promi-Parties und tingelte von Talkshow zu Talkshow. Als er jedoch den Anspruch der ganzen Nation zu spüren bekam, ihr ein zweites und noch viele weitere Male ein Sommermärchen wie 1997 zu schenken, rebellierte etwas in ihm.

Tragik einer Generation

So begann schon nach seinem Tour-de-France-Sieg ein Muster, das er bis zum Ende seiner Karriere nicht abschütteln konnte. Er ließ sich in der Nachsaison völlig gehen, stieg zu spät und übergewichtig in das Training ein und überforderte sein Immunsystem bei dem Versuch, in kürzester Zeit in Form zu kommen. Ullrichs Karriere blieb unvollendet. Sicher, er wurde mit fünf zweiten Plätzen bei der Tour, zwei Weltmeistertiteln, einem Sieg bei der Spanienrundfahrt und einem Olympiasieg trotz allem der erfolgreichste deutsche Radsportler aller Zeiten. Doch es war ersichtlich, dass hier einer nie sein Potenzial ausgeschöpft hat.

Mehr noch, man hatte immer wieder das Gefühl, dass Ullrich das alles eigentlich gar nicht wollte, dieses Siegen-Müssen. Am besten fuhr er, wenn niemand etwas von ihm erwartete und niemand hinschaute, bei der Vuelta 2002 und bei der Tour de France 2003 etwa, als er mit einer zusammengewürfelten Truppe und einem improvisierten Team Lance Armstrong so nahe zu Leibe rückte wie nie zuvor und nie danach. Zu diesen Gelegenheiten fand er die Freude am Radsport wieder, die ihn beseelt hatte, seit er als Zehnjähriger im Trikot der SG Dynamo Rostock sein erstes Querfeldeinrennen gewann. Wenn Sponsoren, Presse und Fans von ihm forderten zu gewinnen, dann wollte er jedoch am liebsten den Radsport ganz hinschmeißen, so wie 1999, als er schon fest entschlossen war, aufzuhören.

Ullrichs psychischer und sozialer Absturz hatte zweifellos seine Wurzeln auch in seiner nicht einfachen Kindheit, in einer von Sucht und Gewalt betroffenen Familiensituation. Doch es ist auch ganz unzweifelhaft, dass er das extreme Hoch und Tief der Vergötterung und der späteren Kriminalisierung nicht verkraftet hat. Andere Radsportler seiner Generation, wie Marco Pantani, haben das nicht überlebt, beinahe jeder, der das durchlebt hat, von Floyd Landis bis Tyler Hamilton berichtet von schweren Depressionen. Ullrichs einstiger Teamkollege und Mentor Jens Heppner ist sich sicher, dass „ihn das fertig gemacht hat.“

Buchtipp

Sebastian Molls Biografie von Jan Ullrich „Ulle – Chronik eines angekündigten Absturzes“, erscheint im Juni im Covadonga Verlag.

Heute lebt Ullrich zurückgezogen im Schwarzwald, wo sich seine einstige Lebensgefährtin Gaby Weiß und frühere Weggefährten um ihn kümmern. Man hört, dass er sich auf einem guten Weg in eine ruhigere, private Existenz befindet. Der Sportsoziologe Gunter Gebauer findet, dass man Ullrich dabei das allergrößte Mitgefühl schuldig sei. Es gebe eine Verpflichtung, so Gebauer, sich auch dann noch um die Sportler zu sorgen, wenn das Rampenlicht aus ist und sie keine Höchstleistungen mehr erbringen. Auch, wenn sie sich dem Systemzwang des Dopings gebeugt hatten.