Jesse Owens: Im Speiseaufzug zur eigenen Ehrung

Berlins vergessene Sehenswürdigkeit liegt in Brandenburg. Hinweisschilder gibt es kaum. Hat man das Gelände in Elstal westlich der Berliner Stadtgrenze gefunden, fällt zuallererst auf, wie wenig dort los ist. Das Dröhnen eines Rasenmähers stört die Beschaulichkeit. An einem kleinen Häuschen verkauft ein gelangweilt wirkender Mitarbeiter die Eintrittskarten, zwei Euro das Stück, und brummt dann: „Sie können mal in die Turnhalle schauen. Die ist offen. Sind die Handwerker drin.“

Jesse Owens, der hier Ende Juli 1936 mit Kollegen des US-Teams eingetroffen war, hatte das Olympische Dorf der Spiele von Berlin im Gespräch mit deutschen Hörfunkreportern noch als „eines der sieben Weltwunder“ gepriesen. Vielleicht war er auch einfach nur höflich. Der Sohn, zehntes und letztes Kind armer Kleinpächter aus Oakville/Alabama, war ein ausnehmend freundlicher Mensch. Das trug und trägt nicht unwesentlich zu seinem Mythos bei.

Vieles spricht dafür, dass sich Jesse Owens im Olympischen Dorf wohlfühlte. Das rassistische NS-Regime drangsalierte und diskriminierte die deutschen Juden auf jede nur erdenkliche Weise und hatte im Jahr zuvor die schändlichen Nürnberger Gesetze erlassen, aber in der olympischen Parallelwelt schliefen schwarze und weiße US-Athleten unter demselben Dach. In den meisten Hotels in den Vereinigten Staaten war das zur selben Zeit wegen der dort praktizierten Rassentrennung undenkbar. Die Unterkunft der US-Leichtathleten um Owens im Olympischen Dorf der Spiele von 1936 beherbergt eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung, in deren Mittelpunkt der vierfache Goldmedaillen-Gewinner steht.

Geschichten und Anekdoten über Jesse Owens Auftritte in jenen Augusttagen in Berlin, die ihn unsterblich machten, füllen unzählige Bücher und Dokumentarfilme. Dass er im Weitsprung-Wettkampf spontan Freundschaft mit dem deutschen Konkurrenten und späteren Silbermedaillengewinner Carl-Ludwig Long schloss, ist ein berühmtes und gern zitiertes Beispiel dafür, welche Wirkung der Sport im besten Fall zu entfalten vermag. Das Jahrhundert-Foto, das zeigt, wie die beiden in fast intimer Vertrautheit entspannt nebeneinander an der Weitsprung-Anlage liegen, hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt.

Einstiger Star der Spiele

Aber weder beginnt noch endet Jesse Owens’ Geschichte mit der Heldensaga aus dem Berliner Olympiastadion, wo er, erst 22-jährig, mit Siegen über 100 und 200 Meter, im Weitsprung und mit der US-Sprintstaffel zum Star der Spiele wurde; bejubelt von einem Publikum, das ihn der nationalsozialistischen Weltanschauung zufolge doch hätte als Untermenschen verachten müssen. Es war ein weiter und beschwerlicher Weg vom armen Südstaaten-Jungen zum ersten Superstar der Leichtathletik. Ausgrenzung und Erniedrigung waren dabei alltägliche Erfahrungen. Zwar konnte sich Jesse Owens, der als Neunjähriger mit seiner Familie nach Cleveland/Ohio umgesiedelt war, wegen seines auffälligen Talents an der Ohio State University in Columbus einschreiben. Doch durfte er als schwarzer Student nicht auf dem Campus wohnen. Und bei auswärtigen Wettkämpfen musste sich er und die anderen schwarzen Athleten der „Buckeyes“ von der Ohio State Essen von den weißen Teamkollegen mitbringen lassen, weil sie selbst nicht bedient worden wären.

„Er erhielt eine akademische Ausbildung wegen seiner athletischen Fähigkeiten, ein Stipendium bekam er nicht“, betont Marlene Owens Rankin, die mittlere seiner drei Töchter. Das wird in einigen der vielen Biografien, die über ihren Vater verfasst wurden, anders dargestellt. Der schnelle Junge aus dem Süden, der eigentlich J. C. hieß, was als Jesse missverstanden wurde und haften blieb, schlug sich mit Jobs durch – und trainierte. Sein großer Durchbruch kam im Mai 1935 bei einem Hochschulmeeting in Ann Arbor/Michigan, wo Owens binnen 45 Minuten drei Weltrekorde aufstellte. Über Nacht war „The Buckeye Bullet“, das Kastanien-Geschoss, zum olympischen Medaillenkandidaten geworden.

Allerdings hatte Owens Bedenken, die Schiffsreise über den Atlantik anzutreten. In den USA war wegen der fortschreitenden Entrechtung und Verfolgung der Juden im NS-Staat eine heftige Kontroverse um einen möglichen Olympiaboykott ausgebrochen. In einem Radiointerview zwei Monate nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze, die Juden ihrer Bürgerrechte vollends beraubten und ihnen die Ehe mit Partner „arischer Abstammung“ verboten, sagte Owens: „Sollte in Deutschland eine Minderheit diskriminiert werden, müssen wir uns von den Spielen zurückziehen.“ Die Aufregung war groß. Und Owens’ Hochschultrainer Larry Snyder, ein Weißer, der sein Vertrauen besaß, bearbeitete die große Goldhoffnung ausgiebig. Er überzeugte den späteren vierfachen Olympiasieger schließlich, in Berlin anzutreten.

Sprints gegen Pferde

Noch einmal schien im Verlauf der Spiele in Berlin deutlich auf, dass Jesse Owens die politische Dimension dessen, was um ihn herum vorging, durchaus bewusst war. Nachdem er Olympiasieger auf beiden Sprintdistanzen und im Weitsprung geworden war, tat sich die Frage nach der Zusammensetzung der favorisierten US-Sprintstaffel auf. Owens fand, er habe schon genug Lorbeer eingesammelt. Er sprach sich dafür aus, die im Umgang mit dem Staffelholz geübteren und ursprünglich auch fürs US-Quartett vorgesehenen Marty Glickman und Sam Stoller einzusetzen.

Warum dies letztlich nicht geschah und statt ihrer der ebenfalls schwarze 100-Meter-Silbermedaillengewinner Ralph Metcalfe und Owens antraten, wird bis heute heftig diskutiert. Der Verdacht liegt nahe, dass die US-Delegation unter Leitung des Präsidenten des Amerikanischen Olympischen Komitees und späteren IOC-Präsidenten Avery Brundage, der einen bemerkenswert freundlichen Umgang mit den Nazis pflegte, den Auftrag gab, die beiden jüdischen Sprinter aus dem Team zu nehmen. Aus Rücksicht auf die Gefühle des sensiblen Sportsfreund Adolf Hitler.

So kam Jesse Owens ein wenig unfreiwillig zu seiner vierten Goldmedaille. Doch auch die sollte ihm in den kommenden Jahren seines Lebens kein Glück bringen. Weil der müde Goldjunge seinem Versuch, den frischen Ruhm der US-Athleten bei einer Europatournee zu (Verbands-)Geld zu machen, durch seine frühzeitige Heimreise einen Strich durch die Rechnung machte, sorgte Brundage dafür, dass Owens seinen Amateurstatus verlor.

So wurde eine der größten Karrieren der Leichtathletik-Geschichte zugleich eine der kürzesten. „Als mein Vater aus Berlin heimkehrte, gab es keine lukrativen Zusatzeinnahmen für Leichtathleten, wie das heutzutage der Fall ist“, erläutert Tochter Marlene. Und: „Er musste Arbeit finden, um seine Familie ernähren zu können. Und das war für Afro-Amerikaner damals schwierig, sogar dann, wenn man Jesse Owens war.“

Der vierfache Olympiasieger ging mit einer Band auf Tournee und sprintete für Bares vor Spielen der schwarzen Baseballliga gegen Rennpferde. Er versuchte sich als Unternehmer und ging pleite, weil ihn seine Geschäftspartner betrogen. Es waren harte Jahre für Jesse Owens und seine Familie. Aber Marlene Owens Rankin verweist darauf, dass es vielen anderen schwarzen Familien damals weitaus schlechter ging. „Weil mein Vater Jesse Owens war, hatte er Möglichkeiten, die andere nicht hatten. Und er bekam Jobs, die andere nicht bekamen.“

Es sollte aber viele Jahre dauern, bis sich sein großartiger Erfolg tatsächlich auszahlte in einem Land, in dem er nach seiner Heimkehr und einer Parade zu seinen Ehren im Hotel den Speiseaufzug nehmen musste, um zu einem Empfang zu gelangen, der einzig und allein ihm galt. Einem Land, dessen damaliger, für seine Sozialreformen zu Recht gerühmter Präsident Franklin D. Roosevelt den König der Spiele von Berlin erst gar nicht empfing.

Es waren seine Fähigkeiten als Redner, die Jesse Owens schließlich einen Weg aus den ökonomischen Problemen finden ließen. „Er konnte die Leute mitreißen“, erinnert sich seine Tochter. „Weil er eine Geschichte zu erzählen hatte. Eine, die die Leute hören wollten.“ Der Mann, für den Berlin immer ein besonderer Ort blieb und der nach dem Krieg dorthin zurückkehrte, wurde heute vor hundert Jahren geboren. Der starke Raucher starb am 31. März 1980 an Lungenkrebs.