Jochen Schümann am Steuer der „Alinghi“ beim America’s Cup.
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BerlinWo Jochen Schümann an diesem Montag seinen 66. Geburtstag verbringen wird? Sonst war er an seinen Ehrentagen ja auf einer luxuriösen Jacht bei Sonne, Wind und Wellengang. „Im Moment kann ich ja meinem Beruf und meiner Berufung nicht nachgehen“, sagt Deutschlands erfolgreichster Segler, einer der weltbesten in seinem Metier. Und das ist er seit über 40 Jahren! „Corona ist schuld, sämtliche Regatten fallen erst mal aus“, klagt der gebürtige Berliner Schümann. So wurde die traditionsreiche „Travemünder Woche“ abgesagt, die berühmte „Kieler Woche“ vorerst in den September verlegt. „Das ist eine sehr ungewohnte Situation“, sagt Schümann am Telefon, „untätig zu sein ist nicht mein Ding.“

Den dreimaligen Olympiasieger und zweimaligen Gewinner des prestigeträchtigen America’s Cup zu erreichen, erfordert Glück und Geduld. Sehr oft befindet sich Schümann nicht zu Hause bei seiner Familie im bayerischen Penzberg, wohin er wegen seiner Tätigkeit als Sportlicher Direktor des einstigen Daimler-Benz-Projektes „Aerosail“ 1992 zog. Meist hält er sich an traumhaften Orten auf, wo er als Steuermann, Taktiker oder Berater auf exklusiven und superschnellen Jachten unterwegs ist. Die Mittelmeerküste vor Valencia oder bei St. Tropez oder Reviere vor Sardinien gehören etwa dazu. Rund 100 Tage im Jahr ist er noch immer auf dem Wasser.

Jochen Schümann
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Seinen 65. Geburtstag verbrachte er im Vorjahr auf einer 30 Meter langen und sieben Meter breiten Yacht namens „Magic Carpet 3“ bei der Regatta „Loro Piana“ vor Porto Cervo an der Küste von Sardinien. Als sogenannter Taktiker führte er die Jacht des Eigners Sir Lindsay Owen-Jones, einst Chef des Kosmetikkonzerns L’Oreal, auf Platz eins. Standesgemäß eben für einen Erfolg verwöhnten Segler, der neben Olympiagold und der exklusiven Silberkanne beim America’s Cup auch viermal Welt- und elfmal Europameister wurde. Man nimmt es Jochen Schümann, aufgewachsen in Köpenick, ein Mann, der den Müggelsee liebt, natürlich ab, wenn er schwärmt: „Segeln ist die perfekte Kombination aus Natur, Spaß und Intellekt. Diese Mischung macht für mich Segeln zu einem traumhaften Sport.“

Die Weltkarriere des Jochen Schümann kann man in drei Kapitel einteilen. Die Anfänge und großen Erfolge in der DDR, später die Fortsetzung im vereinigten Deutschland. Sechs Olympiateilnahmen stehen in seiner Vita. Danach folgten die Tätigkeiten als Sportdirektor und  Steuermann bei verschiedenen Projekten in der exklusiven Segelwelt – auch rund um den America’s Cup, der ältesten Segelregatta überhaupt. Dort betragen die Budgets der Super-Jachten meist mehr als 100 Millionen Dollar. Milliardäre stehen im Hintergrund, die sich diese Prestigeobjekte leisten.

An solche Summen oder Projekte war nicht einmal in den kühnsten Träumen zu denken, als sich Schümann 1984 im Soling-Boot mit dem Namen „Grand mit Dreien“ zusammen mit seinen beiden Vorschotern Thomas Flach und Bernd Jäkel vom SC Berlin-Grünau aufmachte, die Segel-Welt zu erobern.  Das Klubgelände liegt im Ortsteil Friedrichshagen, direkt an der Müggelspree. Schümann war damals schon ein berühmter Mann in seiner Zunft. Als 12-Jähriger hatte er auf dem Müggelsee begonnen, wurde Spartakiade-Sieger.

Schon 1976 bei Olympia in Montreal segelte er im kleinen Finn-Dinghy, einem Ein-Mann-Boot, zu Gold. Damals war er gerade 22 Jahre jung.

Das Trio  Schümann/Flach/Jäkel aus Berlin – der smarte, stets sonnengebräunte Steuermann und seine beiden bärtigen Mitstreiter – stiegen zur erfolgreichsten Segel-Crew der Welt im olympischen Bereich auf, gewannen Gold 1988 vor Busan in Südkorea und 1996 vor Savannah in Georgia (USA) und standen 15-mal auf dem Podest bei Welt-und Europameisterschaften. „Wir haben jedes Jahr eine Medaille gewonnen“, sagt Bernd Jäkel, 66, „und wir haben Olympiagold für die DDR und später für das wiedervereinigte Deutschland geholt. Das macht mich schon stolz.“ Jäkel sieht die Ursachen für die Triumphe auch in der harten Konkurrenz einst im eigenen Klub in Grünau. „Mit der Crew Nauck, Hellriegel, Diedering haben wir uns hart duelliert, unter Steuermann Helmar Nauck holte diese Mannschaft 1987 den Weltmeistertitel. Das hat uns zusätzlich angespornt.“

Jäkel, heute Vater von zwei Kindern und fünffacher Opa, sagt: „Wir haben als Crew oft perfekt harmoniert und uns gut verstanden. Mit Jochen besaßen wir den besten Steuermann, der immer nach totaler Perfektion strebte. Nach dem zweiten Gold 1996 sind wir aber bewusst und als Freunde auseinandergegangen.“ Jäkel erzählt eine kleine Episode von Olympia 1996. „Thomas Flach hatte ja einen mächtigen Schnauzbart und ich einen kleineren. Das waren auch irgendwie Markenzeichen. Wir hatten in Amerika gewettet – holen wir Gold, rasieren wir die Bärte ab. Das passierte dann noch vor der Siegerehrung. Auf dem Podest hatten wir beide sehr weiße Stellen unter der Nase.“ Jäkel ist noch heute Kassenwart beim Jachtclub in Grünau, besitzt ein Segelboot und nimmt mit seinem Sohn an kleinen Regatten teil.

Thomas Flach, 63, arbeitet in Berlin als Verwaltungsleiter im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und ist seit 1999 Vereinschef beim Berliner Tourenseglerclub Blau-Weiß. „Bis 2019 bin ich auch noch kleinere Regatten gesegelt“, berichtet Flach.

Ganz anders verlief die Karriere von Diplom-Sportlehrer Jochen Schümann, nachdem die Soling-Crew 1996 auseinanderging. Noch einmal machte er sich auf, Olympiagold zu gewinnen – nun mit den neuen Vorschotern Gunnar Bahr und Ingo Borkowski. Doch vor der Traumkulisse an der Oper von Sydney unterlag er im Jahr 2000 im Match Race, dem Zweikampf Boot gegen Boot, gegen seinen ewigen Konkurrenten Jesper Bank aus Dänemark. Es war wohl nach einem finalen Drama seine bitterste Niederlage.

Jochen Schümann hat ein großes Projekt im Sinn

Mit Silber konnte er sich nie anfreunden. Doch schon da hatte Schümann ein anderes großes Projekt im Sinn – fernab von Olympia. Schon bei seinem ersten Gold 1976 in Montreal hatte er den Australier John Bertrand kennengelernt, der Bronze im Finn-Dinghy gewann. Der spätere Sieger im America’s Cup (1983) erzählte Schümann von dieser Super-Regatta. „Damals habe ich zum ersten Mal etwas von diesem Riesen-Ereignis mitbekommen“, sagt Jochen Schümann in der Nachschau.

Es war der Biotech-Milliardär Ernesto Bertarelli, ein italienisch-schweizerischer Unternehmer, der sich fest vorgenommen hatte, den sieggewohnten Neuseeländern die Silberkanne zu entreißen. Er landete einen Coup und verpflichtete Schümann als Sportdirektor von „Alinghi Challenge“. Schümann zog nach Auckland und gewann 2003 mit seinem Team von Spitzenseglern aus 15 Nationen den America’s Cup gegen das Team Neuseeland. Das war der Ritterschlag für den Berliner. Danach stand wieder ein Umzug an. Mit seiner Familie ging es ins spanische Valencia, wo er akribisch und mit vollstem Einsatz die Titelverteidigung vorbereitete.

Mit der „Alinghi“ gewann er 2007 erneut gegen den Herausforderer Team Neuseeland und avancierte endgültig zu einer Legende des internationalen Segelsports. Schümann, auch „Weltsegler 1996“, kommentiert diese enormen Erfolge eher nüchtern und sagt heute auf die Frage, ob es ein großer Traum von ihm war, diese Silberkannen zu gewinnen: „Ich habe die Gelegenheiten wahrgenommen, die sich mir eröffnet hatten und vieles richtig gemacht.“ Schümann meint salopp: „Dabei haben die großen Konkurrenten immer gesagt, die Deutschen stehen mit dem Rücken zum Meer!“

BLZ/Mike Fröhling
Unser Autor

Michael Jahn war einst oft bei der Crew von Jochen Schümann in Grünau zu Gast. Als Redakteur der Berliner Zeitung hat er die Karriere des Berliner Seglers auch aus der Ferne verfolgt.

Jochen Schümann ist immer sehr bodenständig geblieben, was auch seine ehemaligen treuen Mitstreiter Bernd Jäkel und Thomas Flach aus Berlin bestätigen, mit denen er ab und an telefoniert. Sein Wunsch ist, dass Deutschland endlich mal wieder an die Weltspitze im Segeln anknüpfen kann. Beim Projekt „Konzeptwerft“ mit Sitz in Hamburg unterstützt er etwa die Segel-Bundesliga und die Sailing Champions League an der bereits Segler aus 22 Ländern teilnehmen.

Jochen Schümann hat alle großen Segelreviere auf der Welt erlebt, den Müggelsee in Berlin, wo seine großartige Karriere als Junge begann, sieht er durchaus als schwieriges Gewässer an – auch durch die Uferbebauung und die nahen Müggelberge. „Ich komme immer gerne hierher zurück“, sagt Schümann. Ab und an schafft er es tatsächlich.