Vor seinem Dienstantritt als Füchse-Trainer: Jaron Siewert.
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BerlinEs ist jetzt sieben Jahre her, seit die erste Karriere von Jaron Siewert in die zweite übergegangen ist. 19 war der Kerl aus Hennigsdorf damals, er hatte noch lange Haare und spielte Handball bei den Füchsen Berlin. Bob Hanning war sein Jugendtrainer. Dem Geschäftsführer der Füchse fiel Siewerts Auffassungsgabe auf, „sein Verstehen und Lesen des Spiels“. Siewerts Position war die Mitte, in der Abwehr hatte er die notwendige Härte, Entschlossenheit, Körperlichkeit. „Er hatte auch eine große soziale Intelligenz. Das ist für einen jungen Menschen eine sehr gute Kombination“, sagt Hanning.

Damals stellte der erfahrene Handballtrainer und -funktionär fest, dass es etwas Besonderes war, sich mit Siewert auseinanderzusetzen, mit ihm über den Sport zu sprechen, der beide begeistert. Hanning war bald klar, dass das Potenzial des Jüngeren als Trainer ein anderes, viel größeres sein würde als sein Potenzial als Spieler.

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser. Aber bei Jaron Siewert stand Bob Hanning auf der Kreuzung. Er sagte dem jungen Mann, was er über dessen Handball-Zukunft dachte. Bislang offenbar das Richtige. Und so ist es gekommen, dass sich Siewert nach einer erfolgreichen Bewährungszeit bei TUSEM Essen nun beim Bürgeramt in Blankenburg, Pankow, umgemeldet hat. Dass er im Alter von 26 Jahren, als jüngster Trainer der Bundesliga, wieder in die Heimat zurückgekehrt ist. Dass er an diesem Freitag das Auftakttraining der Füchse für die neue Saison leitet. Siewerts Geschichte ist die, von einem, der auszog, um daheim Chefcoach zu werden.

Die nachwuchsorientierte und regionsbezogene Philosophie des Vereins verkörpert Siewert wie kaum ein anderer. „Das Füchse-Gen sitzt tief in mir drin“, sagt der ehemalige Rückraumspieler. Viermal wurde er hier Jugendmeister, rückte kurzzeitig in den Champions-League-Kader der Profis auf, durfte, als die Mannschaft in Personalnot geriet, in der Bundesliga aushelfen und gewann darüber hinaus 2012 mit der deutschen U18-Nationalmannschaft den Europameister-Titel in Österreich. Aber trotz dieser Erfolge entschied er sich für den Weg als Trainer, weil er offenbar ahnte, dass Hanning recht behalten würde. Zum Topspieler würde es nicht reichen. „Und für Mittelmaß bin ich nicht zu haben“, sagt Siewert.

Bei den Füchsen coachte er die A-Jugend, die zweite Mannschaft, danach war er Assistenztrainer der Jugend-Nationalmannschaft. Mit Hanning überlegte er, ob es ihn weiterbringen würde, als Co-Trainer in der ersten Liga oder als Cheftrainer in der zweiten Liga zu beginnen. In der Saison 2017/18 übernahm er schließlich bei Zweitligist TUSEM Essen die volle Verantwortung. 23 Jahre war er da erst alt. Und schon damals musste er ständig die Frage beantworten, wie das denn sei. So jung – und schon Trainer? Was sagen die Spieler, die viel älter sind?

Jetzt kommen die Fragen wieder. Dabei hat Siewert in Essen eine ziemlich gute Antwort gegeben: Er führte den Traditionsverein nach zwei Insolvenzen und Zwangsabstieg zurück in die erste Liga, zurück in die Moderne. „Nagelsmann 2.0“ wurde er genannt. „Der Vergleich stört mich nicht“, meint Siewert, „persönlich kenne ich ihn nicht, sportlich hat er aber vieles erreicht. Handball ist allerdings ein eigener Sport und ich möchte natürlich auch meine eigenen Fußabdrücke hinterlassen.“

Die Chance bekommt er in Berlin, wo er BWL an der Beuth-Hochschule studiert hat. Nach vier Jahren mit Velimir Petkovic als Coach und einem Intermezzo von Michael Roth soll Siewert frischen Wind bringen, die Mannschaft Richtung Champions League führen, ihren temporeichen, attraktiven Stil weiterentwickeln. Das wird nicht so einfach werden. Corona beeinflusst die neue Saison – sportlich und finanziell. Trotz der Herausforderung halten die Füchse an ihren Ambitionen fest. Allen voran Siewert, der sich auch als Trainer nicht mit Durchschnitt zufriedengeben will. Die Spitze ist sein Ziel. „Die Mannschaft dafür haben wir“, findet der Coach, „da erwartet uns natürlich viel Arbeit, aber ich setze mir lieber hohe Ziele statt die Anforderungen niedrig zu halten.“

Obwohl Michael Müller, Stipe Mandalinic und Kevin Struck den Verein vorzeitig verlassen mussten, kann Siewert auf eine breit aufgestellte Truppe zurückgreifen. Dabei ist im Rückraum besonders der dänische Zugang Lasse Andersson vielversprechend. Simon Ernst strebt nach drei Kreuzbandrissen seine Rückkehr in den Spielbetrieb an. Und in Marian Michalczik wird ein deutscher Nationalspieler die Achse neben Fabian Wiede und Paul Drux ergänzen. Jenen Spielern, mit denen Siewert in seiner Jugend selbst auf dem Parkett gestanden und 2012 die A-Jugend-Meisterschaft gefeiert hat: „Wir haben alle in den letzten Jahren einiges erlebt, sodass ich glaube, dass ein professionelles Spieler-Trainer-Verhältnis kein Problem sein wird“, meint Siewert.

„Das Alter spielt keine Rolle“

Ebenso wenig wie jenes zum 13 Jahre älteren Mannschaftskapitän Hans Lindberg. „Im Profisport wollen alle erfolgreich sein und sich verbessern“, sagt Siewert, „wenn man als Trainer dafür den richtigen Weg aufzeigen kann, spielt das Alter – egal auf welcher Seite – keine Rolle.“ Siewert will sich nicht durch das Geburtsjahr im Ausweis definieren, sondern durch Leistung. Auf dem Weg zu neuen Titeln kann der Austausch mit dem Rechtsaußen, der Welt-, Europa- und deutscher Meister war, nur von Vorteil sein. Zumal Füchse-Sport-Vorstand Stefan Kretzschmar über sein erstes Gespräch mit Siewert sagt: „Innerhalb von einer halben Stunde hast du überhaupt nicht mehr im Kopf, dass der Junge erst 26 Jahre alt ist.“

Den Trainer und den Geschäftsführer hält Kretzschmar für die beiden wichtigsten Personen in einem Handballverein. Hanning erinnert sich, dass es anfangs nicht einfach war, den 19 Jahre alten Siewert statt als Spieler als Trainer auf den Weg zu schicken: „Er hat sich dann entschieden. Dass er damit nicht ganz falsch lag, hat er inzwischen ja bewiesen.“