Berlin - Schläge, Schreie, dumpfe Tritte auf dem Boden, schon außerhalb der Halle sind sie zu hören. Was nach einem brutalem Sport klingt, ist eine der verletzungsärmsten und respektvollsten Sportarten, die es gibt.

Vor dem Eingang der Turnhalle des VfL Tegel 1891 liegen unzählige Paar Schuhe im Flur, das erinnert an eine WG-Party. Dort ziehen die Teilnehmer ihre Schuhe aus Respekt vor dem Gastgeber aus. Hier in der Turnhalle zollen sie dem Ort Respekt, an dem der Sport praktiziert wird. Nach einer kurzen Verbeugung am Halleneingang treten sie ein: in die Welt des Kendo.

Ungefähr 3800 Menschen in Deutschland sind Teil dieser Welt. Die 80 Besten kamen am Sonnabend in Berlin Reinickendorf zusammen, um in der Halle an der Hatzfeldallee um den Deutschen Meistertitel zu kämpfen. Es war die Meisterschaft der Erwachsenen, hier kämpfen Frauen und Männer getrennt, im Nachwuchsbereich und unter Anfängern wird auch gemischt trainiert und gekämpft.

Die Macht spielt eine gewisse Rolle

Vom Krieg der Sterne, zum Krieg der Schwerter: Im Alter von 14 Jahren hat der japanische Schwertkampf dem Wettkampfteilnehmer Silvio Fortuné natürlich an die berühmte Filmreihe erinnert. Diejenigen, die die Gabe besitzen ihre Macht effektiv anzuwenden, verfügen über einzigartige Kräfte und fuchteln mit coolen Laserschwertern herum. Auch wenn Fortuné schnell verstanden hat, dass die Neonleuchten aus dem Science-Fiction-Film wenig mit den Bambusstäben im Sport zu tun haben, ist er trotzdem dabei geblieben.

Auch wenn es beim Kendo nicht um Gut gegen Böse geht, spielt die Macht eine gewisse Rolle. Die Macht hat derjenige, der den Kampf gewinnt, bevor er zuschlägt. Selbstbewusstsein und eine starke Aura besiegen den Gegner. Man muss es schaffen, sich auf den Gegner zu konzentrieren und sich auf seine eigene Form zu verlassen.

„In den letzten Wochen gelang mir das überhaupt nicht, ich hatte im Kampf zu viel mit mir zu tun. Ich hatte ein richtiges Tief“, sagt Fortuné. Dass sein Trainer ihm in den letzten Einheiten vor der Meisterschaft noch mal „richtig fertig gemacht hat“, hat seinen Kampfgeist geweckt, Fortuné aus seinem Loch geholt und ihn am Sonnabend bei seiner siebten Teilnahme bei einer Deutschen Meisterschaft endlich ins Finale gebracht.

Das Finale der Deutschen Meisterschaften

Die drei Kampfrichter stehen im Feld, mit roter Fahne in der einen und weißer in der anderen Hand. Zwischen ihnen lauern die beiden Finalisten: Fortuné aus München und Alexander Jakupovic aus Berlin, in beiden Händen halten sie jeweils ihr Shinai, also das Schwert.

An Fortunés Nacken hängt ein weißes Band. Wenn er punktet, werden die Kampfrichter die weiße Fahne in die Höhe reißen. Gemeinsam verbeugen sich die Kämpfer jedoch zunächst in Richtung des Altars, der hier in Form eines Posters des Deutschen Kendobundes (DKenB) symbolisiert wird.

Die vermummten Finalisten verbeugen sich noch mal voreinander, gehen kurz in die Hocke und mit dem Kommando des ersten Kampfrichters, dem Präsidenten des DKenB, Detlef Viebranz, geht es los. Die anderen Wettkampfteilnehmer des Tages sitzen kniend um das Feld. Sie klatschen.

Eine atypische Kampfsportart

„Kendo ist der Rolls Royce unter den Kampfsportarten“, sagt Ralf Abel während er sich das Finale anschaut. Er ist Referent für das Prüfwesen des Kendobundes und meint, nicht nur die Verhaltensregeln und der Respekt, sondern auch die Bewegungsabläufe sind atypisch zu anderen Kampfsportarten: „Fußarbeit, Handhaltung, nichts ist übertragbar aus anderen Sportarten.“

Fortuné hat nie eine andere Kampfsportart gemacht, er weiß nicht mal, wie Judo funktioniert. Für den 25-Jährigen dreht sich neben seinem Physikstudium alles ums Kendo. Es ist mehr als nur ein Hobby, er gehört zum Nationalteam und hat sich damit verpflichtet, viermal die Woche zu trainieren, Nachwuchstraining zu geben, zwei Wochenenden im Monat zu Wettkämpfen zu fahren und viele weitere Wochen im Jahr im Trainingslager zu verbringen.

Im Teamkampf mit der Nationalmannschaft wird von den Trainern festgelegt, wer welchen der fünf Kämpfe eines Turniers macht. Fortuné ist da ganz klar auf Position eins. Er ist der Typ von Kämpfer, der das Team mit dem ersten Kampf richtig in Stimmung bringt, einheizt und anfeuert. „Dazu gehört viel Schreien und Energie in die Schläge und den Kampf zu stecken“, sagt er. Das Ergebnis ist dabei zweitrangig.

Zum Lachen und zum Heulen

Beim Finale ist es anders, hier kämpft er alleine, nicht im Team, und das Ergebnis ist sehr wohl entscheidend. Die Spezialtechnik seines Gegners sitzt direkt: ein Men, also ein Schlag mittig auf den Kopf, aus einer hohen Reichweite. Die Kampfrichter reißen die rote Fahne hoch. Doch kurz vor Ende des fünfminütigen Kampfes gelingt dem Münchner der Ausgleich. Das Duell geht in die Verlängerung, der nächste Treffer entscheidet.

„Ich versuche, Kontakt zur Shinai-Spitze herzustellen und dadurch den Gegner zu fühlen. Mit der Fußarbeit kann ich den Gegner gut unter Druck setzen.“ Fortuné kennt seinen Gegner sehr gut. Beide sind Kollegen im Nationalteam. „Ich wusste, wie ich ihn physisch fertig machen kann. Wenn er müde wird, kann ich zuschnappen.“ Das gelingt ihm. Zum zweiten Mal reißen die Kampfrichter die weißen Fahnen hoch. „Gemischte Gefühle gerade, mir ist zum Lachen und zum Heulen“, sagt Fortuné. Dicke Schweißperlen laufen ihm übers Gesicht.

Der Nationaltrainer, der gleichzeitig sein Vereinstrainer ist, sieht Fortuné in Zukunft im Teamkampf nicht mehr auf der Position eins, sondern eher auf der Mittelposition. Wenn die ersten beiden Teamkämpfe verloren sind, muss man an dieser Stelle das Blatt wenden und einen Sieg rausholen. „Darauf muss ich jetzt hinarbeiten“, sagt Fortuné. Am Sonnabend hat er gezeigt, dass er das Zeug dazu hat.