Leroy Sané muss einem Mammutprogramm körperlich Tribut zollen.
Foto: Imago Images

StuttgartEs ist nicht davon auszugehen, dass Joachim Löw an den Plakaten halt gemacht hat, die Fußballfans im Stuttgarter Neckarpark aufgestellt hatten. Aber hatte die Basis an einem lauen schwäbischen Sommerabend mit dem ersten Pflichtspiel der Saison nicht dieselbe Botschaft wie der Bundestrainer parat?

„Der Fußball braucht Veränderung! DFB & Vereine: Euer System krankt mehr denn je. Der Sport verliert seine Basis! Handelt jetzt!“ Das stand auf den mit Kabelbinder befestigten Schildern. Die vielen Ausrufezeichen benutzte gedanklich auch Löw, als er nach dem 1:1 gegen Spanien zum Auftakt der Nations League in der Arena erst am ZDF-Mikrofon und dann in der digitalen Pressekonferenz den Finger tief in jene Wunde legte, die durch die Gier nach immer mehr Wettbewerben entstanden ist. Seine Mahnung klang im höchsten Grade besorgt. Der Tenor: So kann das 2020/21 nicht gut gehen. „Die Spieler brauchen Verschnaufpausen.“

Ihm kam es zudem wie ein Treppenwitz vor, dass die Uefa ausgerechnet in der sportlich längst nicht so werthaltigen Nations League keine fünf Auswechslungen erlaubt, wo sich diese Maßnahme zur Schonung der Spieler bereits in Champions League und Europa League bewährt hatte: „Gerade jetzt! Gerade jetzt hätte man es gebraucht.“

Leroy Sané von Krämpfen geplagt

Weil einige Spieler fast direkt aus dem Urlaub angereist seien, andere noch mitten in der Vorbereitung stecken würden, seien die Akteure hüben wie drüben „auf dem Zahnfleisch“ gegangen. Der Ausgleich durch Luis Jose Gaya (90.+6) als ganz späte Antwort auf das schön herausgespielte Führungstor von Timo Werner (51.) hatte Löw „fast erwartet“: weil Kraft und Konzentration rapide abgesackt waren.

Rückkehrer Leroy Sané wurde bei seinem Comeback nach 63 Minuten von Krämpfen geplagt ausgewechselt. Später sagte der von seinem Kreuzbandriss genesene Neuzugang des FC Bayern, er sei derzeit allenfalls „bei 80 Prozent“ des Leistungsvermögens. So ergeht es vielen, wenn auch aus anderen Gründen. Löw hätte am liebsten der Hälfte seiner Feldspieler nur Teilzeiteinsätze gegönnt. „Ich bin da extrem sensibel, empfindlich.“ Von null auf hundert funktioniert auch im normalen Leben in den seltensten Fällen.

Am medienfreien Ruhetag im sonnigen Ländle verordnete der Bundestrainer zuvorderst Regeneration, und wenn am Sonnabend die nicht so weite Reise nach Basel erfolgreich überstanden ist, wird Löw seine Mannen beim Abschlusstraining im St. Jakob-Park nicht wie Rennpferde über den Rasen scheuchen. Im Gegenteil: „Wir werden nicht so viel machen. Einige Spieler sind richtig platt.“

Folglich wird genau hingeschaut, wer für den zweiten Vergleich gegen die Schweiz (Sonntag 20.45 Uhr, ZDF) infrage kommt. Eine umfassende Rotation kündigt sich an, weil der Bundestrainer die Nations League zwar ganz nett findet, aber viel besser schmeckt dem Espresso-Liebhaber die EM-Endrunde. Er müsse mal ganz ehrlich sagen: „Mir sind die Ergebnisse in der Nations League nicht das Allerwichtigste. Ich möchte Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung.“ Niemand kann das Wort dreimal so mit Nachdruck betonen wie der südbadische Bewahrer der alten Fußball-Werte.

Dem 60-Jährigen schwant indes Böses, wenn er auf den zugepflasterten Terminplan fast ohne Winterpause blickt. Über das „Hammerprogramm“ sei er nicht glücklich, da sich die Belastung „auf die Gesundheit, die Fitness und die Qualität niederschlägt“. Im März, April und Mai nächsten Jahres, so eine düster klingende Prophezeiung, würden die Topspieler „ausgelaugt“ sein. Das sei „auf Jahre nicht zu verkraften“.  Einerseits mag es ja verwunderlich klingen, wenn ein Fußballlehrer nach dem ersten Auftritt nach fast zehn Monaten Auszeit über Überlastung klagt, andererseits hat sich Löw über anderthalb Jahrzehnte eine Unabhängigkeit bewahrt, die ihm die Freiheit verschafft, sich sogar gegen Interessen seines Arbeitgebers zu stellen.

Denn der DFB betont ja unablässig, „das Länderspiele für uns eine Art wirtschaftliche Lebensversicherung sind“, wie es Generalsekretär Friedrich Curtius  formuliert. Deshalb spielt die A-Nationalmannschaft im Herbst 2020 im Akkord, da mit den Erlösen Frauen-, Amateur- und Jugendfußball querfinanziert werden. Löw beschränkt sich indes auf die sportliche Bewertung für seine Mannschaft, als er die zusätzlich abgemachten Freundschaftsspiele gegen die Türkei (7. Oktober) in Köln und gegen Tschechien (11. November) in Leipzig als überflüssig bezeichnete: „In zehn Tagen drei Spiele wie im Oktober und November – damit bin ich nicht einverstanden. Dass man da noch zwei Freundschaftsspiele reinlegt, macht aus sportlicher Sicht wenig Sinn. Der Terminkalender ist wahnsinnig voll. Ich habe immer gesagt, die Gesundheit der Spieler steht über allem.“ Gerade in Corona-Zeiten sollte das ja wohl erste Prämisse sein, hätte er nach einem vielerlei umstrittenen Geisterspiel, dem ersten der deutschen Länderspielgeschichte, noch anfügen können.