Wenn’s Spaß macht: Beim Laufen mit Kindern sollten Spiel und Spaß im Vordergrund stehen. 
Foto: Imago Images

BerlinFünf Euro auf Marie, das ist der Deal. Fünf Euro pro Runde, so ist es bei Sponsorenläufen üblich und die Freude beim Vater nach der sechsten Runde groß. Nach der achten mischt sich Staunen in die Begeisterung, nach der zehnten geht der Blick ins Portemonnaie und die Tendenz dahin, den Betrag zu überweisen. 14 Runden schafft die Grundschülerin schließlich, 3,4 Kilometer ist sie über den Pausenhof gerannt, ohne nennenswertes Training.

Einige Zeit später, Corona-Zeit. Der Lockdown drängt zur Bewegung, den Vater, ebenso die Tochter. Die ist bereit, durch den Park zu joggen, allerdings unter der Bedingung, dass für alle Fälle ein Ball mitgenommen wird. Nach 100 Metern werden die Schritte schleppend, nach 200 kommt das erste „Wie lange noch?“, nach 300 wird die Herausgabe des Balls verlangt. Wo sind nur Energie und Ehrgeiz geblieben?

Die Corona-Pandemie hat viele Berliner zu Läufern gemacht. Solche, die vor dem Lockdown im Verein Sport getrieben haben oder bei ihrem Fitnessstudio plötzlich vor verschlossenen Türen standen. Und jene, denen die sprichwörtliche Decke auf den Kopf gefallen ist. Ganze Familien waren in den Parks der Stadt beim Joggen zu beobachten. Laufen mit Kindern scheint seither im Trend zu liegen. Wie bei allem jedoch, das aus der Spontanität geboren ist, stellt sich irgendwann die Frage: Machen wir es richtig?

Grundsätzlich lässt sich nicht viel falsch machen, sagt Professor Bernd Wolfarth: „Der Mensch ist ja zum Laufen geboren.“ Wolfarth steht der Abteilung Sportmedizin an der Charité vor und ist leitender Arzt beim Deutschen Olympischen Sportbund. Er hat sich intensiv mit dem Thema Sport im Kindesalter beschäftigt und weiß, dass es bei aller Natürlichkeit der Bewegung auch Einschränkungen gibt.

Die erste lautet: „Ich würde Eltern nicht empfehlen, den Nachwuchs auf die eigene Joggingrunde mitzunehmen.“ Die Strecke wird zu lang sein, das Tempo zu hoch, die Ansprüche überzogen. Nicht die Erwachsenen sollten die Kontrolle haben. Die wichtigste Grundregel formuliert Wolfarth deshalb in einem Satz: „Das Kind muss sein Laufen selbst steuern können.“

Der Sportmediziner favorisiert die spaßbetonte Bewegung, denn Zwang führt zum Stillstand. Wolfarth empfiehlt, für ausreichend Abwechslung zu sorgen. „Wenn man Laufen als eigenständigen Sport zu betreiben beginnt“, sagt er, „fängt man üblicherweise mit sehr kurzen Strecken an im Bereich von ein paar Hundert Metern.“ Ratsam seien Unterbrechungen, Gehpausen, Gymnastik. Ein leistungsorientiertes Lauftraining gilt ohnehin erst in einem Alter ab 15 Jahren als sinnvoll.

Im Internet kursieren etliche Tipps zur Laufdauer und Distanz. Neun- bis Zwölfjährige, heißt es da zum Beispiel, sollten höchstens fünf Kilometer am Stück joggen, und das nicht öfter als dreimal in der Woche. Andernorts wird dazu geraten, das Lebensalter in Minuten als Richtwert zu nehmen. Wolfarth hält davon nichts. „Man muss flexibel reagieren“, sagt der Professor. Kinder agieren nämlich ihrerseits flexibel.

Ohne Anreiz läuft bei den Kleineren sowieso nichts. Einlagen mit Ball können eine Motivationshilfe sein, kurzweilige Spiele, damit der Ausflug durch den Park nicht im trägen Trott verebbt. Bei den etwas Älteren hilft eine Herausforderung ähnlich einem Sponsorenlauf, bei dem es so viele Runden wie möglich zurückzulegen gilt: ein Wettbewerb mit Gleichaltrigen – ein Miteinander im Gegeneinander.

Bereits die Kita ist für spielerisches Laufen ein idealer Ort, die Schule ohnehin. „Leider haben wir in diesem Bereich immer noch große Defizite“, sagt Wolfarth. „Es fallen zu viele Schulsportstunden aus.“ Bleiben die Freizeit und der Verein.

Der Berliner Leichtathletik-Verband hilft bei der Suche nach der passenden Adresse, der Landessportbund führt auf seiner Homepage ein Register nach Bezirken und Sportarten geordnet. Vor allem für Stubenhocker ist der Verein die ideale Anlaufstelle, sagt Wolfarth. „Kinder sind für ihre Eltern in diesem Punkt erfahrungsgemäß nicht so zugänglich. Und es gibt ja tolle Vereinsangebote in Berlin.“ Auch hier gilt: Über das Spiel kommt der Spaß, kommt die Bewegung.

Trotzdem bleibt die Familie der Ausgangspunkt einer Laufbahn auf der Laufbahn. „Die Vorbildfunktion der Eltern spielt eine wichtige Rolle“, sagt Wolfarth. In seiner medizinischen Praxis muss der Charité-Professor feststellen, dass sich die Gesellschaft immer weiter in Dick und Dünn zergliedert: „Die Schere geht auseinander.“ Haben die Eltern zu viel Fett auf den Rippen, ist dies bei den Kindern meist auch der Fall. „Die Dicken werden immer dicker.“

Adipositas heißt der medizinische Befund, Fettleibigkeit, sie nimmt unter Heranwachsenden stetig zu. „Wir gehen davon aus, dass wir inzwischen 20 bis 30 Prozent adipöse Kinder in Deutschland haben“, sagt Wolfarth. „Das ist eine sehr, sehr hohe Zahl.“

Sie essen das Falsche und zu viel davon. Sie bewegen sich vor allem zu wenig. Doch selbst wenn in den Eltern die Erkenntnis reift, dass sich etwas ändern muss: Die kleine, kugelrunde Couchkartoffel vor die Tür und durch die frische Luft zu scheuchen, ist der falsche Ansatz.

Der Bewegungsapparat würde beim Joggen durch das Übergewicht Schaden nehmen. „Radfahren oder Schwimmen ist in solchen Fällen besser“, sagt Wolfarth. Auch fürs Abspecken gibt es in Berlin Spezialisten. „Zum Beispiel der Sport-Gesundheitspark.“ In Wilmersdorf hat der Verein seinen Sitz.

Sind die überflüssigen Pfunde erst einmal runter, ist Laufen eine gesunde Bewegungsform. Gesund auch für das Immunsystem. Wolfarth findet, dass dieser Aspekt in einen Text über das Laufen mit Kindern unbedingt hineingehört: Ausdauersport unterstützt den Körper dabei, mit Infekten klarzukommen. „Unabhängig vom Alter.“

Die Theorie, dass Dauerlauf Kinder anfälliger macht, weil er sie schwächt und sie noch nicht über genügend Abwehrkräfte verfügen, verweist der Professor in das große, weite Reich der Laufmythen. „Das allgemeine Immunsystem ist nach dem Kindergarten entwickelt.“

Auf die Dosis kommt es also an. Wobei auch geringe Mengen schon zu viel sein können. Marie jedenfalls hat ihre Karriere als Läuferin beendet, bevor sie überhaupt begann. Sie möchte jetzt Karate machen.

Fünf Gründe, warum Joggen gut für Kinder ist

Joggen steigert die Ausdauer. Körperlich und mental. Die Grundkondition wächst. Die Erfahrung, eine Strecke oder Zeitspanne laufend durchhalten zu können, hilft auch in Lebensbereichen außerhalb des Sports.
Joggen verbessert Koordination und Motorik. Spielerisch betrieben, dosiert und mit anderen Bewegungsformen ergänzt, kann das Laufen ein guter Einstieg in ein Sportlerleben sein. Klettereinlagen oder Ballspiele etwa schaffen Abwechslung und steigern die Beweglichkeit.
Joggen hilft dabei, Übergewicht zu vermeiden. Um starkes Übergewicht abzubauen, eignen sich allerdings andere, für die Gelenke verträglichere Bewegungsformen besser.
Joggen stärkt das Immunsystem. Das gilt auch für Kinder, solange sie ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend laufen. Zwang ist grundsätzlich schädlich.
Joggen macht als Familie Spaß. Allerdings nur solange die Kinder Tempo, Dauer und Strecke bestimmen. Zum Glück sind sie dabei unmissverständlich in Wort und Tat: Wenn es ihnen zu viel wird, protestieren sie oder bleiben einfach stehen.