Der Moment, als es geschah: Michael Ojo rammt Johannes Thiemann beiseite.
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BerlinSie haben relativ deutlich gewonnen und durch die nachträgliche Korrektur sogar noch mit einem Punkt mehr, als beim Abpfiff auf dem Videowürfel gestanden hatte. Eigentlich hätte Marco Baldi entspannt sein   obligatorisches Nachspiel-Getränk zu sich nehmen können, doch Alba Berlins Geschäftsführer war nicht nach großer Freude zumute. „Ich freue mich natürlich über den Sieg, aber ich sehe auch, was wir jetzt vor der Brust haben“, sagte er.

Der zweite Teil des Satzes zielte auf seine Sitznachbarn an der Stirnseite des Spielfeldes, von wo er die Partien stets verfolgt. Am Dienstag saßen dort die verletzten Tyler Cavanaugh, Peyton Siva und Stefan Peno. Seit Mittwoch ist klar, dass dort auch wieder Johannes Thiemann Platz nehmen wird. Der Center musste kurz vor Ende des dritten Viertels vom medizinischen Stab in die Kabine eskortiert und später in ein Krankenhaus gebracht werden. Da sich dort neben dem abgebrochenen Schneidezahn der Anfangsverdacht einer Gehirnerschütterung bestätigte, wird er auf unbestimmte Zeit ausfallen, wie der Verein   mitteilte.

Geschäftsführer Baldi: "Wir haben Probleme"

„Wir haben Probleme“, sagte Baldi bereits am Vorabend. Probleme mit der Länge der Verletztenliste, aber vor allem auch wegen des Spielplans. Am Dienstag Belgrad, am Donnerstag ein Heimspiel gegen Olympiakos Piräus (20 Uhr) und am Sonnabend in eigener Halle gegen Oldenburg – drei Spiele in fünf Tagen. „Normalerweise verpasst ein Spieler, wenn er mal zwei Wochen raus ist, zwei Spiele. Wir spielen jetzt aber im Zwei-Tage-Rhythmus und das geht so weiter. Gerade bei der Dichte an Spielen ist das ein Problem und das kann man auch nicht ewig kompensieren, die Energie ist endlich“, sagte Albas Geschäftsführer.

Einen Profikader von 14 Spielern hat er mit Sportdirektor Himar Ojeda zusammengestellt, dazu mit Kresimir Nikic, Malte Delow und Lorenz Brennecke drei Nachrücker zur Verfügung. Ausreichend Spieler, möchte man meinen, um auch durch eine Saison zu kommen, die durch 34 Euroleague-Partien, 32 Spiele in der Bundesliga sowie mindestens eine Pokalpartie aufgebläht ist. Aber schon in den ersten Wochen gab es Verletzungsprobleme. Aus dem aktuell zur Verfügung stehenden Kader mussten bereits Makai Mason, Martin Hermannsson, Kenneth Ogbe und Marcus Eriksson Verletzungen überwinden. Siva und Thiemann fallen sogar schon zum zweiten Mal aus, Cavanaugh muss für drei Monate pausieren und Peno laboriert noch an einer schweren Knieverletzung aus der vergangenen Spielzeit.

Bei Peno hatte man an eine Rückkehr im November geglaubt, doch ist die   eher auf Anfang 2020 verschoben. „Bei ihm ist es ein Rantasten“, sagte   Baldi vor wenigen Wochen, „das Knie wird belastetet und dann wird geschaut, wie es reagiert. Wenn es zu stark darauf reagiert, muss man wieder ein Stück zurückgehen. Deshalb ist es auch schwer zu sagen, wann er wieder spielen kann. Er weiß es selber nicht.“

Freude über Erikssons Rückkehr

Bei all den schlechten Nachrichten kann sich Alba   über die Rückkehr von Marcus Eriksson freuen. Zumindest teilweise. Denn: „Er spielt wieder, aber nach mehr als einem Monat Pause ist er nicht in derselben Verfassung wie vor seiner Verletzung“, sagte Trainer Aito Garcia Reneses. Und das gilt für nahezu jeden Spieler. Ist eine Verletzung erst einmal auskuriert, geht es an den Formaufbau, der unterschiedlich lange dauert. „Es ist sehr schwer einen Rhythmus aufzubauen, es geht gerade nur ums Überstehen“, so Baldi, „es ist eine durchaus prekäre Situation, da können wir nicht so einfach drüber hinweggehen.“ Erst recht nicht, wenn auch die Nachrücker Probleme haben. „Kresimir Nikic wäre eine Option, aber er war zuletzt auch verletzt. Wenn es ihm besser geht, wird er dabei sein. Aber das ist nicht das einzige Problem: Auch Malte Delow hat sich bei unserer zweiten Mannschaft verletzt und ich kann nicht spielen“, sagte Coach Aito mit etwas Galgenhumor.

Die Situation ist nicht neu. Auch im Vorjahr waren bei Alba reihenweise die Spieler ausgefallen. Das wurde mit jungen Spielern wie Franz Wagner und Jonas Mattisseck sowie den Nachverpflichtungen von Landry Nnoko und Derrick Walton kompensiert. Letzteres scheint nicht mehr ausgeschlossen, auch wenn die sportliche Leitung das bislang ausgeschlossen und stattdessen immer wieder auf die Breite des Kaders sowie die Nachwuchsspieler   verwiesen hat. Da sich die Verletzungen aber auch auf die Ergebnisse auswirken, sieht Baldi „eine große Gefahr, dass man weitere Federn lässt“.

Weniger in der Euroleague, wo Alba Berlin mit drei Siegen und sechs Niederlagen im Soll liegt, sondern im Kerngeschäft Bundesliga. Dort droht am Sonnabend gegen Oldenburg die dritte Niederlage in Serie. Und dann wird Baldi das Getränk nach dem Spiel noch weniger schmecken.