Nicht immer faltenfrei: Bundestrainer Joachim Löw.
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KölnDie Zusammenarbeit zwischen einer bekannten Marke für Hautpflegeprodukte und Joachim Löw besteht fast so lange wie sein Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Vor einem Jahr entstand ein Werbesport mit dem Bundestrainer, wie er sich eine Gesichtscreme aufträgt, die auf einer wilden Fahrradtour wertvolle Dienste leistet. Die regelmäßige Verwendung hat trotzdem nicht verhindert, dass der 60-Jährige zuletzt Gesichtszügen offenbarte, die einige Anspannung verrieten. Ein sorgenfreies Antlitz beim obersten Fußballlehrer des Landes war jedenfalls gestern. Aber kann das verwundern, wenn einer in der Corona-Krise zwar recht ungestört abtauchen darf, dann aber vier Länderspiele unter stark erschwerten Umständen genügen, um den Bundes-Jogi zum Buhmann der Nation machen?

So jedenfalls kommt sich Löw in seinem Selbstverständnis vor, wenn er den prominenten Reigen seiner Kritiker über Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, Ex-Bundestrainer Berti Vogts bis hin zu Weltmeister Bastian Schweinsteiger bewerten soll. In einem viereinhalbminütigen Monolog aus dem fernen Kiew hatte der 60-Jährige am Wochenende auch berechtigte Einwände – angefangen vom Verzicht auf Thomas Müller bis hin zum Festhalten an einer Dreierkette - mit einer Bemerkung ins Leere laufen lassen: Solche Ratschläge über System, Taktiken und Spieler höre er seit 16 Jahren, „von daher stehe ich über den Dingen, was Kritik betrifft.“

Dass nun sogar das Fachmagazin „Kicker“ gehörige Zweifel an einer „dünnhäutigen und selbstherrlichen Replik“ anmeldete und „arrogant wirkende Sprüche“ verortete, konnte und wollte der Südbadener vor der Nations-League-Begegnung gegen die Schweiz (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) nicht mehr unwidersprochen stehen lassen. Anscheinend gibt es auch beim gemeinhin auf Ausgleich bedachten Mann eine Toleranzgrenze. „Als dünnhäutig und arrogant würde ich mich nicht bezeichnen. Ich sage, wie ich es meine. Ich benenne die Dinge so, wie ich sie empfinde“, stellte Löw am Montag auf der digitalen Pressekonferenz heraus. Derlei Vorhaltungen perlen an ihm eben doch nicht ab wie Starkregen an einer Öljacke.

Mit seinen Erklärungen verknüpft war ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit in der Fußball-Nation Deutschland. Grundsätzlich würden die Experten nicht zu weit gehen. „Im Fußball gibt es unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Auffassungen. Für mich ist das nicht respektlos. Wenn alle einer Meinung wären, wäre es langweilig.“ Er selbst steckt in dem Dilemma, dass er es in einer schwierigen Gemengelage eigentlich keinem recht machen kann. Egal was er bei dem zusammengepferchten Terminplan entscheidet: Entweder sind Vereine beleidigt, Spieler überlastet oder Fans enttäuscht.

Keine Zuschauer in Köln

Hätte er Anfang September die Stars des FC Bayern aus dem Urlaub geholt, wäre der Sturm der Entrüstung vom wichtigsten Zulieferer losgebrochen. Der bestbezahlte DFB-Angestellte war einer der wenigen Nationaltrainer, der die drei Länderspiele in einer Abstellungsperiode als sinnlos geißelte – und sich damit gegen seinen eigenen Arbeitgeber stellte. Löw argumentiert zudem, dass er schon immer das große Ganze betrachtet. „Wir sind überzeugt von unserem Plan, den werden wir durchziehen.“ Immerhin hat er sich bei der Nations League auf den Kompromiss eingelassen, „Ergebnisse und Entwicklung“ einzufordern.

Gut wäre für Löw, wenn sich seine Mannschaft gegen die gut organisierten Schweizer keinen Spannungsabfall leistet. „Ich erwarte Konzentration, mehr Präzision und diesmal die richtigen offensiven Akzente“, forderte der Bundestrainer. Für den angeschlagenen Julian Draxler (Achillessehne) dürfte Timo Werner spielen, für den ebenfalls lädierten Marcel Halstenberg (Adduktoren) auf der linken Außenbahn der offensivere Robin Gosens beginnen. Auch bei Lukas Klostermann (Knieprobleme) ist ein Mitwirken fraglich.

Ansonsten soll sich das Team beim nächsten Geisterspiel weiter finden. Wegen der hohen Corona-Infektionszahlen erging erneut die Ansage, dass keine Zuschauer zugelassen sind. Der DFB verzichtete auch darauf, 300 Besucher per Sonderantrag ins Stadion zu lotsen. Zur Aufführung vor den verwaisten Rängen kommt abermals die nicht unumstrittene Dreierkette, weil Löw partout mit Blickrichtung auf die EM und Gruppengegner wie Frankreich und Portugal diese Verteidigungsoption hoffähig machen möchte. „Zu viert können wir hinten immer spielen.“

Nicht auf Knopfdruck lässt sich das Interesse an der Nationalmannschaft regulieren. Der Bundestrainer glaubt, dass die historisch schlechte Quote gegen die Türkei (6,77 Millionen bei RTL) und der schwache Wert in der Ukraine (7,53 Millionen in der ARD) zum Phänomen eins schwindenden Interesses gehörten, das stets zwischen den Turnieren auftrete. „Ich bin sicher, dass es im nächsten Jahr, wenn dann Deutschland gegen Frankreich spielt, die Einschaltquoten in dem Maße wieder steigen, dass es der Nationalmannschaft angemessen ist“, sagte Löw. „Dann ist die Nationalmannschaft wieder das Wichtigste im Land.“ Und der Bundestrainer ihr faltenfreier Werbeträger?