Am Boden: Leroy Sané nach dem 1:1 der deutschen Elf gegen die Schweiz.
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BerlinVermutlich hätte nichts besser zu einem besorgten Bundestrainer gepasst, als ein dunkler Vorhang im Hintergrund, der sich nur geringfügig vom schwarzen Rollkragenpullover abhob, den Joachim Löw bei seinem nächtlichen Vortrag trug. Im Medienzentrum des im St.-Jakob-Park von Basel, im Schweizer Sprachgebrauch nur „Joggeli“ genannt, redete der Bundestrainer wie ein Theaterregisseur, der einer fehlerhaften  Probe beigewohnt hatte, die er selbst inszeniert hatte. Dass das 1:1 gegen die Schweiz im zweiten Nations-League-Gruppenspiel demselben Spielfilm folgte wie drei Tage zuvor dem 1:1 gegen Spanien, schien den 60-Jährigen nicht sonderlich zu überraschen.

Dem guten Anfangsniveau folgte ein schlechtes Ende. „Wenn wir die Dinge umsetzen, haben wir immer gute Aktionen, gewinnen Bälle, bekommen Chancen. Aber wir machen es nicht über 90 Minuten“, konstatierte Löw, der seinen Spielern aufgetragen hatte: „Durchdecken gegen den Mann.“ Dass diese anspruchsvolle Vorgabe nicht durchzuhalten war, hatte der Südbadener nahe seiner Heimat beinahe billigend in Kauf genommen. Sein Fazit: „Die Gefühle sind ein bisschen gemischt. Ich habe gesagt, Entwicklung ist wichtig, aber natürlich will man die Spiele gewinnen.“ In sechs Anläufen in dem Wettbewerbsformat Nations League fehlt Deutschland immer noch ein Sieg. Der Abstieg wurde zur Premiere bekanntlich nur durch die Aufstockung der A-Kategorie verhindert.

Neben „guten Erkenntnissen“ (Löw) sind gute Ergebnisse auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Ein weiteres Abrutschen in der Fifa-Weltrangliste hätte Folgen: Im November wird bereits die WM-Qualifikation ausgelost, und nur die zehn bestplatzierten Nationalteams sind als Gruppenköpfe gesetzt. Allein die Gruppensieger qualifizieren sich auf direktem Wege für die WM 2022. Zehn Gruppenzweite und zwei Nations-League-Bestplatzierte balgen sich in Playoffs um nur noch drei freie Plätze.

Die DFB-Auswahl für das Freundschaftsspiel in Köln ist gut beraten, gegen die Türkei (7. Oktober) und die Nations-League-Gruppenspiele in der Ukraine (10. Oktober) und gegen die Schweiz (13. Oktober) in den Gewinnermodus zu schalten. Nur 6,51 Millionen Fernsehzuschauer beim ZDF – eine Niederlage im Quotenduell mit dem ARD-„Tatort“ – sind ein weiteres Indiz, auf welch schmalem Grat das Aushängeschild des deutschen Fußballs gerade wandelt.

Löw hat verinnerlicht, dass sich auch seine Bringschuld vergrößert, wenn die nächsten Länderspieltermine mit je drei Partien in sieben Tagen anstehen:  „Wir werden mit der vollen Kapelle antreten im Oktober und November. Es werden sieben, acht Spieler zurückkommen, die bei uns eine wesentliche Rolle spielen.“ Im Oktober und November werde man richtig angreifen: „Dann werden wir auch Spiele gewinnen.“ Dafür braucht es aber mehr Entschlossenheit, für deren Mangel exemplarisch der noch bei Paris St.-Germain spielende Julian Draxler steht.

Und bei der Kommunikation ist noch einiges zu tun: Beinahe entlarvend, wie wenig sich die Akteure auf dem Platz coachen. Löw hatte das eigens noch thematisiert, denn: „Wenn man sich lautstark coacht, gibt das Energie und ist eine große Hilfestellung. Auch da müssen wir besser werden.“ Einer wie Joshua Kimmich als zentraler Kommandogeber soll bald wieder den Lautstärkepegel heben. Die ersten beiden Geisterspiele der deutschen Länderspielgeschichte waren schließlich von einem Spannungsabfall geprägt, der nicht nur mit dem frühen Saisoneinstiegszeitpunkt oder einer nicht eingespielten Mannschaft erklärt werden kann.

Rechtsverteidiger Thilo Kehrer empfahl „einen Tick mehr Widerstandsfähigkeit und Cleverness“. Auch Ersatzkapitän Toni Kroos wirkte beim ZDF-Interview gefrustet: „Es war leider ähnlich wie gegen Spanien. Wir können definitiv daran arbeiten, dass wir da mehr Lösungen haben und als Mannschaft mehr Selbstvertrauen.“ Der Taktgeber  von Real Madrid empfahl, dass Mitspieler auch in Phasen den Ball fordern, in denen es nicht so gut läuft. Nebenmann Ilkay Gündogan äußerte sich „ein bisschen angepisst“. Grund: „Wir haben Bälle vorne unnötig verloren, die wir festmachen können. So fällt auch das Gegentor, wo wir unbedrängt einen Fehlpass spielen. Auf dem Niveau darf das nicht passen.“ Damit übte der Torschütze zum 1:0 (14.)  klare Kritik am eingewechselten Julian Brandt, der mit seinem schludrigen Ballverlust das 1:1 durch Silvan Widmer (58.) verschuldete.

Der unter Pep Guardiola bei Manchester City zum Ballbesitzfußball erzogene Gündogan ärgerte sich öffentlich am meisten über den zunehmenden Kontrollverlust. „Wir hätten es einfach eiskalt durchspielen müssen. Das fehlt uns. Ich weiß nicht, ob es eine Qualitätsfrage ist. So verschenken wir zwei Punkte.“ Löw hatte indes genau das kommen sehen: „Es war mir klar, dass wir es nicht über 90 Minuten schaffen, die Kontrolle zu bewahren und alles richtig zu machen.“ Immerhin redete er nun bereits so konkret über die Planungen für die nächste Zusammenkunft, als könne er es nicht erwarten, dass der Vorhang für seine Nationalelf schnell wieder aufgeht.