BerlinGeht es darum, die Faszination des Fußballs zu erklären, sind die Anhänger mit Argumenten schnell bei der Hand: einfache Struktur; übersichtliches Spielfeld; enormer Spannungsgehalt, weil selbst der größte Favorit von einem krassen Außenseiter besiegt werden kann; leicht verständliche (bis auf das Abseits und neuerdings das mit dem Handspiel) Regeln. Vor allem: Wer mindestens ein Tor mehr erzielt als der Gegner, hat gewonnen. Egal, ob dieser Treffer einer aus dem Bilderbuch ist oder ein – meist vom Unterlegenen so genanntes – Dreckstor.

Das alles hat sich stark verändert. Immer öfter kommen Trainer zu der Feststellung, dass über Sieg oder Niederlage häufig Einzelheiten entschieden, es an Details liege und manche Stellschraube nur ein klein wenig gedreht werden müsse, um (noch) erfolgreicher oder wieder besser zu werden. Manchmal denke ich: Ach, ist das langweilig. Bei längerem Nachdenken aber stelle ich fest: Fußball spielen können sie alle in dieser Eliteliga, also muss es die eine oder andere Nuance geben, die über Wohl und Wehe entscheidet. Dabei meine ich nicht einmal, ob ein Ball ins Tor geht, weil er, wie der Treffer von Robert Andrich beim 1:1 des 1. FC Union gegen den SC Freiburg, abgefälscht wird.

Pohjanpalo: die Geschichte vom goldenen Händchen

Vielleicht ist es ja das Detail, das über den Kopf geht und sich – ohne esoterisch oder mystisch zu werden – auf einer wie auch immer gearteten „zweiten Ebene“ abspielt. So wie vielleicht bei Joel Pohjanpalo und seinen acht Bundesligatoren, die er, ob sieben für Bayer Leverkusen oder sein erstes für die Eisernen beim 4:0 gegen Mainz, ausnahmslos als Joker erzielt hat. Auch das hat Qualität und jeder Trainer ist froh, einen Burschen auf der Bank sitzen zu wissen, mit dem sich die Geschichte vom goldenen Händchen erzählen lässt. Deren berühmtestes Kapitel ist am 13. Juli 2014 in Rio geschrieben worden, als mit André Schürrle (Zuspiel) und Mario Götze (Tor) gleich zwei Spieler für ein Joker-Märchen gesorgt haben. An dieses Wunder von Maracana kommt nichts heran, auch nicht Joel Pohjanpalo.

Was soll Urs Fischer, der Union-Trainer, am besten mit Joel Pohjanpalo machen? Ihn wieder als Joker bringen wie gegen Mainz? Ihm weiterhin das Vertrauen geben, das er ihm sowohl auf Schalke als auch gegen Freiburg entgegenbrachte, auch wenn dem Angreifer weder beim einen noch beim anderen 1:1 ein Tor gelang? Es ist wieder so eine Geschichte, bei der ein wenig Intuition, viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Bauchgefühl erforderlich sind. Es sind diese langsam sprichwörtlichen Details, die immer öfter den Ausschlag geben.

Mag sich Joel Pohjanpalo ärgern, dass er gegen Freiburg nicht getroffen hat, das beste Beispiel, wie ein Super-Einwechsler sich zu einem noch besseren Vom-Start-weg-Mitspieler entwickelt hat, sah er in den Reihen der Breisgauer. Nils Petersen ist mit 22 Toren der Bundesliga-Superjoker. Allerdings stand Petersen zuletzt auch in der Startelf – und ging wie Unions Finne leer aus. Nur hat Petersen bereits 55 Tore auch in jenen Spielen erzielt, in denen er schon beim Anpfiff auf dem Rasen stand.

Das soll keine Zahl sein, an der sich Joel Pohjanpalo messen sollte. Zu Ende ist das Dilemma (naja, es ist eher ein Luxusproblem) trotzdem erst, wenn er auch dann trifft, wenn er in der Startelf aufläuft. Vielleicht am Montag im Spiel bei der TSG Hoffenheim, eventuell danach im Heimspiel gegen Bielefeld. Die beste Gelegenheit, diesen komischen Tor-Fluch zu beenden, wäre womöglich nach der Länderspielpause in Köln, um es, das könnte tatsächlich am besten passen, seinem Vorgänger Sebastian Andersson zu zeigen.