BerlinDer Deutsche Fußball-Bund hat Joachim Löw eine goldene Brücke zum Rücktritt gebaut – jetzt muss der schwer beschädigte Bundestrainer nur noch den Mut aufbringen, sie zu beschreiten. Das Verbandspräsidium mit Fritz Keller an der Spitze teilte am Montag auf elf dürren Zeilen mit, dass Löw bis zum 4. Dezember Zeit zur Analyse der dramatischen Lage bekomme, „das gehört sich so“. Doch wer die Erklärung genau liest, erkennt den Sprengstoff für Löw.

Zum einen hat sie wegen der klaren Festlegung auf ein Datum etwas von einem Ultimatum. Zum anderen gibt das Führungsgremium Löw bei der einstimmig eingeforderten Aufarbeitung der 0:6-Schmach in Spanien klar die Richtung vor: Es erwartet eine sportliche Einschätzung, „um die Ursachen der deutlichen Niederlage von Sevilla zu analysieren“. Und eine persönliche, „um die eigene große Enttäuschung zu verarbeiten“. Der zweite Halbsatz liest sich wie ein Schubser in Richtung selbst gewählter Abschied. Nach dem Motto: Lieber Jogi, nutze die innere Einkehr zur Adventszeit und beantworte uns die Frage, ob du noch der Richtige bist.

Namentlich wird Löw wie schon in Kellers Stellungnahme am Tag nach der historischen Pleite nicht genannt. Um ihn öffentlich nicht noch weiter zu beschädigen? Stattdessen räumt das Präsidium „dem Bundestrainer“ großzügig Zeit ein, um „emotionale Distanz“ zu gewinnen für die verlangte „grundlegende“ Analyse. Diese soll ausdrücklich nicht nur diesen einen, vom DFB als „einmaligen Blackout“ gedeuteten schwarzen Abend, sondern „die aktuelle Situation der Nationalmannschaft“ umfassen.

Dazu bestätigte der DFB, was verschiedene Medien berichtet hatten: Nicht Löw selbst, sondern Oliver Bierhoff soll die Erkenntnisse dem Präsidium, dem er als Direktor Nationalmannschaften und Akademie selbst angehört, vorstellen. Inhaltlich will die Verbandsführung drei Tage vor der Auslosung der WM-Qualifikation „Erfahrungen aus der Niederlage gegen Spanien, aber auch die Gesamtentwicklung der Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren“ dargestellt bekommen.

Anschließend will das Präsidium über die gesammelten Erkenntnisse „beraten“. Über mögliche Ergebnisse und „nächste Schritte“ werde „zum gegebenen Zeitpunkt“ informiert. Ende. Auch für Löw? Die Gemengelage ist für den Bundestrainer bedrohlicher denn je. Umfragen belegen, dass sich das Fanvolk sehnlichst einen Neuanfang wünscht. Auch den Rückhalt der Medien hat Löw vollkommen verloren.

„Die Nationalmannschaft braucht einen Erneuerer wie Rangnick“, schreibt das Fachblatt „kicker“. Die mächtige „Bild“, nach dem historischen WM-Desaster 2018 noch pro Löw, hat sich abgewendet und zählt die Tage bis zum 4. Dezember wie einen Countdown zur Trennung herunter. Führende Köpfe der übertragenden Sender ARD und ZDF fordern Löws Ablösung. Die „FAZ“ trommelt dafür schon länger, die „Süddeutsche“ macht sich über Löw lustig, empfiehlt einen „Coaching-Kurs für Anfänger“ und urteilt: „Löw umgibt nur noch eine entfremdet wirkende Wunderlichkeit.“

Längst stehen Fragen im Raum wie: Wer erreicht Löw noch? Auf wen hört er in dieser für ihn so toxischen Situation? Der Profifußball hält sich mit Forderungen nach seiner Demission zurück. Als entlastend werden die souveräne EM-Quali und die Tatsache angeführt, dass in der Nations League bis zum Debakel von Sevilla der Gruppensieg möglich war.

Andererseits fehlt vielen die Fantasie dafür, wie Löw bis zur EM für einen Stimmungsumschwung sorgen will. Auf Kernfragen wie jene nach System oder Hierarchie in seiner umgebauten Mannschaft scheint er keine Antworten zu haben. Die Antwort auf die Frage nach seiner Zukunft muss Löw sich nun selbst geben.