Immer voller Einsatz: Johannes Thiemann (M.) ist ein Spieler, der sich vor allem über eine hohe körperliche Fitness definiert.
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BerlinDas Kraftfutter nach dem Training am Sonntag besteht aus ein paar Vollkornnudeln, Brokkoli und Tofu und nicht aus einem Stück Kuchen mit einer Tasse Kaffee. Die verloren gegangene Energie will Johannes Thiemann eben in gesunder Form wieder zurückführen, anstatt unnötig Kalorien draufzupacken. Das, was er sich in den vergangenen Wochen erarbeitet hat, soll möglichst lange konserviert werden. Die vielen Stunden im Fitnessstudio seines Vertrauens in Berlin sollen nicht umsonst gewesen sein. Das Ziel zwischen Personal Trainer und dem Athleten war klar abgestimmt, „aber das Ergebnis kann man nicht definieren“, sagt der Center von Alba Berlin vor dem Saisonstart an diesem Donnerstag in der Euroleague bei Maccabi Tel Aviv.

In zwei Testspielen in Litauen und zuletzt drei in Berlin aber konnte man sehen, dass sich die Arbeit ausgezahlt hat. Der 26-Jährige wirkte fit, austrainiert und scheint die eigenen Akkus bis in den dunkelgrünen Bereich geladen zu haben. Das hatte vor einem Jahr noch ganz anders ausgesehen. Da war Thiemann mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in China, hatte davor schon einige Wochen bei Lehrgängen mit dem Nationalteam verbracht. Ausgelaugt kam er erst wenige Tage vor dem Saisonstart in Berlin an.

Coronabedingt gab es in diesem Sommer nun keine Länderspiele und keine Lehrgänge mit der Nationalmannschaft. Nach dem Meisterschaftsturnier in München hatten die Spieler zwei Monate Pause. „Das war ungewohnt, und ich hätte natürlich lieber den Sommer mit der Nationalmannschaft verbracht“, so Thiemann, „aber ich bin froh, dass ich die Zeit für mich selber nutzen konnte, um an meinem Körper und meinem Spiel zu arbeiten. Aber auch die Zeit, die Füße hochzulegen und sich mal mehr als nur zwei, drei Wochen Pause zu gönnen, tat gut.“

Eine Pause, die so ein Körper eben auch mal benötigt. Denn: Bekommt er nicht ausreichende Regenerationszeit, holt er sie sich. Nach dem wochenlangen Programm mit der Nationalmannschaft im Rahmen der Weltmeisterschaft in China waren es im vergangenen Jahr Leistenprobleme, die Johannes Thiemann zum Zuschauer werden ließen. Erst nach fast zwei Monaten absolvierte er Anfang November sein erstes Bundesligaspiel. Schon ein Jahr zuvor, in seiner ersten Alba-Saison, wurde der 26-Jährige, nach einem gelungenen Debüt am ersten Spieltag, durch eine muskuläre Verletzung im Oberschenkel ausgebremst. Auch dort war Thiemann im Sommer mit der Nationalmannschaft unterwegs gewesen.

Deutlich besser ist seinem Körper der zurückliegende Sommer bekommen. Gemeinsam mit seinem Personal Trainer hat er versucht, „daran zu arbeiten, den Körper stabiler zu kriegen, ein bisschen mehr Kraft und Explosivität reinzubekommen“, erzählt der Center. „Zeitgleich haben wir auch aber auch versucht, etwas Körperfett runterzukriegen, um den Körper in eine bessere Verfassung zu bringen.“ Vier Wochen arbeiteten sie daran, fast immer zusammen mit seinem neuen Teamkollegen Maodo Lo. Fast täglich war das Alba-Duo, das auch gemeinsam in der Nationalmannschaft spielt, schwitzend und trainierend auf Instagram zu sehen. Mal schwere Lkw-Reifen durch die Gegend bewegend, mal bei Laufübungen im Sand oder bei Sprints auf der Laufbahn im Mommsenstadion. Einmal in der Woche wurden all diese Sachen in ein Strongman-Workout verpackt.

Dabei ging es ihm vor allem darum, auch mal ein paar untypische Übungen zu machen, einfach aus der Komfortzone rauskommen. Und „um im Körper mal einen anderen Reiz zu setzen. Gerade dieser eine Tag mit diesen Reifen und Sprints war schon immer sehr hart. Da gab es genug, worüber man sich beschweren konnte“, erzählt der Nationalspieler und kann mittlerweile über die Übungen lachen, die er noch vor ein paar Wochen am liebsten verteufelt hätte.

Die intensive Arbeit hat sich aber bereits ausgezahlt. Mit dieser Mischung aus einer etwas längeren Pause als sonst und der zusätzlichen Zeit, „um mit Training ein paar Schwächen auszumerzen und ein paar Stärken auszubauen“, hat sich Johannes Thiemann gleich zu Beginn der Vorbereitung in eine Form gebracht und das auch in den Testspielen gezeigt. Für einen Spieler, der sich auf dem Feld vor allem über eine hohe Intensität und Einsatzbereitschaft definiert, ist eine körperliche Fitness die Basis, um die benötigte Leistung abrufen zu können. Mit seinen 2,06 Metern zählt er im Team der Berliner zu den größten Spielern, gerade in der Euroleague aber fehlen eben ein paar Zentimeter im Vergleich zu den wirklichen Riesen.

Um gegen die im Kampf um den Defensivrebound gegenhalten zu können, braucht es andere Elemente. Und um in der Offensive punkten zu können, zieht es den 26-Jährigen immer häufiger an die Dreierlinie, auch im Umschaltspiel nach Ballgewinnen ist Thiemann meistens schneller als die etwas behäbig daherkommenden Hünen über 2,10 Meter, die teilweise noch den klassischen Brettcenter und weniger den athletischen Mann unter dem Korb verkörpern.

Aus dem eigenen Team haben sich mit Landry Nnoko und Tyler Cavanaugh zwei Center im Sommer in Richtung anderer Vereine in Europa verabschiedet. Mit Ben Lammers wurde auf dieser Position bislang erst ein neuer Mann verpflichtet. Nach aktuellem Stand bedeutet das für Johannes Thiemann in seinem dritten Alba-Jahr vor allem mehr Zeit auf dem Parkett. „Das hat sich jetzt ein bisschen so ergeben, ich weiß aber auch, dass ich diese Rolle ausfüllen kann“, sagt er. Unabhängig davon, ob 2,13 Meter-Mann Shevon Thompson, der mit einem Probevertrag über einen Monat ausgestattet wurde, aber bislang nur mit dem Team trainiert und nicht gespielt hat, in Berlin bleibt oder nicht, konnte Johannes Thiemann ausreichend Argumente dafür sammeln, dass er in dieser Saison mehr Spielzeit verdient hat.

In drei von fünf Spielen punktete er zweistellig, zweimal wäre fast ein Double-Double aus Punkten und Rebounds gelungen. Viel wichtiger ist aber die Zahl der Ballgewinne. In den zwei Spielen gegen Olympiakos Piräus waren es zusammen fünf, gegen Mailand vier. Diese Ballgewinne sind eine Folge der körperlichen Fitness, die sich Johannes Thiemann über den langen Sommer aneignen konnte und die für sein Spiel so wichtig ist.