Japan in der Analyse: Warum der erste DFB-WM-Gegner ein Stolperstein sein kann

Die DFB-Auswahl trifft am 23. November (14 Uhr) auf Japan und damit eine Fußball-Nation, die dem Team von Hansi Flick gefährlich werden kann. Eine Analyse.

Daichi Kamada befindet sich in Topform und ist einer der japanischen Schlüsselspieler.
Daichi Kamada befindet sich in Topform und ist einer der japanischen Schlüsselspieler.Rolf Vennenbernd/dpa

Alleine 15 Spieler des japanischen Teams stehen in einer der Top-Fünf-Ligen unter Vertrag. Doch auch die anderen elf Akteure darf man keinesfalls unterschätzen, denn gerade in der Breite haben sich die „Samurai Blue“ in den vergangenen Jahren erkennbar entwickelt. Selbst erfahrene Leute wie Genki Haraguchi (1. FC Union Berlin), Ex-Bundesliga-Stürmer Yoshinori Muto (Vissel Kobe) oder BVB-Legende Shinji Kagawa (VV St. Truiden) haben es nicht in den 26er-Kader geschafft.

Auch formstarke Kicker wie Mittelstürmer Kyogo Furuhashi (Celtic Glasgow, 20 Einsätze, elf Tore, eine Vorlage, lief in allen sechs Champions-League-Partien der Gruppenphase auf), Rechtsverteidiger Yukinari Sugawara (AZ Alkmaar, 20 Begegnungen, drei Treffer, fünf Assists) oder Linksaußen Keito Nakamura (Linzer ASK, 18 Spiele, elf Buden, sechs Vorlagen), die in ihren Klubs zu den Leistungsträgern gehören, müssen die Weltmeisterschaft 2022 in Katar aus der Ferne verfolgen.

Unions Genki Haraguchi (l.) hat es nicht in Japans WM-Kader geschafft, Kaoru Mitoma hingegen schon.
Unions Genki Haraguchi (l.) hat es nicht in Japans WM-Kader geschafft, Kaoru Mitoma hingegen schon.Imago

Japan tritt mit viel Bundesliga-Erfahrung gegen das DFB-Team an

Die Auswahlmöglichkeiten für Nationaltrainer Hajime Moriyasu sind auf einigen Positionen sehr groß. Deshalb kann sich das finale Aufgebot sehen lassen und darf von Deutschland keinesfalls unterschätzt werden.

Gerade im Mittelfeldzentrum, auf den offensiven Außenbahnen sowie in der Abwehr sind die „blauen Samurai“ erstklassig besetzt – und zudem mit viel Bundesliga-Erfahrung ausgestattet. In der Defensive finden sich mit Kapitän Maya Yoshida (FC Schalke 04), Ko Itakura (Borussia Mönchengladbach) und Hiroki Ito (VfB Stuttgart) gleich drei Spieler aus Deutschlands Fußball-Beletage im Aufgebot wieder. Auch der ehemalige Hannoveraner Hiroki Sakai (Urawa Red Diamonds) ist hier als Deutschland-Kenner zu nennen.

Doch nicht nur sie sind routiniert. Linksverteidiger Yuto Nagatomo (138 Länderspiele, FC Tokyo, einst Inter Mailand) und Rechtsverteidiger Takehiro Tomiyasu (läuft für den Premier-League-Tabellenführer FC Arsenal auf) haben ebenfalls die Qualität, das DFB-Offensivspiel entscheidend auszubremsen.

Routine pur für Japan: Yuto Nagatomo (2. v. l., 138 Länderspiele) und Maya Yoshida (2. v. r., 122).
Routine pur für Japan: Yuto Nagatomo (2. v. l., 138 Länderspiele) und Maya Yoshida (2. v. r., 122).AFP

Daichi Kamada, Ritsu Doan und Takefusa Kubo: Japan offensiv mit viel Qualität

Zumal sie tatkräftige Unterstützung aus dem defensiven Mittelfeld bekommen dürften. Hidemasa Morita zählt beim portugiesischen Sporting Lissabon zu den wichtigsten Akteuren und Wataru Endo ist der Stuttgarter Kapitän.

Gerade die Offensivkette davor ist der mit Abstand am stärksten besetzte Mannschaftsteil und könnte die zuletzt immer wieder anfällige deutsche Defensive in Bedrängnis bringen. Daichi Kamada (Eintracht Frankfurt), Ritsu Doan (SC Freiburg), Takumi Minamino (AS Monaco), Kaoru Mitoma (Brighton & Hove Albion), Takuma Asano (VfL Bochum), Junya Ito (Stade Reims) und ganz besonders „Jahrhunderttalent“ Takefusa Kubo (Real Sociedad San Sebastián) sind allesamt in den besten Ligen der Welt unterwegs. Darüber hinaus befinden sich die meisten von ihnen in guter Verfassung. Das gilt ebenfalls für den kampferprobten Daizen Maeda (Celtic).

Takefusa Kubo ist aktuell Japans größtes Talent.
Takefusa Kubo ist aktuell Japans größtes Talent.Imago/Kai Dambach

Besonders ihre technischen Fähigkeiten, Dribbelstärke, Schnellig- und Wendigkeit sind in Verbindung mit ihrer Lauf- sowie Zweikampfstärke und taktischen Disziplin Eigenschaften, durch die Japan der Einzug in die K.-o.-Runde durchaus zuzutrauen ist. Mit ein wenig Glück gelingt ihnen vielleicht sogar der Einzug ins Viertelfinale, was geschichtsträchtig wäre, denn weiter als bis ins Achtelfinale ist man bei einer WM noch nie vorgedrungen.

Schwächen haben die „Samurai Blue“ vor allem auf der Torhüterposition. Shuichi Gonda (Shimizu S-Pulse) und der 39-jährige Eiji Kawashima (Ersatzkeeper bei Racing Straßburg) haben kein internationales Topniveau, was möglicherweise die große Chance für Daniel Schmidt (St. Truiden) ist. Der in den USA geborene Keeper hat einen US-amerikanischen Vater mit deutschen Vorfahren und eine japanische Mutter, kickt in Belgien unter anderem an der Seite von Ex-Union-Abwehrkante Toni Leistner, wird von Bernd Hollerbach trainiert und ist in der Jupiler Pro League klar die Nummer eins. Auf allerhöchstem internationalem Level durfte sich der 30-Jährige jedoch noch nicht beweisen.

Daniel Schmidt (r.) könnte für Japan im Tor stehen.
Daniel Schmidt (r.) könnte für Japan im Tor stehen.Martin Meissner

DFB-Team hat mit Japan ein unangenehmes Auftaktspiel

Auch auf der Mittelstürmerposition verfügt Japan über keinen Angreifer von internationalem Spitzenformat. Ayase Ueda (Cercle Brügge) und Shuto Machino (Shonan Bellmare) sind beide talentiert, müssen aber erst noch zeigen, ob sie sich gegen Innenverteidiger wie Antonio Rüdiger oder Niklas Süle durchsetzen können. Asano oder Maeda agierten ebenfalls schon ganz vorne, wären dort aber eher eine Notlösung.

Doch gelingt es den Flügelflitzern um Kamada, die deutsche Defensive durcheinanderzuwirbeln, ist den Moriyasu-Mannen einiges zuzutrauen – vor allem dann, wenn sie (wie gewohnt) als echte Einheit auftreten. Denn wie aus dem müden 1:0 vom DFB-Team gegen den Oman kann man auch aus Japans 1:2 gegen Kanada nur wenig für das Turnier herauslesen.

Beide Teams starten bei null, weshalb im direkten Aufeinandertreffen viel von Zufällen und der Tagesform abhängt. Individuell ist die Flick-Truppe zweifelsohne besser besetzt, doch geht Deutschland nicht ans Limit, wird man es mit dem ersten Gruppengegner richtig schwer haben.

Deshalb wäre ein Auftaktsieg hoch einzuschätzen, denn Japan ist leicht zu unterschätzen, während man gegen Spanien wohl direkt voll da wäre bzw. nach der 0:6-Demütigung vom 17. November 2020 wüsste, was für eine Mannschaft da auf einen zukommt.

Costa Rica ist zwar ein durchaus solides Team, hinsichtlich der Einzelkönner aber klar schwächer als Deutschland einzuordnen. Daher ist Japan einer der unangenehmsten Auftaktgegner. Um gegen ihn zu bestehen, muss die DFB-Elf ein anderes Gesicht als gegen den Oman zeigen.