Belek - Zuerst strich ihm Roman Hubnik über den Kopf, danach tätschelte Fabian Lustenberger den kräftigen Kerl und gab ihm schnell ein paar Anweisungen. Der junge Mann, um den sich die erfahrenen Profis während des Testspiels von Hertha BSC gegen den Drittligisten 1. FC Heidenheim kümmerten, trägt den auffälligen Namen Jerome Julien Kiesewetter. Er ist 18 Jahre jung und zum ersten Mal in einem Trainingslager mit den Profis dabei.

Kiesewetter, der einen robusten Eindruck macht, musste beim 2:0 von Hertha gegen Heidenheim auf der für ihn ungewohnten Rechtsverteidiger-Position spielen, weil die Offensive von Trainer Michael Skibbe mit den Stammkräften besetzt worden war. Trotzdem sollte der junge Mann Spielpraxis erhalten, weil sich Skibbe schnell ein Bild von jedem seiner Profis machen will.

Lob von Skibbe

Kiesewetter ist eigentlich ein Angreifer, der am liebsten über die Außenpositionen in den gegnerischen Strafraum eindringt. „Rechter Verteidiger hat Jerome nur ein paar Mal in der Jugend gespielt“, sagte Maikel Stevens, der den jüngsten Hertha-Profi, der mit im türkischen Belek weilt, berät. Der Sohn des Schalker Trainers Huub Stevens macht natürlich gern Werbung für Kiesewetter. „Der hat im letzten Jahr einen Riesensprung in seiner Entwicklung getan. Der ist extrem schnell und kann durchaus eine Alternative im Team von Skibbe werden.“

Nun reden Berater ihre Klienten natürlich stets besonders stark, aber auch Michael Skibbe findet nach den ersten Tagen des Kennenlernens Lob für Kiesewetter: „Er fällt als jüngster Spieler nicht ab, ist locker und flockig. Er ist schon gut dabei.“ Kiesewetter gehört zu den wenigen Profis, die Skibbe noch nicht kannte. Ein Gespräch zwischen den beiden fand schon statt. „Ich soll weiter hart arbeiten, hat mir der Trainer gesagt“, erzählt Kiesewetter.

Mutter deutsch, Vater Amerikaner

Kiesewetter wurde in Berlin geboren, sein Vater ist US-Amerikaner, seine Mutter eine Deutsche. „Mein Vater war Soldat, ist aber wieder in den USA“, klärt Kiesewetter seine Familienverhältnisse auf. Damit passt er wunderbar in das Raster, in dem Jürgen Klinsmann, der Chefcoach der US-Nationalmannschaft, der auch ein spielstarkes Team für die Olympischen Spiele im Sommer in London aufbauen muss, gezielt in Europa nach Talenten fahndet. Unter Klinsmann gehen die Amerikaner neue Wege, rekrutieren zunehmend Spieler nach dem Schema „Mutter deutsch, Vater früher amerikanischer Soldat“ oder suchen eben nach Profis, die zwei Pässe besitzen. Das betrifft auch Kiesewetter.

Bei Hertha BSC ist er damit allerdings nicht allein. Alfredo Morales, 21, der in der Hinrunde zu zwei Kurzeinsätzen in der Bundesliga kam, war im Vorjahr schon für zwei Wochen bei der Nationalelf der USA, kam aber noch nicht zu seinem Debüt. Der lange Abwehrmann John-Anthony Brooks, auch erst 18 Jahre alt, und Kiesewetter waren im Herbst 2011 bei einem Camp der Amerikaner in Duisburg dabei, als es auch um den Aufbau einer Olympiaelf ging. „Drei Mal habe ich für die U18 der USA bei einem Turnier in Nordirland gespielt“, sagt Kiesewetter. Er konnte noch keinen großen Unterschied bei den Gepflogenheiten zwischen deutschen und amerikanischen Teams ausmachen. „Nur die Leute sind anders, sonst ist vieles ähnlich.“

Der Traum von Olympia

Kiesewetters Karriere entwickelt sich derzeit in einem hohen Tempo. Herthas Nachwuchstrainer René Tretschok, unter dem der Offensivmann im Vorjahr auch noch in der A-Jugend stürmte, sagt: „Jerome hat zuletzt einen unheimlichen Sprung gemacht.“ Später, in der U23, setzte Trainer Karsten Heine ihn vor allem auf der rechten Außenbahn ein, „weil er unheimlich schnell ist und eine gute Flankentechnik besitzt“.

Bei den Profis in Belek gehe natürlich alles viel schneller zu, „und man muss viel robuster sein als bei den Amateuren“, hat Kiesewetter schnell festgestellt. Als er bei Hertha BSC noch in der U17 spielte, wurden US-amerikanische Scouts auf ihn aufmerksam. „Bei Olympia in London für Amerika zu spielen, wäre ein Traum“, sagt Kiesewetter. Ein paar Mal war er schon in den Staaten – „in einigen großen Städten, in New York und Chicago“. Aber ein Vier-Augen-Gespräch mit Jürgen Klinsmann, das gab es noch nicht. Da ist sein Teamkamerad bei Hertha, Alfredo Morales, schon einen Schritt weiter.